Osnabrück
Schweinekrise: Ferkel für 20 Euro - „Tränen? Nur noch Resignation“
Die Preise für Schweine kennen nur eine Richtung: nach unten. Gerade einmal 20 Euro bekommen manche Landwirte ab Montag für ein ganzes Ferkel. Was läuft da schief? Ein Gespräch über Märkte, Menschen und Verzweiflung.
Anruf bei Bernd Terhalle im Emsland. Er ist Geschäftsführer der „Erzeugergemeinschaft Hümmling“ - ein Zusammenschluss von 800 Landwirten aus West-Niedersachsen. Die Genossenschaft vermarktet im Jahr gut eine Million Mastschweine und 850.000 Ferkel.
Aus der Genossenschaft wird zunehmend eine Notgemeinschaft: 20 Euro. Das ist der Preis, mit dem Schweinehalter ab Montag für ein Ferkel rechnen können. „Wahnsinn“, kommentiert ein Landwirt in Netz. Der Preis ist ein neuer Tiefpunkt in der nicht enden wollenden Schweinekrise.
Herr Terhalle, was ist da los auf dem Schweinemarkt?
Es ist landunter! Die Lage ist sowohl für Ferkelzüchter als auch für Schweinemäster schlecht. Überall tiefrote Zahlen. Die Verzweiflung ist groß.
Wie viel zahlen die Landwirte denn derzeit pro Tier drauf, das sie groß ziehen?
Ich würde sagen, beim Ferkel fehlen pro Tier mindestens 20 Euro, beim Mastschwein 25 Euro. Das fehlt bis zur schwarzen Null. Aber Landwirte sind Unternehmer und Unternehmer leben davon, dass sie Geld verdienen. Davon sind wir weit weg derzeit.
Der Bauer kann also an jeden Schweinetransporter, der seinen Hof verlässt, ein Preisschild hängen, was er an Geld verloren hat… fließen da Tränen?
Tränen? Mittlerweile fließen keine Tränen mehr. Da ist nur noch Resignation. Man nimmt das nur noch so hin…
… aber die Betriebe wirtschaften sich doch in Richtung Insolvenz?
Das ist wohl so. Wir erleben einen absoluten Strukturbruch. Ich bin mir sicher: Hier werden in kürzester Zeit 30 Prozent der deutschen Schweineproduktion zu Grabe getragen. Das ist einfach massiv, so etwas hat es noch nicht gegeben.
Besteht keine Hoffnung?
Zumindest angesichts der aktuellen Lage muss man wohl sagen: Für einige Betriebe wäre es besser, jetzt die Reißleine zu ziehen als in einem halben Jahr. Hinzu kommt ja, dass die Futterpreise massiv gestiegen sind und vermutlich auch erst einmal sehr hoch bleiben werden. Das ist ohne Vergleich in der Vergangenheit. Wir können bei einem Strukturbruch zuschauen.
In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Schweinekrise noch nicht angekommen. Liegt das daran, dass immer wieder vor Strukturbrüchen gewarnt wurde und jetzt, wo er da ist, keiner die Warnung ernst nimmt?
Das wird wohl so sein. Die Öffentlichkeit nimmt die Landwirtschaft nicht mehr richtig wahr. Die Landwirte sind nun mal eine kleine Gruppe, so klein, dass auch die Politik nicht so recht reagiert. Auch wenn man in der jetzigen Situation sagen muss, dass die Politik da auch nicht mehr viel richten kann. Die Fehler sind gemacht.
Ja, was ist denn da schiefgelaufen? Warum sind die Preise so, wie sie sind?
Da kommen auf der Erlösseite einige Sachen zusammen. Der Export nach Asien ist infolge der Fälle von „Afrikanischer Schweinepest“ in Ostdeutschland komplett zusammengebrochen. Das ist ein sehr wichtiger Markt für uns. Die deutsche Politik hat behauptet, man werde das schon regeln mit Regionalisierungsabkommen, sodass das Schweinefleisch aus dem Emsland wieder exportiert werden darf. Daraus ist nichts geworden. Dann haben zusätzlich die Spanier ihre Schweineproduktion stark ausgebaut und den deutschen Markt regelrecht geflutet mit Billigfleisch. Der Handel und die Verarbeiter haben das aufgekauft. Die deutschen Landwirte standen dumm da.
Aber produzieren deutsche Schweinehalter nicht auch am Markt vorbei? Die Nachfrage sinkt doch seit Jahren.
Ja, die Nachfrage sinkt. Wer heute ins Restaurant geht, findet unter acht Gerichten vielleicht noch eines mit Schweinefleisch. Aber angeblich ist die Nachfrage nach Fleisch aus besseren Haltungsbedingungen ja vorhanden. Das haben wir umgesetzt! 43 Prozent unserer Schweine werden in solchen Ställen gehalten. Das kostet den Landwirt entsprechend mehr. Aber: Wir kämpfen hier jeden Tag darum, die Tierwohl-Ware zu verkaufen. Der deutsche Handel nimmt das trotz aller Lippenbekenntnisse nicht ab.
Moment… der Handel hat doch zuletzt zahlreiche Versprechungen gemacht, an der Seite der notleidenden Schweinebauern zu stehen…
Ach… der Handel hat es in den vergangenen zwei Jahren nach meiner Wahrnehmung geschafft, die Gewinnmarge beim Schweinefleisch um 19 Prozent zu steigern! Das heißt: Von 100 Euro bleiben denen jetzt zusätzlich 19 Euro. Das muss man erst mal schaffen! Von diesen Mehreinnahmen profitieren die Landwirte aber nachweislich nicht.
Was ist mit den Schlachtern? Sind die ehrlich mit Ihnen?
Schwer zu beurteilen. Die sagen mir ja nicht, für welchen Preis sie das Fleisch weiterverkaufen. Aber klar ist: Die Kosten sind allein wegen des Verbots der Werkverträge bei den Schlachtern und Zerlegern deutlich gestiegen. Ich bin gespannt auf die Jahresabschlüsse der Schlachtunternehmen. Dann wird man das sehen.
Es hilft also auch nicht, dass deutsche Angebot auf landwirtschaftlicher Seite künstlich zu verknappen?
Das Angebot ist doch schon stark rückläufig. Vor zwei Jahren haben wir in Deutschland noch eine Million Schweine pro Woche geschlachtet. Heute liegen wir bei 830.000 Tieren. Das sind fast 20 Prozent weniger. Und trotzdem sind die Regale voll mit billiger Ware. Vor zwei Wochen habe ich Werbung für billiges Schweinefleisch aus Chile gesehen. Aus Chile! Selbst wenn die deutschen Produzenten auf 600.000 Schweine pro Woche runtergehen würden, dann kommt das Fleisch halt von irgendwo her. Oder vor Kurzem, da habe ich mal Bio-Fleisch in der Kühltheke entdeckt: Erzeugt in Spanien, geschlachtet in Spanien, verarbeitet in Nordrhein-Westfalen. Da habe ich den Einkäufer des Unternehmens in NRW angerufen und gefragt: Was soll das denn?! ,Ja, ist halt so', hieß es da nur.
Was macht so eine Situation mit Ihnen?
Man muss sich da schon jeden Morgen motivieren, wieder zur Arbeit zu gehen. Ich bin gerade auch in der Rolle des Seelsorgers. Ich muss die Landwirte in jedem Gespräch wieder aufbauen. Das gilt auch für meine Mitarbeiter. Wenn sie da jeden Tag etwas verkaufen, dass viel zu billig ist und das dann auch noch keiner haben will… das ist emotional schwierig. Ich weiß nur: Irgendwann wird es wieder bergauf gehen. Im Oktober vielleicht. Oder im Dezember. Dann wird es einige Betriebe aber nicht mehr geben.