Berlin
Empörung als Prinzip: Was Alice Weidel antreibt
Alice Weidel ist eine der umstrittensten Top-Politikerinnen Deutschlands. Die AfD-Spitzenkandidatin steckt voller Widersprüche. Selbst Partei-Insider rätseln über die wahren Motive ihres politischen Engagements.
Freitag, 25. Juni, letzter regulärer Sitzungstag des Parlaments vor der Wahl im September. Die Tagesordnung ist picke-packe-voll. Fröhlich lachend kommt Alice Weidel, Co-Fraktionschefin und erneute Spitzenkandidatin der „Alternative für Deutschland“, am Vormittag aus dem Besprechungszimmer auf der Fraktionsebene des Reichstagsgebäudes. Die Grabenkämpfe in der Rechtsaußenpartei, ihre Spendenaffäre trüben Weidels Laune nicht. Auch von Parlamentsstress keine Spur.
Dabei haben viele ihre Wut-Auftritte im Kopf, im Bundestag mit dem Fuß aufstampfend, das Verlassen einer Talkshow... Uns sagt sie: „Ich bin von Natur aus eher entspannt und gar nicht so wütend.“ Sie wisse nicht recht, wie das Bild entstehen konnte. „Vielleicht so in den Reden, das mag vielleicht sein.“
Etwa ihr Auftritt im Mai 2018, als sie über „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner“ schimpfte? Oder ihre Rede vor der Abstimmung zum Infektionsschutzgesetz in diesem April, als sie der Regierung vorwarf, ein „Notstandsgesetz durch die Hintertür“ einzuführen?
„Die CO2-Steuer ist verfassungswidrig“
Ihre neuerliche Spitzenkandidatur verdankt Alice Weidel dem Mangel an Konkurrenz, aber auch dem Lager des rechtsextremen Björn Höcke. Im Plenum tritt sie immer wieder als Scharfmacherin auf. Zu Warnungen vor dem angeblichen Zerfall der inneren Sicherheit als Folge der Flüchtlingskrise kamen zuletzt härteste Attacken gegen Corona-Maßnahmen. Auch gegen Klimaschutz-Auflagen wettert Weidel. „Die CO2-Steuer ist verfassungswidrig, die Regierung lässt mit ihren Vorgaben die Industrie über die Wupper gehen“, sagt sie.
Schaut man sich Weidels Lebenslauf an, dann erscheint ihr Engagement für die Rechtsaußenpartei alles andere als naheliegend. So lebt sie in eingetragener Partnerschaft mit der in Sri Lanka geborenen Schweizer Film- und Fernsehproduktionsleiterin Sarah Bossard und zwei Söhnen in Überlingen am Bodensee und an einem Zweitwohnsitz in der Schweiz, in Berlin hat sie eine Dienstwohnung.
Der „Spiegel“ fragte schon bei ihrer ersten Spitzenkandidatur vor vier Jahren: „Wieso kandidiert eine lesbische Frau für eine Partei, die schwule Paare mit Kindern nicht für vollwertige Familien hält? Wieso verharmlost Weidel den Rassismus der AfD, obwohl ihre Lebenspartnerin aus Sri Lanka stammt, die gemeinsamen Kinder dunkelhäutig sind?“ Das Onlinemagazin „Queer“ sieht in Weidel ein „lesbisches Feigenblatt der Rechtsextremen“.
Als Ex-AfD-Funktionär Uwe Junge während der Fußballeuropameisterschaft vor wenigen Wochen die Regenbogen-Kapitänsbinde von Manuel Neuer als „Schwuchtelbinde“ bezeichnete, forderte Weidel zwar Junges Parteiaustritt und gratulierte der Fußballnationalmannschaft auf Twitter zu ihrem „grandiosen 4:2 Sieg gegen Portugal!“. Dann flog das DFB-Team gegen England raus, und Weidel postete auf Facebook höhnisch: „Ich schicke der 'Mannschaft' einen Regenbogen als Abschiedsgruß“.
Im Gespräch sagt sie: „Homophobe Attacken tangieren mich überhaupt nicht, denn diejenigen, die so reden, die haben mit sich ein Problem, das mache ich mir nicht zu eigen“.
Finanzexpertin wettert gegen den Euro
Auch ihr professioneller Werdegang führt kaum automatisch in eine Partei, die auf Abschottung und Nationalismus setzt, den EU-Austritt Deutschlands fordert. Geboren in Harsewinkel in NRW, wollte sie als Teenager Chirurgin werden, machte dann doch ein BWL- und VWL-Studienabschluss in Bayreuth als eine der Jahrgangsbesten. Für ihre Promotion über das chinesische Rentensystem - Abschluss mit summa cum laude - lebte sie lange im Reich der Mitte. Von 2011 bis 2013 arbeitete Weidel bei der Allianz Global Investors in Frankfurt am Main, machte sich später als Unternehmensberaterin selbständig. Die Jobs in der Finanzwelt hätten sie „extrem resilient“ gemacht, sagt sie.
Auch der damalige AfD-Gründer Bernd Lucke und der heutige AfD-Co-Chef Jörg Meuthen kommen aus der Wirtschaft. Aber während Professor Lucke die AfD im Streit aus Protest über den Rechtskurs verließ und sich Professor Meuthen mit den völkischen Hardlinern anlegt, vergeblich versucht, der Partei einen bürgerlichen bis wirtschaftsliberalen Anstrich zu verpassen, ging Weidel nie auf Distanz zu Höcke.
„Björn Höcke und ich telefonieren extrem selten, wir sprechen uns nicht ab, warum sollten wir?“, sagt sie zwar im Gespräch, um gleich zu ergänzen, sie verfolge einen „integrativen Führungsstil“ und rede „mit jeder Strömung auf Augenhöhe“. Das Rechtsextremismus-Problem der AfD? „Das ist nicht größer als bei anderen Parteien auch.“
Einen Hang zu Politikverachtung und Ressentiments offenbarte Weidel 2013 in einer Mail, die die „Welt“ publik machte. Darin bezeichnete sie Regierungsmitglieder als „Verfassungsfeinde“ und „Schweine“ und behauptete, Deutschland werde von „kulturfremden Völkern wie Arabern, Sinti und Roma“ überschwemmt. Ein von Beginn an prägendes Motiv ihrer Empörung ist die europäische Gemeinschaftswährung. Schon in ihrer Zeit als Finanzberaterin warnte sie unerbittlich, der Euro zersetze Deutschlands Souveränität, erinnern sich Weggefährten von früher.
Ihre Lebensgefährtin Bossard war es, die Weidel 2013 zum AfD-Eintritt motivierte. Bossard habe ihr permanentes Klagen über Politik „nicht mehr hören“ können, schrieb Weidel 2019 in ihrem Buch „Widerworte: Gedanken über Deutschland“. „Schimpfe nicht nur, tu etwas“, zitiert sie Bossard. In der AfD habe sie allerdings zunächst nur ihren „gesellschaftspolitischen Beitrag“ leisten wollen.
Im Gestus eiskalt
Es kam anders. Schon vier Jahre später fragte sie der damalige Parteichef Alexander Gauland, ob sie an seiner Seite die Spitzenkandidatur übernehmen wolle. Weidel füllte die Lücke, die durch die Flucht von Frauke Petry entstanden war. Im September 2017 zog die AfD erstmals in den Bundestag ein, und Weidel wurde Co-Fraktionschefin.
Die kalkulierte Provokation im Plenum ist zu ihrem Markenzeichen geworden. Flüchtlinge, Finanzen, Corona und Klima sind ihre Themen, im Gestus eiskalt, in den Worten voll heißer Wut, wirft sie Merkel und der Regierung Versagen und den Verrat deutscher Interessen vor. Das sorgt für hohe Klickzahlen auf YouTube, das kommt vor allem bei der ostdeutschen AfD-Basis gut an, aber in der Fraktion herrscht Weidel-Frust. „Launisch, unfähig zu führen, nicht verlässlich in Absprachen: Eigentlich war sie ein Rohrkrepierer“, sagt ein AfD-Abgeordneter, der sie vier Jahre im Bundestag erlebt hat.
Auch das, was Weidel wirklich antreibt, ist vielen in der Partei noch heute völlig unklar. Bei ihrer ersten Spitzenkandidatur galt sie zunächst als moderner, weiblicher, hübscher und liberaler Gegenpart zu Partei-Dinosaurier Gauland. Doch spätestens seit ihrer Hinwendung zum wieder erstarkten Höcke-Flügel sei klar, dass Weidel kein liberales Wertefundament habe, sagt ein Parteiinsider.
„Die Cancel-Culture ist das Schlimmste“
Eine „Kümmererpartei“ von Rechtsaußen, die die ostdeutschen Landesverbände wollen? Eine national-konservative Partei, die auf Leistung setzt, wie es Meuthen vorschwebt? Im Lagerstreit ist Weidel nicht zu verorten, aus Konflikten hält sie sich raus, richtet sich nach den jeweiligen Machtverhältnissen, setzt auf Selbstvermarktung ohne Kern. Aus Prinzip gegen den Strom schwimmen, eine Anti-Haltung als Triebfeder: So will sich die hochintelligente Frau, die mal Ärztin werden wollte, auch nicht gegen Corona impfen lassen.
„Kritiker der Corona-Maßnahmen werden ausgegrenzt und in die Ecke gestellt, als ‚Covidioten‘ beschimpft“, sagt sie. „Wir kämpfen dagegen, dass gegen Andersdenkende politisch und medial vorgegangen wird.“ Die Cancel-Culture sei „das Schlimmste“.
Protest und Attacke, ja, das könne Weidel, „aber ein Wille zum Gestalten ist nicht ansatzweise zu erkennen“, sagt ein anderes AfD-Mitglied.
Bei denen, die die Partei nicht hauptsächlich als Sammelbecken der Wutbürger und Rückwärtsgewandten sehen, kommt das nicht gut an. Bleibt die Partei bei der Bundestagswahl am 26. September klar unter ihrem letzten Ergebnis von 12,6 Prozent, dann werde Weidels Wiederwahl zur Fraktionschefin „durchaus eine Herausforderung“, prophezeit einer von ihnen.