Hamburg

Zutritt nur für Geimpfte und Genesene: Gastronom bekommt Hassnachrichten

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 28.08.2021 08:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Gastronom Stephan Fehrenbach lässt ab sofort nur noch Geimpfte und Genesene in seine Kneipe Laundrette in Hamburg-Ottensen. Foto: Ankea Janßen
Gastronom Stephan Fehrenbach lässt ab sofort nur noch Geimpfte und Genesene in seine Kneipe Laundrette in Hamburg-Ottensen. Foto: Ankea Janßen
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In Stephan Fehrenbachs Kneipe dürfen ab diesem Samstag nur noch Geimpfte und Genesene. Weil sich der Hamburger Gastronom für das 2G-Modell entschieden hat, wird er seit Tagen mit Hassnachrichten überschüttet. Was macht das mit ihm?

Stephan Fehrenbach sitzt auf einer Bierbank vor seiner Kneipe Laundrette im Hamburger Stadtteil Ottensen, scrollt durch seine Mails und liest von seiner - wie er sie nennt - „Bullshit-Liste“ vor: 

„Was sind Sie nur für ein widerlicher, hirngewaschener Idiot. Nix hinterfragen, immer schön mitlaufen, gelle?“ 

„Sie schließen Ungeimpfte aus? Wir schließen Dich von der Arbeit aus. Miese Bewertungen, Meldungen an das Gesundheitsamt, Meldungen an den Zoll, Meldungen an das Finanzamt. Jede Meldung ist ein Tropfen für deinen Untergang.“

„Dich sollte man wegsperren, du mieser Vogel.“

„Du bist für mich ein Faschist. Boykott deiner beschissenen Kneipe. Nie wieder dort hin. Auch wenn Corona vorbei ist. Hoffe, du endest bettelnd unter einer verpissten Brücke.“

Im Video: Gastronom Stehphan Fehrenbach liest erhaltene Hassnachrichten vor:

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Hamburg führt 2 G als erstes Bundesland ein

Es sind nur ein paar von zahlreichen Nachrichten, die der Wirt bekommt, seitdem er in einem Fernsehinterview bekannt gegeben hat, dass bei ihm künftig nur noch Geimpfte und Genesene Zutritt erhalten. Der 53-Jährige wird als „Nazi“ und „dumme Sau“ beleidigt, erhält Google-Bewertungen, in denen über schlechtes Essen geklagt wird - dabei gibt es in der Laundrette nur Getränke. 

Auch am Telefon hagelt es Beschimpfungen. Zur Zeit nehme er jeden Anruf persönlich an, auch, weil er seine Mitarbeiter schützen wolle. „Es waren ja meine Aussagen, also kriege ich den Shitstorm“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.  

Ab diesem Wochenende gilt in Hamburg, und damit dem ersten und bisher einzigen Bundesland in Deutschland, das sogenannte „2G-Optionsmodell“. Kneipen- und Restaurant-Betreiber, die dieses wie Stephan Fehrenbach einführen und Getestete ausschließen, haben bestimmte Vorteile: sie dürfen wieder mehr Menschen bewirten, es gelten keine Abstandsregeln, freie Platzwahl und keine Sperrstunde. Auch das Tanzen ist wieder erlaubt, wenn eine medizinische Maske getragen wird. 

Stephan Fehrenbach muss Stammgäste abweisen

„Es geht bei mir um wirtschaftliches Überleben“, sagt Fehrenbach. Sein Umsatz sei im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten um rund 50 Prozent eingebrochen. Sein Geschäftsmodell bestehe darin, soziale Kontakte zu ermöglichen, dies wolle er nun endlich wieder sicher und in einer guten Atmosphäre tun. 

„Wir müssen hier nicht mehr in einem Aquarium stehen“, sagt er und deutet auf die Schutzwände aus Plastik an seinem runden Tresen, die er nun endlich abbauen kann. Auf einem Schild über der Tür steht „Betreutes Trinken“ geschrieben. Das sei sein Motto, sagt Stephan Fehrenbach. Er wolle, dass sich Menschen endlich wieder in seiner Kneipe kennenlernen - und nicht mehr auf Tinder. 

Das 2G-Modell einzuführen bedeutet für den Gastwirt allerdings auch, einige Stammgäste ab sofort abweisen zu müssen. Eine Kundin leide unter Hypochondrie, eine andere unter Epilepsie. Beide wollen sich in nächster Zeit nicht impfen lassen. „Das tut mir natürlich leid.“ 

Keine „Schwurbler“, keine Diskussionen über Corona-Regeln mehr

Es sei jedoch erleichternd, dass künftig keine „Schwurbler“ mehr in seine Kneipe dürften, keine Tests mehr auf richtige Daten kontrolliert werden müssten und Diskussionen um Corona-Regeln damit hoffentlich enden würden. Eine seiner Mitarbeiterinnen, so Stephan Fehrenbach, habe gekündigt, weil sie es leid gewesen sei, die Gäste ständig zu maßregeln. Am Ende habe sie diese nur noch angeschrien. 

Was der Gastronom, der die Laundrette mittlerweile im 13. Jahr betreibt, aber problematisch sieht, ist die vom Senat beschlossene Kennzeichnungspflicht. Stephan Fehrenbach muss sichtbar machen, dass nur noch Geimpfte und Genesene Zutritt erhalten. „Der Senat setzt uns der Gefahr aus, das wir eingeschmissene Scheiben und Schmierereien an unseren Läden haben“, befürchtet er und wolle sein 2G-Schild daher möglichst klein halten.

Shitstorm geht Stephan Fehrenbach nahe

Es ist eine Befürchtung, die man dem Wirt, der seit Tagen Hassnachrichten erhält und bedroht wird, nicht nehmen kann. Der Shitstorm macht etwas mit ihm. „Ich bin hier immer frei und offen durch die Straßen gelaufen, jetzt höre ich die Flöhe husten.“ Er drehe sich lieber zweimal um. Einen guten Rat, der ihn etwas geerdet habe, habe ihm ein Freund gegeben, der als Social-Media-Redakteur arbeitet und sich mit Shitstorms auskennt: „Er hat gesagt, nimm es wie eine Grippe: Kommt drei Tage, bleibt drei Tage und geht drei Tage.“ 

Stephan Fehrenbach hofft, dass auch Corona etwas mehr wie eine Grippe gesehen wird und wieder Ruhe in die aktuelle 2G-Debatte einkehrt. Er ist davon überzeugt, dass das Modell in wenigen Wochen kein Thema mehr sein werde, weil nahezu alle Gastronomiebetriebe es einführen würden.

Und glücklicherweise gibt es auch nicht nur den Hass: Während des Gesprächs kommt ein Mann auf Stephan Fehrenbach zu: „Ich wollte nur kurz sagen, dass mit 2G finde ich super.“

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