Verkehr

Das „Stadtradeln“ zeigt auch die Schwachstellen auf

| | 25.08.2021 15:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Auricher Fahrrad-Aktivisten Günter Dieken (links) und Klaus Reisgies werben für die Kampagne „Stadtradeln“. Fotos: Ortgies
Die Auricher Fahrrad-Aktivisten Günter Dieken (links) und Klaus Reisgies werben für die Kampagne „Stadtradeln“. Fotos: Ortgies
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Vom 5. bis zum 25. September sind alle Auricher aufgerufen, das Auto stehen zu lassen und möglichst viele Wege mit dem Rad zurückzulegen. Doch der Schuss kann auch nach hinten losgehen.

Aurich - Mit der Teilnahme am bundesweiten Wettbewerb „Stadtradeln“ will die Stadt Aurich möglichst viele Menschen dazu bewegen, im Alltag aufs Fahrrad umzusteigen – doch eine solche Aktion zeigt auch die Schwachstellen auf. Klaus Reisgies vom Lastenrad-Verein Auriculum lebt seit acht Jahren ohne Auto und fährt täglich Rad. Viele Radwege in Aurich seien von schlechter Qualität und zu schmal, sagt der 75-Jährige. Wer beim Stadtradeln mitmache, dürfe „merken, dass es Defizite gibt“.

Gert Pohlenz-Schohaus ist "Stadtradeln-Star".
Gert Pohlenz-Schohaus ist "Stadtradeln-Star".

Die beklagt auch Gert Pohlenz-Schohaus vom Auricher Weltladen, der als „Stadtradeln-Star“ für die Kampagne werben soll. Auf dem Weg von Walle in die Innenstadt ärgere er sich immer über die langen Wartezeiten an den Ampeln, sagt der 71-Jährige, der täglich rund 20 Kilometer radelt. „Mich ärgert auch, wenn ich auf dem menschenleeren Marktplatz zehn Euro zahlen muss, weil ich mit dem Rad drüberfahre.“

Zum Auftakt in den Sonnenaufgang

Trotz aller Kritik rufen Reisgies und Pohlenz-Schohaus zum Mitradeln auf. Die Kampagne läuft vom 5. bis zum 25. September und richtet sich an alle, die in Aurich wohnen, arbeiten, zur Schule gehen oder einem Verein angehören. Jeder mit dem Rad gefahrene Kilometer wird dokumentiert, entweder über die Stadtradeln-App auf dem Smartphone, über das Internet oder auf einem Vordruck aus Papier.

Auch Bürgermeister Horst Feddermann radelt mit.
Auch Bürgermeister Horst Feddermann radelt mit.

Zum Auftakt organisieren Auriculum und der ADFC eine Sonnenaufgangstour nach Werdum (Abfahrt um 6 Uhr am Auricher Hafen). Es gibt noch mehrere solcher Touren, doch im Vordergrund steht der Alltagsverkehr, der Weg zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen. Die Leute sollen merken, dass sie solche Wege auch mit dem Rad zurücklegen können.

„Nicht die Antiwerbung für unsere Straßen“

Urheber des Wettbewerbs ist das Klima-Bündnis, nach eigenen Angaben das weltweit größte Netzwerk von Kommunen und Landkreisen zum Schutz des Klimas. Im vergangenen Jahr haben in Aurich 425 Menschen mitgemacht und insgesamt 84.974 Kilometer erradelt – ein deutlich ausbaufähiger Wert, wie der Vergleich mit der Stadt Leer zeigt, wo fast sechsmal so viel geradelt wurde (siehe Grafik). Für Aurich war es allerdings die erste Teilnahme, für Leer bereits die vierte. Die Stadt Norden macht in diesem Jahr zum ersten Mal mit. „Das entwickelt sich noch“, sagt der Auricher Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos), der selbst auch angemeldet ist.

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Feddermann relativiert Reisgies′ und Pohlenz-Schohaus’ Kritik. „Wir haben ein paar Punkte, die nicht ideal sind.“ Doch sämtliche Radwege in Aurich seien verkehrssicher, betont der Verwaltungschef, der selbst häufig mit dem Rad fährt. Damit komme er in der Stadt besser voran. Mit dem Stadtradeln wolle man die Menschen begeistern, sagt Feddermann. „Es soll Spaß machen. Im Vordergrund muss die Werbung für das Fahrrad stehen, nicht die Antiwerbung für unsere Straßen.“ Je mehr Menschen auf das Rad umstiegen, desto größer werde auch der politische Druck, dafür Geld bereitzustellen.

Alle wollen den Radverkehr stärken

Der Fahrrad-Aktivist und ehemalige Ratsherr Gerald Fiene (Grün-Alternative Politik) bricht eine Lanze für die Stadt Aurich: „Bei aller berechtigten Kritik muss man doch anerkennen, dass der Rat einen Masterplan Radverkehr beschlossen hat, den die Stadt Stück für Stück umsetzt, wenn auch nicht so schnell, wie wir uns das wünschen.“ In einer Umfrage zur Kommunalwahl hätten sich sämtliche Parteien und Wählergemeinschaften in Aurich für eine Stärkung des Radverkehrs ausgesprochen.

In Gräfelfing bei München hatten die Grünen vor zwei Jahren das Stadtradeln boykottiert. Symbolische Aktionen könnten nicht über die schlechte Infrastruktur für Radfahrer in der Gemeinde hinwegtäuschen, hieß es zur Begründung. Die Auricher Grünen-Ratsfrau Gila Altmann, die fast täglich mit dem Fahrrad unterwegs ist, hat für die Parteifreunde aus Bayern Verständnis. Sie macht beim Stadtradeln in Aurich auch nicht mit. Dennoch kann sie dem Wettbewerb Positives abgewinnen: „Dann merken diejenigen, die sonst nicht Rad fahren, wie schlecht die Straßenverhältnisse sind.“ Am Ende des Aktionszeitraums müsse es eine kritische Auswertung geben, fordert Altmann.

Albert Herresthal ist Sprecher der Initiative Lebensqualität und Mobilität für Aurich (Luma), die sich für eine Verkehrswende in Aurich einsetzt. Er findet es gut, Menschen durch Kampagnen zum Radfahren zu motivieren. Doch auch er fordert eine bessere Infrastruktur: „Was nützt es, wenn Menschen sich aufs Fahrrad setzen und dabei dann aber in der Praxis durch schlechte Radwege oder schikanöse Verkehrsführungen und Ampelschaltungen negative Erfahrungen machen?“

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