Vereinsleben

Erbitterter Streit um Regularien beim Hospizverein

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 15.08.2021 10:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Arbeit des Hospizvereins in Aurich, hier ein Symbolbild, wird von allen Seiten gelobt. Foto: Kästle/dpa
Die Arbeit des Hospizvereins in Aurich, hier ein Symbolbild, wird von allen Seiten gelobt. Foto: Kästle/dpa
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Der Hospizverein Aurich möchte am 16. August eine Mitgliederversammlung einberufen. Doch ein Mitglied will das wegen angeblicher Formfehler verhindern. Der Vorstand legt dessen Motive bloß.

Aurich - Eigentlich wollen sie Menschen würdevoll auf ihrem Weg in den Tod begleiten. Doch dieser Vereinszweck wird derzeit von einem Formalienstreit überschattet. Ein Mitglied des Auricher Hospizvereins hat in diesen Tagen in einem offenen Brief Vorwürfe gegen den Vorstand erhoben. Der ist nach dem Weggang des Schatzmeisters und des Schriftführers auf den 1. Vorsitzenden Horst Feddermann und dessen Stellvertreter Dr. Albrecht Kottmeyer geschrumpft. Für Montag, 16. August, hat der Vorstand zu einer Jahreshauptversammlung eingeladen. In dem Schreiben heißt es, dass die Teilnehmerzahl begrenzt sei und deshalb um eine Anmeldung gebeten werde. Zugelassen werde überdies nur derjenige, der geimpft, genesen oder getestet sei.

Die Begrenzung der Teilnehmerzahl ist nach Auffassung von Ulrich Schilling nicht zulässig. Das hat das Vereinsmitglied in einem Offenen Brief deutlich gemacht. „Da macht jemand einfach seine eigenen Regeln“, ärgerte sich der Wittmunder am Freitag im Gespräch mit dieser Zeitung. Um das zu verhindern, gebe es eine Satzung. „Auch wenn Herr Feddermann Bürgermeister ist, kann er sich nicht alles erlauben.“ Deshalb habe er den Vorstand aufgefordert, eine neue „ordnungsgemäße Mitgliederversammlung einzuberufen“. Einen Saal für 42 Personen zu mieten, wenn der Verein rund 180 Mitglieder habe, sei in seinen Augen nicht richtig.

Stadthalle wäre viel zu teuer

Anstoß nehme er auch daran, dass die Mitglieder lange Zeit nicht über das Ausscheiden der Schriftführerin im April 2020 informiert worden seien. Das etwas mehr als ein halbes Jahr später auch der Kassenwart die Segel gestrichen habe, sei gar nicht kommuniziert worden. Nach Auffassung von Ulrich Schilling hätte bereits vor Monaten eine Hybrid-Versammlung einberufen werden müssen. Das heißt, eine Zusammenkunft, bei der man sich per Video-Konferenzen zusammenschaltet und die erforderlichen schriftlichen Beschlüsse dann brieflich nachholt. „Das ist zwar eine Menge Arbeit, aber machbar“, sagt Schilling.

Horst Feddermann hält von dem Vorschlag einer neu einzuberufenden Mitgliederversammlung überhaupt nichts. Das sei in seinen Augen nicht erforderlich. Er habe eigens nachschauen lassen, wie viele Mitglieder bei den vorherigen Sitzungen anwesend waren. Das seien zwischen fünf und 25 Männer und Frauen gewesen. „Eine Stadthalle für diese Anzahl von Personen anzumieten, wäre völlig übertrieben“, stellt Feddermann klar. Bisher habe man jeden, der kommen wolle, berücksichtigen können. Wie viele Mitglieder derzeit angemeldet sind, konnte der 1. Vorsitzende nicht sagen. Das liege in der Zuständigkeit der beiden Mitarbeiterinnen des Vereins, die für die Organisation zuständig sind. Auch wenn jetzt noch nicht angemeldete Mitglieder kämen, würde man für die einen Platz finden.

Bürgermeister gibt Mitglied Kontra

Horst Feddermann hält den Offenen Brief von Ulrich Schilling für eine „Retourkutsche“, weil dessen Frau Ute Gerkens-Schilling, eine ehemalige Auricher Hospiz-Mitarbeiterin, vor anderthalb Jahren eine Kündigung erhalten habe. Zwei Prozesse seien die Folge gewesen, einer vor dem Arbeitsgericht Emden und dann die Berufung vor dem Landesarbeitsgericht in Hannover. Beide Verhandlungen seien zugunsten des Hospizvereins ausgegangen. Nun werde versucht, den Verein und den Vorstand in der Öffentlichkeit zu belasten. „Es ist für mich eine Ungeheuerlichkeit, wie mit ehrenamtlichem Engagement umgegangen wird“, sagte Feddermann, der den Vorsitz seit 2017 innehat.

Auch Dr. Albrecht Kottmeyer spricht von einer „narzisstischen Kränkung“, die die Familie Schilling offenbar erlitten habe. Weil sie damit nicht umgehen könne, würde sie versuchen, durch den Umweg über die Mitgliederversammlung dem Verein Schaden zuzufügen.

Rechtsanwalt sieht Sache kritisch

Was sagt ein Rechtsanwalt zu der Problematik? Wilhelm Michael Bruns würde aus „pragmatischen Erwägungen“ eine neue Mitgliederversammlung einberufen. Der Jurist geht davon aus, dass der Schreiber des Offenen Briefs die Beschlüsse der Sitzung anfechten wird. „Das beschäftigt dann Gerichte, kostet Geld und am Ende steht der Vorstand blamiert da“, entwirft der Rechtsanwalt aus Hannover ein mögliches Szenario. Mit einem neuen Termin unter anderen Vorzeichen sei der Verein auf der sicheren Seite. Natürlich könne man auch in die Satzung schauen. Dort werde aber aller Voraussicht das Vorgehen in Pandemie-Zeiten nicht erörtert.

In der Satzung steht in der Tat nichts darüber, wie viele Mitglieder zu einer Versammlung erscheinen müssen. Dort ist nur niedergelegt, dass eine „ordnungsgemäß einberufene Mitgliederversammlung“ in jedem Fall beschlussfähig ist. Was sich tatsächlich am Montag, 16. August, dort ereignet, wird die Öffentlichkeit aus eigener Anschauung nicht erfahren. Bei den Versammlungen sind nämlich nur Mitglieder zugelassen.

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