Berlin

Kaum Provokationen: Ist Kevin Kühnert brav geworden?

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 27.08.2021 10:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Vom Anti-Groko-Rebell zum SPD-Vize und Scholz-Adlatus: Ex-Juso-Chef Kevin Kühnert. Foto: Michael Kappeler/dpa
Vom Anti-Groko-Rebell zum SPD-Vize und Scholz-Adlatus: Ex-Juso-Chef Kevin Kühnert. Foto: Michael Kappeler/dpa
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Als Groko-Schreck wurde Kevin Kühnert berühmt-berüchtigt. Als Juso-Chef verhinderte er Olaf Scholz als Parteichef. Nun gehört der 32-Jährige zu Scholz' emsigsten Wahlkampfhelfern. Wird er bald der starke Mann der SPD?

Herr Kühnert, welcher Minister ist der stärkste? „Ich bin großer Fan von Hubertus Heil und seiner Arbeit als Arbeits- und Sozialminister“, sagt er. „Das ist für die SPD das wichtigste Themenfeld.“

Ups, Hubertus Heil? Ist nicht Finanzminister Olaf Scholz der Spitzenkandidat und braucht jetzt wirklich alle Unterstützung? Kühnerts Antwort auf unsere Video-Frage kommt nicht spontan. Er hat sich gut überlegt, was er sagen will. Als die Partei vor zwei Jahren eine neue Spitze suchte, verhinderte Kühnert mit seinen Juso-Truppen den Chef-Pragmatiker Scholz und verhalf den Partei-Linken Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ins Amt. Da wäre es ja irgendwie unglaubwürdig, würde er jetzt den großen Scholz-Fan markieren. 

Im Rennen um einen Vize-Posten hätte Jungspund Kühnert gar Partei-Haudegen Heil herausgefordert, wäre das Gremium nicht vergrößert worden, um eine Kampfabstimmung abzuwenden. Nun also ein dickes Lob für den einstigen Fast-Widersacher.

„Dass noch was übrig bleibt von dem Laden, verdammt noch mal!“

Kevin Kühnert, gerade 32 Jahre alt, gilt als eines der größten Polit-Talente der Republik. Als er vor vier Jahren zum Juso-Chef gekürt wurde, sorgte das Berliner „Stadtrandkind“ rasch für Furore. Unvergessen die knallharte No-Groko-Kampagne, als er auf einem Parteitag donnerte, er sei nicht in die SPD eingetreten, „um sie immer wieder gegen die gleiche Wand rennen zu sehen. Wir haben ein Interesse daran, dass hier noch was übrig bleibt von diesem Laden, verdammt noch mal!“. Seine rhetorische Brillanz und Bühnen-Präsenz erinnert viele an Grünen-Legende Joschka Fischer.

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Unvergessen auch der Abend des 30. November 2019 im Willy-Brandt-Haus: Während der gedemütigte Olaf Scholz kleinlaut von Dannen zieht, schweben die neuen SPD-Chefs Esken und Walter-Borjans im Aufzug ganz nach oben. Mit in der Glaskabine: Kevin Kühnert.

Eine Ewigkeit scheint das her zu sein. Inzwischen hat Kühnert den Juso-Chefposten abgegeben, ist Partei-Vize und tritt am 26. September für den Bundestag an, für „seinen“ Westberliner Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg. In Schöneberg, dem Regenbogen-Kiez, wohnt Kühnert. Für die Kandidatur schubste er Berlins Bürgermeister Michael Müller beiseite. Das zeigt, wie unverfroren Kühnert agieren kann, obwohl er auch ein echt netter Kerl ist, Kneipenliebhaber, Berghüttenwanderer und Hardcore-Fußballfan der Vereine Tennis Borussia Berlin, Arminia Bielefeld, und, tja, FC Bayern München.

Vom Bürgerschreck, der BMW kollektivieren wollte, ist Kühnert also im Rekord-Tempo zum deutlich braveren Top-Genossen geworden, mit geräumigem, hellem Büro in der SPD-Zentrale. Posten statt Protest, das klingt für manche wie Verrat. Kühnert widerspricht. Als Juso-Chef sei das Wettern gegen die Mutterpartei „der Hebel für öffentliche Wirkung“, sagt er. Den Balkon hat er verlassen. „Im Parteivorstand genügt das nicht. Hier bringe ich mich stark inhaltlich ein, um besser zu machen, was ich jahrelang kritisiert habe.“ Am Wahlprogramm schrieb er eifrig mit, die Forderung nach einem Mietenstopp gehört zu den Punkten, die Scholz ihm zugestand.

„Ein Agent Provokateur bin ich nicht, ich komme gut klar mit meiner Funktion“, sagt Kühnert über seine heutige Rolle. „Es gibt keine Notwendigkeit, eine Show abzuziehen.“

Wie weit links steht Kevin Kühnert?

War der Versuch, die SPD aus allen Koalitionszwängen zu befreien, zu radikalisieren, also nur eine verspätete Jugendsünde des ersten Kevin Kühnert? Ist er gar nicht so linksradikal, wie viele vermuten? Im Mai 2019 sprach er - noch Juso-Chef - in der „Zeit“ darüber, ob Immobilieneigentum nicht auf selbst genutzten Wohnraum begrenzt werden müsse. Heute sagt er: „Das war kein Beitrag zur Tagespolitik, sondern sollte zum Nachdenken über unser Gemeinwohl anregen.“ Was er aber aktuell fordert: „Grund und Boden müssen der Spekulation entzogen werden.“ Erreichen will er das, indem Wertzuwächse von Grundstücken, die maßgeblich nicht durch eigenes Zutun entstehen, „abgeschöpft werden“.

Klar links, aber moderater im Ton: Hinter den etwas zahmeren Positionen könnte auch Einsicht stecken, er habe vor zwei Jahren einfach die falschen Strippen gezogen. Die Parteichefs von Kühnerts Gnaden, die Randgruppensprecherin Esken und der unsichtbare Walter-Borjans, haben sich als Fehlbesetzung erwiesen. Dass unter nicht wenigen Genossen die eigenen Vorsitzenden als Ballast gelten, das hat auch Kühnert entzaubert. Dafür startet Spitzenkandidat Scholz durch, hat die SPD aus dem Umfragetief katapultiert und jetzt sogar Chancen, Kanzler zu werden.

Zu einem „Versöhnungsgipfel“ zwischen ihm und Scholz ist es nie gekommen, aber die beiden haben vorerst ihren Frieden gefunden, bestreiten gemeinsame Wahlkampfauftritte. Als Twitter-Star (270.000 Follower) und Instagram-Influencer (fast 74.000 Abonnenten) ist Kühnert ein wichtiges Zugpferd bei der jüngeren Wählerschaft. Unermüdlich beackert er die digitalen Kanäle. In den beherrschenden politischen Debatten spielt der einstige Schlagzeilen-Held zur Zeit keine große Rolle. Sich in den Haustürwahlkampf stürzen, und auf den Scholz-Effekt hoffen: Das ist gerade seine Realität.

Was aus dem Supertalent wird, dem kreativen Kopf, dem begnadeten Redner, das hängt wohl zunächst davon ab, ob die Partei nach der Wahl weiterregiert. In einer Koalition wäre Kühnert angehalten, moderat zu bleiben, und könnte einem gestärkten Olaf Scholz nicht dauernd vors Schienbein treten.

Bauminister Kevin Kühnert?

Dass die Immobilienwirtschaft schon vor einem Bauminister Kühnert warnte, amüsiert ihn natürlich. „Aber ich bin echt nicht größenwahnsinnig genug, um zu glauben, ich könnte mal eben drei Ebenen überspringen und ins Kabinett einsteigen.“ Ohnehin sei ja auch das Parlament der Gesetzgeber. „Daher muss mancher Lobbyist vor einem Abgeordneten Kühnert vielleicht mehr Angst haben als vor einem Minister Kühnert.“

Landet die SPD auf der Oppositionsbank, dürfte Kühnert jedenfalls zu den Genossen gehören, die der Regierung vom Rednerpult des Bundestages aus am meisten Zunder machen. „Auf die Chance, im Bundestag zu reden, freue ich mich besonders, wenn ich gewählt werde“, sagt er. „Was dort zu hören ist, ist oft viel zu technokratisch und erreicht wenige. Das geht besser.“ Wenn er das Direktmandat nicht gegen Grünen-Ikone Renate Künast erobert, sollte der Einzug über die Landesliste klappen, da steht Kühnert auf Platz 3.

Ein wenig unangenehm für Kühnert könnte der Parteitag nach der Wahl werden. Nicht ausgeschlossen, dass „seine“ Vorsitzenden dort schon wieder in die Wüste geschickt werden. Wird auch Kühnert aufs Nebengleis einer Scholz-SPD abgeschoben, die in der Mitte steht, oder wird er zum linken Kraftzentrum des Erneuerungsprozesses? Eine spannende Frage.

Sei's drum, ein ganzes Leben als Politiker, das ist ohnehin nicht das, was Kühnert anstrebt. Jahrzehnte das Gleiche machen, die Vorstellung ist ihm ein Graus. „Ich habe panische Angst, mit 70 Jahren zurückzublicken und mir sagen zu müssen: Wie traurig, was ich alles nicht gemacht habe“, sagt er. „Teilhaber einer Berliner Kneipe werden, das wäre so ein kleiner Lebenstraum. Und ein Mal pro Woche würde ich da hinterm Tresen stehen.“

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