Wirtschaft
Verlagsbranche in Not: Büchern geht langsam der Leim aus
Die Papier- und Verlagsbranche steht derzeit wegen hohen Preisdrucks und Lieferengpässen vor großen logistischen Problemen. Das wirkt sich auch auf die Buchhandlungen in Ostfriesland aus.
Ostfriesland - Alarm an der Papierfront: Den Büchern könnte buchstäblich der Leim ausgehen. Bei der Herstellung gibt es weltweit derzeit so viele Probleme, dass die Händler um das Herbst- und Weihnachtsgeschäft fürchten. „Es kann sein, dass in einigen Wochen manche Bücher deswegen nicht mehr oder nur nach wochenlangen Wartezeiten lieferbar sind“, sagt Susanne Kranz. Die Inhaberin der Buchhandlung Am Wall in Aurich hat Vorsorge getroffen. Sie hat von einigen Neuerscheinungen höhere Stückzahlen geordert, als sie das normalerweise macht. So versucht die Geschäftsfrau, die Probleme zu senken, die beim Nachdruck von Titeln gegenwärtig drohen.
Was und warum
Darum geht es: Das Buchgeschenk für das Weihnachtsfest sollte rechtzeitig gekauft werden. Es drohen Lieferengpässe.
Vor allem interessant für: Menschen, die gerne lesen, und Händler
Deshalb berichten wir: Weil wir beim Besuch in der Buchhandlung von den Problemen in der Branche erfahren haben und die Dimension der Krise ausloten wollten. Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de
Nach einem aktuellen Bericht im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels ächzt die gesamte Branche unter einem Stapel an Problemen. Die beginnen bei den explodierenden Kosten für Papier und enden bei ins Stocken geratenen Lieferungen von Binderleim oder Prägefolie. Diese dient dazu, Autorennamen, Verlagsnamen oder Buchtitel in einer bestimmten Farbe auf den Buchrücken oder den Vorderdeckel des Buches zu drucken. Stephan Huber vom Fachverlag C.H. Beck ärgert sich in dem Börsenblatt-Bericht darüber, dass einige Prägefolien wie vom Markt verschluckt zu sein scheinen. Die Folge: Der sonst immer in Gold gedruckte Autorenname auf dem Einband ist plötzlich in blasses Blau getaucht. Für seriöse Verlage sei das nicht hinnehmbar, so Huber.
Auch Verlage in Ostfriesland spüren die aktuell angespannt Lage. Manche haben sich darauf einstellen können. „Wir haben unseren Lagerbestand an Papier hochgefahren“, sagt Gerd-Wener Schulz. Der Geschäftsführer des Leeraner Verlags Rautenberg verweist darauf, dass Aufträge in geringen Auflagen mühelos umgesetzt werden können. Der Flyer für den Wahlkampf etwa sei nicht gefährdet. Wenn es aber um umfangreiche Aufträge gehe, müsse man im Vorfeld zeitig disponieren. Bei einigen Papierqualitäten gebe es bei den Lieferungen Wartezeiten von elf, zwölf Wochen. Der Engpass resultiere unter anderem daraus, dass einige große Papierhersteller ihre Produktion auf Verpackungsmaterial umgestellt haben. So hat etwa der finnisch-schwedische Konzern Stora Enso, einer der größten Papierhersteller der Welt, sein Werk im finnischen Oulu in eine Kartonfabrik umgewandelt. Mehr als eine Million Tonnen holzfreies Papier sind vom Markt genommen worden. Das fiel 2020 wegen der coronabedingten Produktionsrückgänge nicht auf, die Wirkung schlug erst in diesem Jahr durch.
Lage auf dem Land weniger angespannt
Nicht alle Buchhändler sind aufgeschreckt. Helga Kruse etwa erkennt zwar die angespannte Situation, weigert sich allerdings, Alarm zu schlagen. Die Inhaberin der Fehn-Buchhandlung in Rhauderfehn sagte auf Anfrage dieser Zeitung: „Ich kann nicht sagen, dass wir unter der Situation leiden.“ Diese sei sicher im ländlichen Bereich nicht so angespannt wie in den Metropolen. Dort orientierten sich die Kunden sehr stark an den Titeln, die auf den Bestseller-Listen stünden. „Bei uns kaufen zu 85 Prozent Stammkunden“, sagt Helga Kruse. Die meisten seien so ähnlich wie sie selbst entspannt: Wenn ein Titel nicht lieferbar sei, müsse man eben warten, bis er wieder auf dem Markt sei. Daran lasse sich eben nichts ändern.
Wird die Krise den Trend zum elektronischen Buch beschleunigen? Das lässt sich schwer prognostizieren, sagen Branchenkenner. Es gibt Experten, die die derzeitigen Probleme auch mit der Corona-Pandemie in Zusammenhang stellen. So haben viele Menschen im vergangenen Jahre während des Lockdowns ihr Buch bei Amazon oder einem anderen großen Händler bestellt. Das musste einzeln verpackt und verschickt werden, was Ressourcen verbraucht und klimaschädigend ist. Die Auricher Buchhändlerin Susanne Kranz indessen ist sicher, dass das Buch nicht totzukriegen ist: „Das ist ein Stück Kulturgut.“