Worpswede
Heinrich Vogeler und seine Utopie eines neuen Zusammenlebens
Kommen Konsum und Ich-Kult an ein Ende? Künstler fragen nach neuen Formen des Zusammenlebens. Ihr Vorbild: Heinrich Vogeler aus Worpswede.
Eintritt 30 Pfennig, Erwerbslose frei: In der Weimarer Republik reist Heinrich Vogeler durch die Lande, um die „Wahrheit über Sowjet-Rußland“ weiterzutragen. Am 14. Oktober 1924 macht er Station in Osnabrück. In der Stadthalle hält er sein Referat, zeigt seine Komplexbilder über das Leben im damals noch jungen Staat der Oktoberrevolution. Heinrich Vogeler muss wie ein Missionar gewirkt haben, der die Sache einer neuen Religion unter die Leute bringen wollte. Sein Ideal eines neuen Zusammenlebens im Zeichen des großen Wir - was sagt das heute, in einer Zeit von Konsumkultur und Selbstverwirklichung? Die Künstlerkolonie Worpswede, die Vogeler mit dem Barkenhoff ihr Wahrzeichen verdankt, versucht eine zeitgemäße Antwort. Hier weiterlesen: Neuer Kurs für die Kunsthäuser in Worpswede.
Missionar der Sowjet-Union
Vogeler als Missionar der Sowjet-Union, ausgerechnet er, der Ästhet des Jugendstils? Heinrich Vogelers angebliche, vom Erlebnis des Ersten Weltkriegs ausgelöste Wende vom Jugendstil zum Kommunismus, hat früher ideologisch befeuerte Debatten ausgelöst. Dabei ist aus heutiger Sicht klar, dass der Künstler, der mit dem Barkenhoff sein Idealreich der Schönheit als Lebensphilosophie errichtet hatte, mit dem Kommunismus nur die nächste, in sich geschlossene Weltanschauung angenommen hatte. Auch der Barkenhoff war als Versuchslabor und Zeitkapsel einer gesellschaftlichen Utopie konzipiert - mit Heinrich Vogeler als ihrem Architekten einer neuen Form des Zusammenlebens.
Strikte Arbeitsteilung
Das Osnabrücker Plakat ist nun im Worpsweder Barkenhoff zu sehen. „WIR. Bilder für eine neue Kunst des Zusammenlebens“ zeigt künstlerische Entwürfe einer neuen Gemeinschaftlichkeit des Lebens im Barkenhoff und der Großen Kunstschau. Vogeler im Barkenhoff, aktuelle Positionen in der Kunstschau - nach dieser strikten Arbeitsteilung funktioniert die Präsentation, auch um dem Preis, in zwei unverbunden wirkende Teile auseinanderzufallen. Die jeweiligen Positionen scheinen zu weit voneinander entfernt zu liegen, um sich wirklich zueinander fügen zu können. Heinrich Vogelers Erlösungsgestus einer neuen Wahrheit ist ohnehin ferngerückt und durch die Erfahrungen mit dem Kommunismus im 20. Jahrhundert nachhaltig relativiert.
Pathos des Aufbruchs
Umso anrührender wirken heute Vogelers sogenannte Komplexbilder von der neuen sowjetischen Gesellschaft, die mit ihrer intensiven Farbigkeit auch von jenem Pathos des Aufbruchs künden, mit denen Vogeler und andere Künstler damals im Namen einer neuen Verheißung aufgebrochen waren. Vogeler komponiert seine Komplexbilder als dynamisch schwingende Raumgebilde aus Dreiecken und Kreisscheiben, in deren Segmente er Szenen des Lebens im Kollektiv einfügt. Lernende, Fabrikarbeiter, Bauern auf dem Feld, dazu Traktoren und Lokomotiven und immer Lenin sowie Sowjetstern - auf Vogelers Bilder ist das Paradies des Kommunismus noch intakt. Es sollten noch Jahre vergehen bis zu Stalins Moskauer Schauprozessen.
Neue Welt der Schönheit
Der vormalige Ästhet des Jugendstils überließ auch in seiner von der Sowjetunion inspirierten Phase nichts dem künstlerischen Zufall. So sorgfältig, wie er kurz nach 1900 Radierungen von einsamen Rittern und verträumten Märchenfrauen gemalt hatte, so detailversessen fertigte er dann farbig ausgemalte Dias für seine Vorträge über den Sowjetkommunismus. Der Künstler als Führer in eine neue Welt der Schönheit: Diese Selbsteinschätzung behielt Vogeler in seinen angeblich so strikt voneinander getrennten Werkphasen bei. Sie zerschellte später, als die sowjetische Diktatur ihn marginalisierte und Hitlers Faschismus ihn bedrohte. Vogelers elender Hungertod 1942 markierte mit dem Lebensende auch den Tod der Illusionen einer ganzen Generation von Weltverbesserern.
Alte Stühle im Rohrkonstrukt
Von solcher Inbrunst und Selbsthingabe sind Künstler heute weit entfernt. Sie produzieren Entwürfe eines neuen Zusammenlebens als Kunst, die Kritik übt und Denkanstöße macht, mehr nicht. Das Bodenensemble der „111 Schalen“ von Young-Jae Lee übersetzt die Utopie eines neuen Zusammenlebens ebenso in ein künstlerisches Bild wie Alexej Meschtschanows „Bopparder Kanapee“, eine Konstruktion aus zwölf alten Stühlen, die in ein Stahlrohrkonstrukt montiert sind. Wie verhalten sich Individualität und Kollektiv zueinander? Die in der Großen Kunstschau präsentierten Werke gehen vor allem dieser Frage nach, thematisieren darüber hinaus die Fragen von Migration und Menschenrechten, von fairem Handel und Ausgrenzung.
Krisen der Gegenwart
Diese Werke sind anregend und bleiben doch Stückwerk angesichts der großen Krisen der Gegenwart. Zudem erscheinen sie in den Räumen der Kunstschau allzu gedrängt und damit unübersichtlich inszeniert. Für den Augenblick macht das nicht einmal etwas, weil die Worpsweder Häuser das Thema eines neuen Zusammenlebens ab 2022 wieder aufnehmen werden. Unter dem Titel „Zeitenwende“ werden dann über mehrere Jahre hinweg Antworten auf die aktuellen Krisenlagen im Mittelpunkt stehen. Dieser Ansatz wird auch die Werke neu in den Blick bringen, mit denen die Worpsweder Koloniegründer vor über 100 Jahren für Furore sorgten. Auch sie standen vor den Krisen einer Zeit der Kriege und Revolutionen. Ihre Antworten, Hoffnungen und Irrtümer sollten uns deshalb unbedingt wieder interessieren. Zu dem „Sowjet-Deutschland“, von dem auf Vogelers Osnabrücker Vortragsplakat zu lesen ist, ist es nicht gekommen. Es war sicher besser so.
Worpswede: Barkenhoff, Große Kunstschau: WIR. Bilder für eine neue Kunst des Zusammenlebens. Bis 6. März 2022. Mo.-So., 10-18 Uhr. Zu den Informationen über die Ausstellungen geht es hier.