Osnabrück

Niedrige Preise für Schweine, mehr Geld für Tierwohl – Was das für zwei Landwirte bedeutet

Nina Kallmeier
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Von Nina Kallmeier
| 03.09.2021 18:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Seit Wochen sinken die Erzeugerpreise für Schweinefleisch. Landwirte stellt das vor Probleme. Foto: Nina Kallmeier
Seit Wochen sinken die Erzeugerpreise für Schweinefleisch. Landwirte stellt das vor Probleme. Foto: Nina Kallmeier
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77 Cent pro Kilo Schlachtgewicht bekommen Landwirte aktuell für ihre Schweine. Damit liegt der Preis auf einem historisch niedrigen Niveau und die Branche steckt in einer tiefen Krise. Deutschlands größter Schweineschlachter Clemens Tönnies stellt sich an die Seite der Landwirte.

Wer bei Ulrich Schulze Vowinkel auf den Hof kommt, der sieht als erstes Schweine im Stroh. Neugierig stecken einige Tiere ihre Rüssel durch das Absperrgitter des nach vorne offenen Stalls. Andere lassen sich vom menschlichen Besuch nicht stören und liegen ganz entspannt oder tollen miteinander herum. Es scheint geradezu das Bilderbuch-Idyll der Landwirtschaft zu sein, das viele Verbraucher gerne sehen würden.

Seit elf Jahren führt der 38-jährige Landwirt im westfälischen Laer einen klassischen Schweinemastbetrieb, auf dem auch sein Vater, seine Mutter und sein Bruder helfen. 2000 Tiere könnte er halten. Das sind deutlich mehr als die rund 1268 Schweine, die jeder der rund 20.500 Betriebe in Deutschland im Durchschnitt hält.

Doch auch bei Schulze Vowinkel sind es weniger als erlaubt - denn die Schweine werden im sogenannten Offenstall gehalten, dass ihnen immer Frischluft um die Schnauze weht. Genau das will Discounter Aldi für alle Tiere bis 2030, deren Fleisch in seiner Theke verkauft wird. Schon heute arbeitet der Landwirt aus Westfalen in der Vermarktung dieser Offenstall-Schweine mit dem Discounter zusammen.

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Für mehr Platz sind 70 bis 80 Euro mehr pro Schwein nötig

Haltungsstufe 3 wird diese Form stell Stalls in der Branche genannt. Das bedeutet für die Tiere auch: Die Schweine stehen nicht auf Stroh, sondern sie haben auch mehr Platz pro Tier als ihre Artgenossen im geschlossenen Stall ein paar Meter weiter.

Dieser erfüllt die Kriterien der Initiative Tierwohl, die Haltungsform 2, die im Handel zum Standard werden soll. Heute sind es bis zu 40 Prozent der rund 26 Millionen Schweine in Deutschland, die Robert Römer, Geschäftsführer der Initiative Tierwohl, zufolge bereits so gehalten.

Das Tierwohl noch weiter erhöhen und alle seine Schweine im offenen Stall halten? Das würde Ulrich Schulze Vowinkel gerne, doch dazu müsste er auch deutlich mehr Geld für seine Tiere bekommen - 70 bis 80 Euro pro Schwein, rechnet der Landwirt vor. Und das in einer Zeit, in der die Preise für Schlachtschweine eher sinken als steigen. In dieser Woche sind es im Schnitt 77 Cent pro Kilo Schlachtgewicht, die der Landwirt zum Beispiel für Schlachtauen erhält - 5 Cent weniger als noch in der Woche zuvor. Insgesamt liegt der Schweinepreis zurzeit bei 1,25 Euro.

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Wer ist Schuld am schlechten Schweinepreis?

Die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften (VEZG) begründet den erneuten Preissturz mit dem massiven Preisdruck der großen Schlachter im Nordwesten. Zu ihnen gehört das Unternehmen Tönnies. Firmenchef Clemens Tönnies verweist auf die zurzeit schwierige Vermarktung. Unter anderem aus China - ein wichtiger Abnehmer für Pfötchen, Ohren oder auch Schweineköpfe - fehlt wegen des Exportverbots aufgrund der in Deutschland unter Wildschweinen grassierenden Afrikanischen Schweinepest die Nachfrage. „Exportmärkte sind weggebrochen. Wenn sie wieder öffnen, stabilisieren sich auch die Preise“, ist Tönnies überzeugt.

Wobei nicht überall die Preise eingebrochen sind - an der Frischetheke merke der Kunde von den niedrigen Erzeugerpreisen nichts. Der Handel habe seine Preise nicht entsprechend nach unten korrigiert, so Tönnies.

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Landwirt: Verdiene zurzeit mit Schweinen kein Geld

Mit so niedrigen Preisen den gesellschaftspolitisch geforderten Umbau der Landwirtschaft vorantreiben? Für Landwirt Ulrich Schulze Vowinkel kaum denkbar. „Wenn die Politik und der Handel erwarten, dass ich Tiere nach Haltungsstufe 3 und 4 halte, dann auch so bezahlt werden“, fordert er. Dabei geht es ihm nicht um Geld vom Staat, von Subventionen hält er nichts. Es geht ihm um die Rahmenbedingungen: „Ich will Regularien, damit ich meine Schweine vernünftig verkaufen kann.“

Denn Geld verdiene er bei den Schweinepreisen zurzeit keines. „Wir fahren im Minus. Wie lange wir das aushalten? Keine Ahnung.“ 

Unterschiedlich gehaltene Schweine auf einem Hof

Mit seinen Sorgen ist Ulrich Schulze Vowinkel nicht alleine, ähnlich ergeht es Landwirt Elmar Schulze Heil, dessen Familie mindestens seit 1732 einen Hof im Münsterland bewirtschaftet. Auch bei Schulze Heils tummeln sich einige Schweine im Stroh. Sie werden an regionale Edeka-Märkte vermarktet. Eine kleine Gruppe der Tiere hält der 52-Jährige sogar draußen auf der Wiese, die die Schweine mittlerweile komplett umgewühlt haben.

Ein Versuch, sagt der Westfale. Ein Gastronom habe zugesagt, die Tiere abzunehmen.

Der Großteil der Schweine lebt jedoch wie bei Schulze Vowinkel entweder im Offenstall oder im letzten geschlossenen Stall auf dem Hof, den die Familie gerne umbauen würde. „Dafür braucht es aber noch eine Genehmigung“, sagt Elmar Schulze Heil. Ob er die bekommt? Unklar.

Keine Bratwurst mehr aus Deutschland?

Den Vorstoß des Discounters Aldi, in neun Jahren nur noch Fleisch abzunehmen, das höhere Tierwohlkriterien erfüllt, sieht der Westfale im Grunde positiv. Auch gegen weniger als die gut 2000 Tiere auf seinem Hof hat der Landwirt nichts, wenn die Preise stimmten. Doch er bleibt skeptisch, ob der Handel am Ende hält, was er verspricht und für Tiere aus einer höheren und somit für Landwirte kostspieligeren Haltungsstufe auch mehr zahlt. „Die Befürchtung ist da, dass Discounter am Ende die Preise drücken“, sagt Elmar Schulze Heil. Und in der Konsequenz statt Fleisch aus Deutschland am Ende Schweinefleisch aus Chile oder Spanien verkauft, weil es günstiger ist.

Also bald keine Bratwurst Made in Germany mehr? „Die Gefahr besteht“, sagt Ulrich Schulze Vowinkel nach kurzem Zögern. „Wenn wir nicht aufpassen und im Prozess der Umstrukturierung nicht alle mitnehmen, dann geht es den Landwirten wie den Textilern.“ Man müsse der Landwirtschaft auch eine Chance geben, sich umzustellen. Bei Tönnies wolle man den Landwirten, mit denen man zusammenarbeite, Abnahmegarantien der Schweine aus höheren Haltestufen geben, sagt Clemens Tönnies. „Dann wird die Finanzierung kein großes Problem sein“, ist der Firmenchef überzeugt. Tönnies sagt aber auch: „Der Handel ist gefragt und muss sich zu Schweinefleisch aus Deutschland bekennen.“

Leidenschaft der Landwirte könnte schwinden

Bis es hier eine Entscheidung gibt, könnte es noch dauern. Das hilft den Landwirten in ihrer aktuellen Situation nicht. Beim Discounter Aldi reagiert man insofern, als dass vorerst auf eine Neuausschreibung für Schweinefleischartikel verzichtet wird, wie das Unternehmen mitteilt. Der Einkaufspreis werde derzeit auf einem Niveau wie vor dem Ausbruch der Schweinepest gehalten. Das mache gut 15 bis 20 Prozent mehr für die Landwirte.

Ob das hilft? Die Leidenschaft für die Landwirtschaft haben sowohl Elmar Schulze Heil als auch Ulrich Schulze Vowinkel. Doch letzterer sagt auch: „Leidenschaft ist das erste, das schwindet, wenn man sieht, dass all die Arbeit nichts einbringt.“

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