Flensburg
Bundestagswahl 2021: Die bessere Hälfte – Robert Habeck im Porträt
Robert Habeck wollte Bundeskanzler werden – jetzt versucht er, den Negativtrend der Grünen und ihrer Kandidatin Annalena Baerbock zu stoppen.
Da steht er nun, in der Stadt, in der alles begann. Es ist ein sonniger Spätjulitag in Schleswig, im Hintergrund spiegelt sich der fast wolkenlose Himmel im Wasser der Schlei, die passende Kulisse für den Abschluss von Robert Habecks 14-tägiger Küstentour. 300 Menschen sind auf die Königswiesen gekommen, sie wollen den Mann sehen, der hier, in Schleswig-Holstein, Umweltminister war, aber nun schon seit Jahren Teil des Berliner Politikbetriebes ist. „Hier bin ich politisch groß geworden, hier ist meine politische Heimat“, ruft er und die Menschen klatschen. Ein Heimspiel für Habeck, das Küstenkind.
Vor knapp 20 Jahren, im März 2002, wurde er hier oben zum Vorsitzenden des Grünen-Kreisverbandes Schleswig-Flensburg gewählt, obwohl er damals noch nicht einmal Parteimitglied war. Habeck musste nicht nach diesem Amt greifen, es kam einfach zu ihm, denn der Kreisverband lag damals inhaltlich und personell am Boden und der Neue, der eigentlich nur mal vorbeischauen wollte, war am Ende der Einzige, der sich zu einer Kandidatur überreden ließ. Seitdem ging es politisch eigentlich fast immer nur bergauf für den Mann, der von sich selbst sagt: „Mein Weg durch die Politik war eine wilde Mischung aus Zufall, zu einem gewissen Zeitpunkt an einem gewissen Ort gewesen zu sein, und der Bereitschaft sich auf neue Herausforderungen einzulassen.“
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Habeck wurde Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag, dann Landesvorsitzender, Fraktionsvorsitzender im Landtag und schließlich stellvertretender Ministerpräsident und Umweltminister von Schleswig-Holstein. Aus einem politisch interessierten Schriftsteller war ein schreibender Politiker geworden. Diese biografische Besonderheit ist schon unzählige Male erzählt worden, aber sie ist wesentlich dafür, welche zwei Perspektiven Robert Habecks Idealvorstellung der Politik zusammenfassen: Zum einen der weite Blick des Schriftstellers, der ein Thema und seine Entwicklung auch mal vom Ende her erzählen kann, zum anderen das situative Handeln des Politikers, der im kleinteiligen Tagesgeschäft die naheliegenden Kompromisse sucht und, wenn nötig, auch mal Härte zeigt. Notwendig sind beide, auch im Umgang mit der eigenen Partei.
Was stünden die Grünen da, wenn Habeck Kanzlerkandidat wäre?
Habeck hat den Grünen einiges zugemutet, seit er Parteivorsitzender geworden ist: Mehr politischen Pragmatismus etwa, weniger rigide Verbotsforderungen, vor allem aber das Ende der permanenten moralischen Selbsterhöhung. In Schleswig geht Habeck - schwarze Jeans, graues T-Shirt - gleich am Anfang seiner Rede direkt vor die Publikumsränge. Dann spricht er über seine Partei: „Wir neigen dazu, moralisch so überschwänglich zu sein, dass es mir selber oft genug auf den Keks geht.“ Für diesen Satz erhält er viel Applaus. Gerade hier, in Schleswig und an den anderen Orten der Küstentour, kann man mitunter den Eindruck gewinnen, dass er längst größer ist als seine Partei. Und gerade hier schwingt immer wieder dieser unvermeidliche Konjunktiv mit: Wie stünden die Grünen jetzt eigentlich da, wenn Robert Habeck Kanzlerkandidat der Grünen geworden wäre und nicht Annalena Baerbock?
Habeck kennt diese Fragen und er reagiert meistens mit der ihm typischen Genervtheit, wenn sie ihm gestellt wird. In Schleswig sind sie rücksichtsvoll genug, ihm diese Frage zu ersparen. Es ist ein Termin wie gemacht für den Politiker, der seine stärksten und überzeugendsten Momente hat, wenn er dicht dran ist an den Menschen. Dann redet er über das große Ganze, über die notwendigen gesellschaftlichen und auch politischen Veränderungen,die die Grünen anschieben wollen: Weniger Zeigefinger, mehr Konsens. Weniger Angstmacherei, mehr positive Veränderungsanreize: „Ich möchte, dass wir alle 2040 auf diese Zeit zurückblicken und sagen: Wir haben zusammen Geschichte geschrieben.“ Geschichte schreiben - darunter macht er es nicht.
Ein gewisser Hang zum Pathos
Habeck hat einen gewissen Hang zum Pathos, aber das Anliegen, das er formuliert, ist ihm spürbar wichtig: „Es geht darum, die Klimakrise nicht eskalieren zu lassen. Das ist das Thema, das über allen anderen steht.“
Er sagt diesen Satz ein paar Wochen vor seinem Auftritt in Schleswig, während eines Gesprächs über seine politischen Ziele, den bevorstehenden Wahlkampf und die Probleme, die die Partei gerade hat. Es ist die Zeit, in der mehr über die Verzierungen in Annalena Baerbocks Lebenslauf diskutiert wird als über grüne Inhalte. Die Plagiatsvorwürfe wegen Ihres Buchs sind zu dem Zeitpunkt - Mitte Juni - noch gar nicht öffentlich geworden. Aber der grüne Aufschwung in den Umfragen hat sich da schon in einen Abschwung gedreht.
Man kann davon ausgehen, dass ihn Baerbocks Fehler geärgert haben, kommentieren will Habeck die Ungereimtheiten in ihrem Lebenslauf allerdings nicht. Er sagt stattdessen: „Es ist nicht die Aufgabe der anderen Parteien, uns das Leben leichter zu machen.“
Man kann den Beginn der Grünen-Krise ziemlich genau terminieren. Sie begann kurz nachdem aus dem grünen Führungsduo eine Kanzlerkandidatin und ein Konjunktiv-Kandidat wurden. Robert Habeck stellte Annalena Baerbock am 19. April als Frontfrau der Grünen vor, noch Anfang Mai stand die Partei prächtig da. Mit 27 Prozent lag sie in den Umfragen vor der Union und weit vor der SPD. Habeck hatte zu diesem Zeitpunkt in einem Interview mit der „Zeit“ seinen Schmerz über die gemeinsame Entscheidung für Baerbock geäußert und noch einmal deutlich gemacht, dass auch er für das Kanzleramt kandidieren wollte. „Ich wusste damals, dass ich dieses Interview geben musste“, sagt Habeck während des Gesprächs Mitte Juni in Flensburg: „Um weiterhin in der Öffentlichkeit volle Kraft für den Wahlkampf geben zu können, musste ich einmal ehrlich sagen, was ich wollte und nicht erreicht habe - damit ich dann nicht mehr ständig drüber reden muss. Und damit war auch gut.“
Die Rolle der besseren Hälfte des Grünen-Führungsduos
Das Problem an der Sache war nur: Während Habeck sich tatsächlich mit voller Kraft in den Wahlkampf stürzte, schlitterte Baerbock von einer Verlegenheit in die nächste - und die Partei reagierte seltsam unsouverän und affektiv auf die Vorwürfe gegen ihre Kandidatin. Von Habeck war in dieser Zeit nicht viel in dieser Angelegenheit zu hören. Aber was hätte er auch sagen sollen? Jeder Satz, jedes Wort wäre gefährlich gewesen in einer Konstellation, in der zwei Parteivorsitzende ursprünglich die gleiche Machtoption im Blick hatten; zumal ohnehin vieles von dem, was Annalena Baerbock sagt, schreibt oder macht, in ihrem Co-Vorsitzenden gespiegelt wird. Je mehr Baerbock kritisiert wird, desto mehr wächst Habeck in seiner Rolle als bessere Hälfte des Grünen-Führungsduos. Das aber nützt derzeit weder ihm noch der Partei.
Die Grünen sind, glaubt man den Umfragen, derzeit eher in Sichtweite der FDP als der Union oder SPD. Das verkleinert die Machtoptionen, vor allem aber den möglichen künftigen Handlungsrahmen. Und es stellt das Politikmodell in Frage, das Robert Habeck als Vorsitzender gegen einigen Widerstand in seiner Partei etabliert hat: Neben dem Jahrhundertthema Klimaschutz auch auf Fragen der inneren Sicherheit und geopolitische Entwicklungen pragmatische Antworten zu finden, die eigenen Positionen kritisch zu überprüfen, überparteiliche Lösungen jenseits der einstudierten politischen Reflexe zu finden. „Man muss den politischen Gegner auch loben, wenn er eine gute Entscheidung getroffen hat“, sagt Habeck, der einen der Tiefpunkte seines politischen Wirkens bei den gescheiterten Berliner Jamaika-Koalitionsgesprächen von 2017 verortet hat: „Da haben wir uns von Anfang an im politischen Klein-Klein verheddert.“ Solche Verhandlungen, das macht Robert Habeck deutlich, will er nicht noch einmal erleben.
Erst mitregieren, dann als Kanzlerkandidat kandidieren?
Aber die Frage ist derzeit vor allem, ob und mit welcher Stärke die Grünen nach dem 26. September in mögliche Koalitionsverhandlungen gehen. „Wir haben in diesem Wahlkampf nicht alles fantastisch gemacht, aber wenn wir unsere Kampagne jetzt selbstbewusst, offensiv und inhaltlich stark zu Ende bringen, dann ist für uns vieles möglich.“ Was genau, wird sich in knapp drei Wochen zeigen. Eine Kanzlerin Annalena Baerbock ist derzeit aber sehr viel unwahrscheinlicher als ein Minister Robert Habeck. Welches Amt ihn reizen würde, das verrät er nicht: „Ich kann ja nicht alle anderen dazu verdonnern, nicht zu spekulieren oder Wünsche zu äußern - und dann selbst dieses Fass aufmachen.“
Und dann ist da ja noch dieses andere Amt, das in vier Jahren wieder vergeben wird - und für das auch ein Grüner in Frage kommen könnte, wenn die Partei in einer möglichen Regierungskoalition mit ihren ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen punkten kann. Dann wäre doch eigentlich der Parteivorsitzende, der jetzt verzichtet hat, eine gute Option, oder? „Ich bin auf den 26. September fokussiert, damit wir die Chance haben, danach eine erfolgreiche Regierung zu bilden“, antwortet Habeck. Das eine aber muss das andere nicht ausschließen. Den Machtwillen hat er, seine Ambitionen sind durch den unfreiwilligen Verzicht zugunsten Annalena Baerbocks gewiss nicht kleiner geworden. Gut möglich also, dass er in vier Jahren, während der nächsten Küstentour oder beim nächsten Heimspiel auf den Schleswiger Königswiesen, wieder an den Ort zurückkehrt, an dem alles begann. Dann aber als Kanzlerkandidat der Grünen.