Dorfentwicklung
Kinderkrippe oder mehr Tourismus: Was braucht Pilsum?
In Pilsum rückt die Feuerwehr ab und hinterlässt ein ungenutztes Gebäude. Die Politik liebäugelt mit einer Krippe oder einem Fahrradhotel. Was wollen diejenigen, die in Pilsum wohnen?
Pilsum - Noch ist die Feuerwehr da. Aber in Pilsum müssen sie sich Gedanken darüber machen, was mit der Wache passieren soll, wenn sie das Dorf verlässt, um in einen geplanten Neubau zu ziehen. Die Diskussion ist spätestens seit dieser Woche eröffnet. Denn die Mitglieder des Infrastrukturausschusses haben sich am Dienstag einstimmig dafür ausgesprochen, die Gemeinde zu beauftragen, ein tragfähiges Konzept zu erstellen. Der vorausgegangene Meinungsaustausch hat gezeigt: In den Reihen von Rat und Verwaltung gibt es bereits zwei favorisierte Varianten. Aus ihnen ergeben sich ganz unterschiedliche Impulse für Pilsum. Die eine würde den Tourismus stärken, die andere Familien mit kleinen Kindern, die auf ortsnahe Betreuungsangebote angewiesen sind. Und so wird die Frage der Nachnutzung auch zu einer Richtungsentscheidung für das Krummhörner Dorf.
Angeschoben hat die Diskussion der SPD-Ortsverein. Er rückte das Thema mit einer sehr konkreten Idee auf die Tagesordnung. Der von der SPD entwickelte Vorschlag sieht vor, ein Fahrradhotel sowie gegebenenfalls neue Wohnmobilstellplätze zu schaffen. Roelf Odens (CDU) brachte noch in der Sitzung eine zweite Möglichkeit ins Spiel, für die es parteiübergreifend ebenfalls schnell Zustimmung gab: „Warum überlegen wir nicht parallel, eine Krippe in die Planung mit aufzunehmen“, regte er an.
1000 Ideen, aber nichts Konkretes
Aber wie ist die Stimmung im Dorf selbst? Wenn es um eigene Konzepte geht, sieht es eher mau aus, sagt Lutz Gosepath, der Ortsvorsteher. „Man hat zwar 1000 Ideen, aber keiner möchte Verantwortung übernehmen“, sagt er. Konkretes habe er in Gesprächen mit den Einwohnerinnen und Einwohnern nicht gehört. Allerdings sei das Thema vielen wichtig. Gosepath, muss man wissen, ist nicht nur Ortsvorsteher, sondern auch Mitglied des SPD-Ortsvereins. An dem Vorschlag, das Feuerwehrhaus zu einer neuen Anlaufstelle für Radtouristen umzugestalten, hat er selbst mitgearbeitet. Ihm gefällt die Vorstellung, dass in einem ausgebauten Dachstuhl Übernachtungszimmer entstehen und hinter dem Haus Stellplätze für Wohnmobile geschaffen werden. „Die Nachfrage gibt es her“, glaubt er. Ein solches Konzept würde in seinen Augen dauerhaft funktionieren. Vor die Wahl gestellt zwischen Bildung und Tourismus, würde er sich allerdings für eine Krippe aussprechen. „Das hat Vorrang vor allem Anderen“, so Gosepath.
Im Gespräch mit der Redaktion positioniert sich eine Dorfbewohnerin, die seit fast 40 Jahren in Pilsum lebt, klar gegen eine Krippe und für ein Fahrradhotel. Die 65-Jährige, die nicht namentlich im Bericht auftauchen möchte, sieht darin den größeren Nutzen für ihr Dorf. Eine Übernachtungsstätte, in der sich Radtouristen auch für eine Nacht unkompliziert einbuchen können, gebe es schließlich in der Krummhörn noch nicht, sagt sie. „Alles geht immer nach Greetsiel“, gibt sie zu bedenken. In dem Konzept sieht sie eine große Chance, dass auch Pilsum von steigenden Gästezahlen profitieren kann.
Wer zieht ins neue Baugebiet?
Es gibt allerdings auch gute Gründe für eine Kinderkrippe. Mit ihr ließe sich eine Versorgungslücke im Dorf schließen, zumal es auf dem von der Feuerwehr mit genutzten Grundstück bereits einen Kindergarten für über Dreijährige gibt. Der Bedarf an Betreuungsplätzen könnte zusätzlich steigen, sobald das geplante Baugebiet Neu-Ettum kommt. Die 65-Jährige hat trotzdem Zweifel, dass Pilsum wirklich eine eigene Krippe braucht. Es gebe genügend Beispiele in der Krummhörn, dass neue Baugebiete weniger junge Familien als erhofft bringen. Gebaut würde oft vor allem von Auswärtigen, die ihre Kinderplanung längst abgeschlossen haben, gibt die Frau zu bedenken.
Die Entscheidung zwischen Tourismus und Bildung ist in Pilsum „ein Thema, das polarisiert“, stellt Holger Müller fest. Der Künstler, der schon seit Jahren in dem Dorf eine zweite Heimat gefunden hat und an Stammtischrunden teilnimmt, hält es deswegen für wichtig, dass die Wahl nicht alleine der Politik und der Gemeinde überlassen wird. „Die Leute im Ort müssen mit einbezogen werden“, sagt Müller. An ihm lässt sich der Zwiespalt gut festmachen. Mit seinem Mini-Theater „Sehr kleines Haus“ und als Figur „Ausbilder Schmidt“ profitiert Müller auch von einem florierenden Tourismus. Als Privatperson weiß er dagegen um die Bedeutung einer öffentlichen Infrastruktur für die Einheimischen gerade auch in den Monaten, in denen sich nur wenige Gäste in die Krummhörn verirren. „Man darf nicht nur den Tourismus stärken“, sagt er.
Sollte es in Pilsum zu einer Bürgerbefragung oder sogar zu einem Bürgerentscheid kommen, was er im Kern begrüßen würde, müssten aber zuerst „diskussionswürdige Konzepte vorliegen“, so Müller. Er erinnert an das Veranstaltungshaus in Pewsum, das nach einer zermürbenden Auseinandersetzung in einem Bürgerentscheid 2019 abgelehnt worden war. Als Hauptgrund vermutet Müller bis heute, dass zu wenigen bewusst gewesen sei, worüber sie eigentlich abstimmen und was der Entscheid für Folgen hat.