Justiz
Prozess: Polizistin schildert chaotische Lage am Unfallort
In Emden läuft der Prozess um den tödlichen Bootsunfall auf dem Barßeler Tief im Jahr 2016. Alle überlebenden Bootsinsassen haben ausgesagt. Doch eine wichtige Frage bleibt offen.
Emden - In Emden ist am Dienstag der Prozess wegen des tödlichen Bootsunfalls auf dem Barßeler Tief im Jahr 2016 weitergegangen. Ein heute 30-Jähriger muss sich unter anderem wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung verantworten.
Am zweiten Prozesstag schilderte eine Polizeibeamtin den verheerenden Anblick, der sich ihr in der Augustnacht bot. Sie war als eine der ersten Einsatzkräfte am Unfallort eingetroffen. „Es war stockdunkel“, erinnerte sie sich, „eine sehr chaotische Lage.“ Sie habe den Angeklagten am Ufer gesehen. Immer wieder habe dieser geschrien, dass er zurück ins Wasser müsse und nur von Feuerwehrleuten daran gehindert werden konnte. Einsatzkräfte hätten der Beamtin dann erklärt, dass noch nicht alle Bootsinsassen wieder an Land seien. „Alle standen unter Schock“, betont die Polizistin. Wirklich ansprechbar sei keiner der Überlebenden gewesen, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits ans Ufer gerettet hatten. Kurze Zeit später seien dann Einsatzkräfte der Feuerwehr mit den beiden Verstorbenen aus dem Wasser gekommen. Die Polizistin erkannte beim Anblick der aus dem Wasser geborgenen Personen sofort, dass der Unfall schlimme Folgen hatte: „Ich sah Verletzungen, die mit dem Leben nicht vereinbar waren.“
Keine detaillierten Angaben
In dem Prozess zeichnet sich auch nach den Aussagen aller Überlebender des Unglücks bislang kein klares Bild des Unfallgeschehens ab. Insbesondere die Angaben zum Tempo der beiden beteiligten Boote bleiben vage oder widersprüchlich. Das sei schon in den ersten Vernehmungen nach dem Unfall so gewesen, wie ein ehemaliger Polizeibeamter am Dienstag berichtete. Er hatte die damaligen Ermittlungen geführt. „Keiner konnte eine wirklich detaillierte Angabe zur Geschwindigkeit machen“, sagte er.
Am Dienstag sagten zwei weitere Überlebende des Unglücks aus. Eine heute 30-Jährige, die im Boot des Angeklagten auf der Rückbank saß, berichtete, im Hafenbecken sei man noch mit Schrittgeschwindigkeit gefahren. Weiter draußen im Barßeler Tief habe der Angeklagte das Boot aber beschleunigt. Wie sehr? „Das kann ich nicht einschätzen“, so die Zeugin. Trotz wiederholter Nachfragen ließ sie sich nur zu der Aussage verleiten, man sei „etwas schneller“ gefahren.
Zeugin berichtet von Angst vor dem Unfall
Die Zeugin räumte aber ein, während der Fahrt ein ungutes Gefühl gehabt zu haben. „Ich hatte Angst, dass etwas passiert“, sagte sie. Auf Nachfrage betonte sie jedoch, nicht die Geschwindigkeit des Bootes habe diese Angst verursacht. Viel eher habe es sie beunruhigt, dass sich das Boot derartig weit vom Hafen entfernt hatte.
Emotional wurde die Verhandlung, als eine heute 27-jährige Frau in den Zeugenstand trat, die den Bootsunfall mit sehr schweren Verletzungen überlebt hatte. Nur eine Notoperation hatte der jungen Frau damals das Leben gerettet, wie es in einem Bericht heißt, den der Richter am Dienstag im Gerichtssaal verlas. Die Frau hatte ein schweres Schädelhirntrauma, einen Schädelbruch, sowie Brüche des Kiefers und des Jochbeins erlitten.
Unter Tränen berichtete die Frau von bleibenden Schäden, die sie bis heute stark einschränken. Die Finanzwirtin habe ihren Arbeitsplatz wechseln müssen, weil sie der Belastung nicht standhielt, zudem könne sie nur in Teilzeit arbeiten. Chronische Kopfschmerzen, Ermüdung und Konzentrationsschwächen seien bis heute spürbar. „In den letzten Jahren hat sich daran eigentlich nichts verbessert“, sagte die Frau, die betonte, wie sehr sie auch die lange juristische Aufarbeitung belaste.