Politik

Moderator mit Empathie und Durchsetzungsvermögen

Katja Mielcarek
|
Von Katja Mielcarek
| 27.08.2021 18:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Ansiedlung von Gewerbe in der Stadt sei wichtig, werde aber aktuell viel zu eindimensional betrieben, sagt Claus-Peter Horst, hier vor dem Gelände der Werft Ferus Smit. Foto: Mielcarek
Die Ansiedlung von Gewerbe in der Stadt sei wichtig, werde aber aktuell viel zu eindimensional betrieben, sagt Claus-Peter Horst, hier vor dem Gelände der Werft Ferus Smit. Foto: Mielcarek
Artikel teilen:

Wir haben die Leeraner Bürgermeister-Kandidaten gebeten, uns an fünf Orte zu führen, die sie für wichtig halten. So wollen wir erfahren, wie sie sich im Amt sehen. Heute: Claus-Peter Horst.

Leer - Was könnten die Leeraner von Claus-Peter Horst, Jörg Penning, Beatrix Kuhl (alle unabhängig) und Sven Dirksen (FDP) erwarten, falls sie zum Bürgermeister gewählt würden? Das wollten wir wissen und haben sie aufgefordert, uns an fünf Orte im Stadtgebiet zu führen, die ihnen besonders wichtig sind: weil dort unbedingt etwas getan werden muss; weil dort etwas gut gelaufen ist, das weiter geführt werden soll oder Beispiel für andere Projekte sein soll; weil der Ort eine persönliche Bedeutung hat.

Heute sind wir mit Claus-Peter Horst unterwegs, der als einziger der Kandidaten mit dem E-Bike unterwegs ist – weil er sonst verschwitzt zur Arbeit erschiene, erklärt er.

Erste Station: Nessebrücke

Auf der Nessebrücke stehe er gerne, sagt Claus-Peter Horst. „Sie verbindet so viel, was Leer ausmacht.“ Man sehe den historischen Teil mit Altstadt und Fußgängerzone, die neu entwickelte Nesse, die ihrerseits eine gewerbliche Geschichte habe, den Hafen, der sowohl wichtig für die Freizeitnutzung als auch für den Tourismus und das Gewerbe sei und nicht zuletzt die Innenstadt präge. Wenn sich die verschiedenen Akteure gegenseitig befruchteten, könnten sie gemeinsam viel mehr sein als das aktuell der Fall sei. „Das zu koordinieren, ist die Aufgabe des Bürgermeisters“, sagt Horst. Dazu sei es wichtig, mit allen Seiten im Gespräch zu sein. „Nur so kann man gegenseitiges Verständnis erreichen.“

Symbolträchtiger Ort: Auf der Nessebrücke ist die Vielfalt von Leer sichtbar, sagt Claus-Peter Horst. Foto: Mielcarek
Symbolträchtiger Ort: Auf der Nessebrücke ist die Vielfalt von Leer sichtbar, sagt Claus-Peter Horst. Foto: Mielcarek

Die Innenstadt sei mehr als Konsum und Kommerz. Dort finde Kultur statt, werde gefeiert, träten die Menschen in Kontakt miteinander. Dies gelte es zusammenzuführen. Es mache keinen Sinn, einzelne Aspekte isoliert zu betrachten, wie das heute oft geschehe. Er könne beispielsweise nicht verstehen, warum das neue Pflaster der Fußgängerzone nicht in den Kupenwarf weitergeführt worden sei, oder warum nur der unmittelbare Bereich des neuen Fahrradabstellplatzes bei Leffers neu gepflastert wurde, so dass dort ein Flickenteppich entstanden sei.

Zweite Station: Rathausbrücke mit Blick auf das Rathaus

Rund 300 Menschen arbeiteten bei der Stadtverwaltung und es sei ganz wichtig, dass die sich als ein Team verstünden und erlebten. „Dieser Teamgeist ist heute nicht mehr zu spüren“, sagt Horst, „den will ich zurückholen“. Jeder Mitarbeiter müsse wieder die Chance haben, sich einzubringen. Als gelernter Raumplaner habe er schon während der Ausbildung erlebt, wie viele Disziplinen für die Entwicklung einer Stadt ineinander greifen müssten. „Das habe ich bis heute verinnerlicht.“ Die Stadtverwaltung brauche motivierte Mitarbeiter, keine Denkverbote und keine Basta-Politik. „Dafür würde ich gerne arbeiten.“

Mit Blick auf das Rathaus: Als Bürgermeister will Horst aus den Mitarbeitern wieder ein motiviertes Team machen. Foto: Mielcarek
Mit Blick auf das Rathaus: Als Bürgermeister will Horst aus den Mitarbeitern wieder ein motiviertes Team machen. Foto: Mielcarek

Als Vorstand der Stadtwerke arbeite er derzeit als Chef von rund 150 Mitarbeitern und versuche, genau das umzusetzen. „Vom Naturell her bin ich ein Empathiker und habe viel Mitgefühl und Verständnis.“ Er habe aber auch gelernt, dass es Situationen gebe, in denen er streng sein und sich durchsetzen müsse.

Dritte Station: Industriehafen

Für eine Stadt sei es wichtig, dass Gewerbe Platz habe, sich anzusiedeln und zu entwickeln, sagt Horst. Die geplante Weiterentwicklung des Gewerbegebiets an der Benzstraße ist für ihn allerdings eine schlechte Lösung. Angesichts der hohen Verschuldung sei die Stadt zu so genannten rentierlichen Investitionen verpflichtet. Das heißt zu Ausgaben, denen unmittelbare Einnahmen gegenüber stehen, so dass sie den Haushalt nicht belasten. Wegen der problematischen Bodenverhältnisse auf dem Gelände müsse die Stadt aber in die Entwicklung so viel investieren, dass die Kosten durch den Verkauf der Flächen nicht zu erreichen sei.

Überhaupt mache man es sich viel zu leicht, einfach nach Flächen zu suchen. Völlig außer Acht gelassen habe man bei der Festlegung auf die Benzstraße nämlich, dass die interessierten Unternehmen ganz unterschiedliche Ansprüche an ihre Grundstücke hätten. „Unternehmen, denen beispielsweise die Autobahnanbindung wichtig ist, die mögen da richtig sein.“ Ein modernes IT-Unternehmen lege aber sicher mehr Wert auf die Innenstadtnähe und dass die Mitarbeiter mit dem Fahrrad kommen könnten. Unternehmen, die große Flächen versiegeln müssten, suchten gute Bodenverhältnisse. „Da haben wir bessere Flächen“, sagt Horst, der versichert, konkrete Grundstücke im Auge zu haben. Da aber noch Verhandlungen notwendig seien, wolle er sie noch nicht nennen.

Es gehe aber nicht nur um Unternehmen, die sich neu ansiedeln wollten, sondern auch um die, die schon da sind. Sie müssten sich darauf verlassen können, dass der Bürgermeister alles dafür tue, dass sie sich entwickeln könne. Für die Betriebe im Hafen bedeute das beispielsweise, dass die Schleuse funktioniere, die notwendige Wassertiefe garantiert werde oder Straßen in Ordnung seien. „Das Thema Gewerbe ist unheimlich komplex. Die Politik dazu ist mir bisher zu plump“, sagt Horst.

Vierte Station: Hoheellernschule

Die Hoheellernschule steht für Horst für zwei Themen: Zum einen für die gelungene Aufwertung von Quartieren, wie das in der Oststadt gut gelungen sei und derzeit in der Weststadt geschehe. „Bei der Entwicklung neuer Bauflächen dürfen wir die alten Quartiere nicht vergessen.“ Straßen oder Abwasserkanäle beispielsweise würden dort stärker beansprucht, wenn die Stadt wachse. Entsprechend müsse die Infrastruktur gepflegt, erhalten und wenn nötig angepasst werden.

Dass nicht alle Anstrengungen unternommen werden, um die Schulen, wie hier die Hoheellernschule, bestmöglich auszustatten, ist für Horst unverständlich. Foto: Mielcarek
Dass nicht alle Anstrengungen unternommen werden, um die Schulen, wie hier die Hoheellernschule, bestmöglich auszustatten, ist für Horst unverständlich. Foto: Mielcarek

Zum anderen stehe die Hoheellernschule beispielhaft für die Leeraner Schulen: „Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass die Stadt nicht alles tut, dass die Schulen auf dem neuesten Stand sind. Ich begreife nicht, dass man darüber streiten kann.“ Schulleitern hätten im bestätigt, dass ohne die entsprechende Ausstattung Kinder nicht für die neuen Medien fit gemacht werden könnten und die Schulen für junge, gut ausgebildete Lehrkräfte unattraktiv würden. „So entsteht eine verhängnisvolle Abwärtsspirale, die wir uns nicht leisten dürfen.“

Fünfte Station: Logaer Weg

„Dass die Straße so ausgebaut wird, hätte nie passieren dürfen“, sagt Horst und guckt den Logaer Weg vom Julianenpark in Richtung Philippsburger Park entlang: eine 100-prozentige Versiegelung, eine überbreite Fahrbahn, die sich im Sommer aufheizt, kaum Bäume, die für Schatten und eine Verbindung zwischen den Parks sorgen, keine vernünftigen Gehwege, Radverkehr auf der Fahrbahn. „Das ist das Schlechteste, was wir in der letzten Zeit gebaut haben.“

Total verplant: Der Logaer Weg ist das schlechteste, das in den vergangenen Jahren in Leer gebaut wurde, sagt Horst. Foto: Mielcarek
Total verplant: Der Logaer Weg ist das schlechteste, das in den vergangenen Jahren in Leer gebaut wurde, sagt Horst. Foto: Mielcarek

Aus seiner Sicht hätte man die Anwohner stärker einbeziehen müssen. „Sie leben hier und sie wissen, was wichtig ist. Auch angesichts des Klimawandels mit häufiger werdenden Starkregen sei der Logaer Weg alles andere als ein Glanzstück. Angesichts der vollständigen Versiegelung könne die Fahrbahn kein Wasser aufnehmen. „Wir müssen die Folgen des Klimawandels bei allen Baumaßnahmen mitdenken, unbedingt.“

Ähnliche Artikel