Justiz
Totschlag in Leer: Gutachter schließt Affekttat aus
Im Januar stach ein 38-jähriger Koch mit einem Messer auf einen Kollegen ein. Ein Stich war tödlich. Beim Prozess in Aurich kam nun der psychiatrische Gutachter zu Wort. Er sieht keine Affekttat.
Aurich - Im Schwurgerichtsprozess am Auricher Landgericht um einen Totschlag in Leer sah der psychiatrische Gutachter keinen Hinweis für eine strafmildernde Affekttat. Der 38-jährige Koch eines Restaurants soll am 18. Januar seinem 42-jährigen Kollegen nach einem Streit drei Stiche zugefügt haben. Einer war tödlich: Den Obduktionsergebnissen des Rechtsmediziners Dr. Benedikt Vennemann zufolge wurden die großen Blutgefäße des linken Beines durch eine sieben Zentimeter lange Verletzung im Bereich der Leiste durchtrennt. Tatwaffe war ein Küchenmesser mit einer Klingenlänge von elf Zentimeter. Der Geschädigte – er hatte einen Blutalkoholgehalt von 0,6 Promille – verblutete am Tatort hinter dem Lokal. Wiederbelebungsmaßnahmen blieben erfolglos.
Vennemann berichtete bei der Fortsetzung des Prozesses am Montag auch über seine Untersuchung des Angeklagten. Der schmächtige Mann wies etliche oberflächliche Hautverletzungen im Gesicht und am Nacken auf sowie zwei tiefe Stichverletzungen am Arm. Seiner Einschätzung nach entstanden die Wunden durch eine Schere und Fingernägel. Aber: „Die Verletzungen geben nicht viel her, was die Rekonstruktion des Tatgeschehens angeht“, sagte er.
Streit soll um die Reinigung der großen Edelstahl-Filter entbrannt sein
Der psychiatrische Gutachter Dr. Matthias Eibach hat sich im März mit dem Angeklagten unter Vermittlung einer Dolmetscherin unterhalten. „Er hat sich kurz gehalten mit den Antworten. Es war ausgesprochen mühsam, etwas über ihn zu erfahren“, resümierte er. Der 38-jährige Vater von vier Kindern machte in seiner vietnamesischen Heimat eine Ausbildung zum Fischwirt auf einer Zuchtfarm für Speisefische. Im September 2019 kam er nach Deutschland, um sich einen Job zu suchen. Das Geld schickte er nach Hause. Er arbeitete als Renovierungshelfer in Berlin und als Sushikoch in der Köln-Bonner Region. Über eine Internetanzeige kam er nach Leer, um in dem Restaurant zu arbeiten. Der Angeklagte nimmt keine Drogen und trinkt nicht.
Der Streit mit tödlichem Ausgang soll um die Reinigung der großen Edelstahl-Filter entbrannt sein, berichtete Eibach. Der Angeklagte habe mitgeteilt, der 42-Jährige habe ihn geschlagen und die Schere herausgeholt. Er sei in die Küche gegangen, um Sushi vorzubereiten. Sein Widersacher sei hereingestürmt und habe gerufen „Ich ficke deine Mutter. Ich werde dich umbringen“. Dieser habe ihn am Unterarm verletzt und am Kragen nach draußen gezurrt. Der 38-Jährige habe eingeräumt, das Messer vom Möhrenschneiden in der Hand gehabt und zugestochen zu haben. „Er weiß nicht, wie oft und wohin“, sagte Eibach. Eine Affekttat schloss der Gutachter aus, weil zwischen den beiden Kontrahenten keine längere, emotional aufgeladene Vorbeziehung bestanden hätte. Hinweise für eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung, die zu einer Schuldunfähigkeit führen würde, sah der Gutachter ebenso wenig.
Am Mittwoch wird um 9 Uhr in Saal 003 plädiert.