Mobilitätswende

Emder fremdeln mit Experiment Neutorstraße

Gordon Päschel
|
Von Gordon Päschel
| 23.08.2021 19:03 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf der Neutorstraße gelten neue Regeln. Die Stadt will Fußgängern auf der wichtigen Verkehrsader durch Emden Vorrang einräumen. Foto: Päschel
Auf der Neutorstraße gelten neue Regeln. Die Stadt will Fußgängern auf der wichtigen Verkehrsader durch Emden Vorrang einräumen. Foto: Päschel
Artikel teilen:

In Emden hat das Experiment Neutorstraße begonnen. Im Kern geht es um eine neue Ordnung des Verkehrs in der Innenstadt. Dafür gibt es nicht nur Applaus – im Gegenteil. Was halten Einzelhändler davon?

Emden - Die Reaktionen im Netz fallen derbe aus: Mit Schlagworten wie „Unsinn“, „Quatsch“ und „Absolutes Chaos“ kommentieren Nutzer das Experiment, eine der wichtigsten Straßen durch die Emder Innenstadt zum „Shared Space“ zu erklären, einer Zone also, die Autos, Fußgängern und Radfahrern gleichermaßen gehört. Dank neuer, knallgelber Zebrastreifen genießen Fußgänger auf dem zentralen Abschnitt der Neutorstraße seit diesem Montag erstmals Vorrang. Alles, was zwei oder mehr Räder hat, muss für sie bremsen.

Die Folgen des Eingriffs sind nicht ohne. Da sind zum einen die Auswirkungen auf das gesamte Verkehrsaufkommen im Emder Zentrum. Weil die Neutorstraße in einer Fahrtrichtung für Autos komplett gesperrt ist, verlagern sich die Ströme auf Nebenstrecken oder sorgen dort zu Stoßzeiten für längere Wartezeiten. Zum anderen verändert sich die Situation auf dem nur wenige hundert Meter langen Straßenstück, das die Emder Fußgängerzone durchtrennt. Am Freitag vergangener Woche hatte die Stadt begonnen, mit Baken, gelben Hinweisstreifen und neuen Schildern den Verkehr auf der Neutorstraße neu zu regeln.

Spott, Häme und Lob

Das Experiment, das zunächst bis Mitte Januar 2022 dauern soll, ist umstritten. Für ihren Vorstoß bekommt die Verwaltung nicht nur Spott, Häme und Kritik. Von anderer Seite gibt es Lob und Unterstützung. Das Thema lässt viele in der Stadt nicht kalt. Wir haben uns am Montag an der Neutorstraße umgehört und wollten von Einzelhändlern vor Ort wissen, wie sich die Veränderungen für sie auswirken.

Auch dort ist das Bild geteilt. Einig ist man sich vor allem in der Skepsis. „Ich weiß nicht, was sie damit gewinnen?“, fragt sich Silvia Liedtke, die im Schuhhaus Bockstiegel arbeitet. Die auf eine der beiden Fahrstreifen gestellten Baken findet sie irritierend und berichtet von einer Situation, in der sich ein Notarzt im Einsatz und ein Bus gegenüberstanden und nicht aneinander vorbeikamen. Rettungskräfte können die Neutorstraße zur Abkürzung weiter in beide Fahrtrichtungen nutzen. Allerdings bleibt wegen des verbreiterten Radweges nicht genügend Platz für Begegnungsverkehr, schildert Liedtke. In ihren Augen ist das Konzept noch nicht ausgegoren.

Einzelhändler skeptisch

Ähnlich sieht es Michael Stöver, Inhaber des Fotogeschäfts Brunke. Auch er ist skeptisch: „Ein Feldversuch nur mit Linien und Baken verändert nicht die Attraktivität der Neutorstraße“, sagt er. Wenn die Stadt die Aufenthaltsqualität verbessern wolle, müsse sie das Erscheinungsbild stärker umgestalten. Bei der Präsentation ihrer Pläne im Juli hatte die Verwaltung um Oberbürgermeister Tim Kruithoff angekündigt, solche Ideen noch umsetzen zu wollen. So sollen in den kommenden Wochen Fahrradständer, die den Bürgersteig unter den Arkaden vom Radweg abgrenzen, größtenteils verschwinden.

Heidi Wahren (links) und Petra Kraus bevorzugen das Rad und begrüßen die Veränderungen an der Neutorstraße. Foto: Päschel
Heidi Wahren (links) und Petra Kraus bevorzugen das Rad und begrüßen die Veränderungen an der Neutorstraße. Foto: Päschel

Heidi Wahren würde sich freuen, wenn man noch einen Schritt weitergeht. Die Inhaberin von Optik Fokuhl kann sich die Neutorstraße gut als Flaniermeile vorstellen - mit Blumenkübeln und Sitzbänken anstelle der jetzigen Fahrbahn. „Ich bin dafür, die Straße ganz für den Autoverkehr dichtzumachen“, sagt sie. Sie weiß aber auch, dass eine solche Entscheidung zu einem noch größeren Aufschrei führen würde. Die Mobilitätswende ist ein zähes Ringen. „Es muss sich im Kopf noch viel ändern“, sagt Wahren, die selbst am liebsten das Fahrrad nutzt.

Es formiert sich Widerstand

Wer älter ist oder weiter außerhalb wohnt und auf ein Auto angewiesen ist, dürfte von solchen Forderungen wenig halten. Und so landen sowohl Wahren als auch Michael Stöver in ihrer Argumentation zum Für und Wider des Neutorstraßen-Experiments schnell beim Thema Parken. Eine echte Mobilitätswende beziehungsweise eine weitgehend autofreie Innenstadt würden in ihren Augen nur dann von den meisten Einzelhändlern akzeptiert, wenn Kunden möglichst nah an die Geschäfte kommen - auch mit dem Auto, räumt Stöver ein.

Während sie direkt an der Neutorstraße mit der neuen Verkehrsführung noch fremdeln, gerät die Stadt von anderer Stelle offenbar stärker unter Druck bei ihren Plänen. So bestätigte Frauke Koppaetzky gegenüber der Redaktion, dass sich Anlieger entlang einer der Ausweichstrecken zum Widerstand formieren. „Wir haben bisher den Mund gehalten“, sagt die Anwohnerin der Friedrich-Ebert-Straße, in der der Verkehr wegen der gesperrten Neutorstraße spürbar zugenommen hat. Jetzt wolle man sich wehren, so Koppaetzky, die gemeinsam mit anderen genervten Anliegern Unterschriften sammelt.

Ähnliche Artikel