Erlebnis
Von Marienhafe aus jagte Störtebeker die „Pfeffersäcke“
Als Störtebeker in Ostfriesland Unterschlupf fand, reichte das Meer bis nach Marienhafe. Von hier ging der Freibeuter auf Kaperfahrten. Besonders begehrt waren die Gewürze auf den Schiffen der Hanse.
Marienhafe - 140 Stufen führen hinauf auf den Turm der Marienkirche, der den Namen des berühmtesten aller deutschen Freibeuter trägt. Ein Aufstieg auf den Störtebeker-Turm in Marienhafe ist ein kleines Abenteuer. Eine Holztreppe windet sich in der Mitte der hohen Störtebeker-Kammer in die Luft. Wer sie besteigt, sollte frei von Schwindel sein oder den Blick konsequent nach oben richten. „Manche Besucher drehen hier schon um“, sagt Alfred Janssen, der seit vier Jahren als Türmer Marienhafes berühmtestes Bauwerk hütet. Hier in der mächtigen Kammer soll er gewohnt haben: der sagenumwobene Klaus Störtebeker.
Der Pirat soll 1396 nach Marienhafe gekommen sein, wie Rolf Janßen, der Türmer-Kollege von Alfred Janssen, erklärt. Auch 600 Jahre nach seinem Ableben ranken sich unzählige Legenden um den Piraten. Trotzdem ist noch immer wenig davon historisch belegt. Die Häuptlingsfamilie der tom Brooks, so heißt es, gewährte Störtebeker Unterschlupf. Der Freibeuter richtete sich im Turm ein und nutzte den Hafen, der damals gleich gegenüber des Turmes lag als Operationsbasis für Kaperfahrten und militärische Expeditionen.
Turm war einst noch imposanter
Die Häuptlinge profitierten von der Schlagkraft der Freibeuter. „Sie hatten immer Krieg untereinander“, sagt Rolf Janssen. „Und die Piraten waren das Kämpfen gewohnt.“ So habe der Häuptling militärische Hilfe bekommen. Störtebeker konnte im Gegenzug die erbeuteten Waren auf dem Markt von Marienhafe ungehindert vertreiben. Besonders auf die Gewürze der Hamburger Hanse-Schiffe hätten es die Freibeuter abgesehen. Rolf Janßen spricht etwas abschätzig von den „Pfeffersäcken“, wenn er über die Hamburger spricht. Die kostbaren Gewürze der Hanseaten seien eine lukrative Beute gewesen.
Der Turm – wie ihn Störtebeker sah, als er auf seiner Kogge erstmals in Marienhafe einlief – war noch ein gutes Stück imposanter als seine heutige Gestalt offenbart. Fast 80 Meter muss er in die Höhe geragt haben. Ein Feuer im Jahr 1820 und ein Rückbau in den Folgejahren stutzten ihn auf seine heutigen rund 40 Meter. Doch noch immer überragt er ganz Marienhafe und ist in der flachen Landschaft schon von weithin sichtbar.
Landgewinnung versetzte Marienhafe ins Binnenland
Ist die schwindelerregende Treppe durch die Störtebeker-Kammer bezwungen, beginnt das wahre Abenteuer des Aufstiegs. Bis hierhin war die Treppe neuzeitlich. Nun geht es in engen Windungen vorbei an Schießscharten auf einer schmalen Wendeltreppe durch das drei Meter dicke Gemäuer. Die kühle Luft riecht etwas muffig. Die Stufen sind weder gleich hoch noch breit. Die Enge erinnert daran, dass die Menschen in Störtebekers Zeitalter kleiner waren. Ein ostfriesischer Hüne der Gegenwart muss aufpassen, sich nicht den Kopf anzuschlagen.
Ein Luftzug verrät, dass der Gipfel nicht weit sein kann. Tageslicht fällt ein. Die heutige Aussichtsplattform in 37 Metern Höhe ist erklommen. Von hier aus offenbart sich der Blick über das einstige Störtebeker Land. „Dort unten in der Senke lag das Hafenbecken“, sagt Türmer Alfred Janssen und deutet auf den Parkplatz am Fuße des Turmes. Doch heute ist von Koggen und Freibeutern hier nichts mehr zu sehen. Die Landgewinnung an der Nordseeküste versetzte den Küstenort Marienhafe ins Binnenland. Wo einst die Wellen der Nordsee an Land brachen, grasen heute Rinder und Windräder drehen ihre Kreise.
Aussicht bis in die Niederlande
Störtebeker aber konnte von hier oben Ausschau über das Meer halten und frühzeitig aufziehende Stürme ausmachen, oder eben die Schiffe von den Hamburger Pfeffersäcken. Und auch heute reicht der Blick bei klarer Sicht weit hinaus über das flache Land. In der Ferne ist der Hafen von Emden erkennbar und noch weiter dahinter ein Kraftwerk im niederländischen Eemshaven. Kaum auszudenken, wie weit der Blick reichen würde, wäre der Turm noch so hoch wie zur Zeit der Freibeuter.
Ob der berühmte Pirat tatsächlich hier lebte? Der Türmer Rolf Janßen hat da keinen Zweifel. Es brauche keine gesicherten Dokumente. „Unsere Urkunde ist der Turm“, sagt er. „Die Kirche hätte nicht zugelassen, dass er den Namen eines Piraten trägt, wenn er nicht auch wirklich hier gewesen wäre.“ Und ohnehin sei es gar nicht so schlimm, dass nicht alles aus dieser Zeit historisch einwandfrei belegt ist. „Das ist ja gerade das Spannende daran.“