Bonn
Blickrichtung links: Die Juso-Chefin Jessica Rosenthal im Porträt
Jessica Rosenthal ist seit Januar Vorsitzende der Jungsozialisten (Jusos) - und will für die SPD in den Bundestag. Ein Porträt.
Ohne Jessica Rosenthal und ihre Organisation hätte es der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz ganz bestimmt leichter, und man kann davon ausgehen, dass die Juso-Vorsitzende diese Einschätzung teilt. Nur formuliert sie es anders: „Den Jusos ist es in den letzten Jahren gelungen, die Positionierung der SPD zu verändern.“ Welche Positionierung sie meint, wird schnell deutlich: Weiter links. Rosenthal, die am 8. Januar dieses Jahres zur Bundesvorsitzenden der Jungsozialisten (Jusos) gewählt wurde, ist eine der selbstbewussten Nachwuchskräfte innerhalb der SPD, sie sagt griffige Sätze wie diese: „Ich möchte den Sound in der Politik verändern. Ich möchte für mehr Mut sorgen.“ Das klingt fordernd und ganz bewusst auch ein bisschen cool, wie eine Mischung aus Youtube-Welterklärer Rezo und der umstrittenen wie selbstbewussten Linken Sahra Wagenknecht. Nur nach Olaf Scholz klingt das irgendwie gar nicht.
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Rosenthal und Scholz stehen für die inhaltliche Breite der SPD
Rosenthal will am 26. September für ihren Wahlkreis Bonn in den Bundestag einziehen, um dann - im Idealfall - einen Kanzler Olaf Scholz zu wählen.
In diesen beiden, der 28-jährigen Rosenthal und dem 63-jährigen Scholz lässt sich die ganze personelle und inhaltliche Breite der SPD abbilden und auch ihre ganze innere Widersprüchlichkeit. Dabei muss die SPD gerade jetzt, da sie etwas ungläubig auf ihren eigenen Höhenflug in Wahlprognosen blickt, nach außen geeint daherkommen. Und pragmatisch. Man könnte auch sagen: Die SPD muss gerade mehr wie Olaf Scholz sein und weniger wie ihre mitunter streitlustige Jugendorganisation. Und das macht die Sache für Jessica Rosenthal nicht unbedingt einfacher, denn wer regieren will, darf nicht immer zu eindeutig sein. Weder in Urteilen über etablierte Parteigrößen noch über mögliche Koalitionspartner.
Erinnerungen an das SPD-Chaosjahr 2019
Die Juso-Vorsitzende residiert mit ihrem Wahlkampfteam in einem schmucklosen Zweckbau in Bonn-Mitte: Dort erzählt sie Ende Juni von ihren politischen Zielen - und dem Einfluss des SPD-Nachwuchses auf die Politik der Partei: „Es ist wichtig für die SPD, die Jusos an Bord zu haben. 2019 ist klargeworden: Wenn man Mehrheiten organisieren will, sollte man sich an die Jusos wenden. Dabei ging es immer um die Inhalte und weniger um die Personalien.“ 2019. Dieses Jahr steht in der SPD als Synonym für parteiinternen Streit und Machtkämpfe. Manche würden sagen: Für Chaos. Jessica Rosenthal spricht rückblickend von einer wichtigen Zeit für die Partei: „Manchmal ist es schmerzhaft und anstrengend, wenn verschiedene Meinungen und Ideen kollidieren. Es gab harte innerparteiliche Diskussionen. Aber wir müssen auch mal um den besten Weg streiten.“ Nur war wohl selten unklarer, welches der beste Weg sein sollte.
Castingshow für den Parteivorsitz
Nach dem Rücktritt der Parteivorsitzenden Andrea Nahles, die entnervt vom schlechten Abschneiden bei der Europawahl und andauernder innerparteilicher Kritik ihr Amt zur Verfügung stellte, begann bei den Sozialdemokraten eine Art Castingshow für den Parteivorsitz, an der aber nicht alle SPD-Größen teilnahmen - wohlwissend, dass die Basis in der Stimmung war, die Parteivorderen lustvoll abzustrafen. Am Ende verlor Olaf Scholz gemeinsam mit der brandenburgischen Landtagsabgeordneten Klara Geywitz im zweiten Wahlgang gegen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Die SPD hatten ihren Vizekanzler und zu der Zeit profiliertesten Politiker öffentlich demontiert.
Werbung gegen eine erneute Große Koalition mit der Union
Es war das Ende eines parteiinternen Flügelkampfes, der 2017 begonnen hatte, als Rosenthals Vorgänger als Juso-Chef, Kevin Kühnert, sich öffentlich und mit großer Vehemenz gegen einen erneuten Eintritt der Sozialdemokraten in eine Große Koalition eingesetzt hatte. Am Ende waren zwar Kühnerts Bekanntheitswerte in die Höhe geschossen, aber die SPD am Tiefpunkt - trotz oder gerade wegen der erneuten Juniorpartnerschaft mit der Union. „Ich weiß, dass hier in Bonn viele Genossinnen und Genossen mit der Faust in der Tasche für die Große Koalition gestimmt haben, weil sie sie gesagt haben: Erst das Land, dann die Partei. Ich bin bei meiner Abwägung woanders rausgekommen, weil ich überzeugt war, dass wir auch eine handlungsstarke Sozialdemokratie brauchen“, sagt Rosenthal. Handlungsstärke, so muss man sie verstehen, hätte die SPD eher in der Opposition gezeigt.
Genosse Olaf ist wieder eine ganz große Nummer in der SPD
Dieses Mal aber sind die Vorzeichen andere, dieses Mal will sie regieren: „Macht ist ja nicht per se etwas Schlechtes, sondern Macht schafft auch Gestaltungsmöglichkeiten. Wir machen Wahlkampf dafür, dass Olaf Scholz ins Kanzleramt kommt.“ Genosse Olaf ist plötzlich wieder eine ganz große Nummer in seiner Partei und es gelingt Jessica Rosenthal nicht immer, diesen Stimmungsumschwung plausibel zu erklären. „Während der Pandemie haben die SPD-Minister und Olaf Scholz wahnsinnig viel geleistet.“ Der Vizekanzler und Finanzminister als Pandemiegewinner in seiner eigenen Partei - darauf muss man erstmal kommen.
Und dann ist da noch die schwierige Koalitionsfrage: Im Juni noch - da steht die SPD zwischen 15 und 17 Prozent - äußert sich Rosenthal sehr aufgeschlossen gegenüber einem rot-rot-grünen Regierungsbündnis. Mittlerweile, da die SPD im Umfragehoch ist, klingt sie vorsichtiger und abwägender: „Natürlich gibt es auch mit den Linken viele Schnittmengen, allerdings steht die SPD zu außenpolitischen Bündnissen.“ Manchmal greifen auch Jusos schon ganz beherzt zu Politikfloskeln, wenn zu viel Eindeutigkeit in Richtung eines Linksbündnisses dem derzeitigen Höhenflug schaden könnte. Zumal auch die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, die Teil dieses Bündnisses werden soll, sich gerade von den Linken distanziert hat. Die Äußerungen Rosenthals in Richtung Baerbock und ihrer Partei immerhin lassen an Eindeutigkeit nichts vermissen: „Falls die Grünen tatsächlich in Richtung der Union schielen, dann kann es ihnen nur um den Machtanspruch und nicht um Inhalte gehen.“
Gute Chancen auf ein Bundestagsmandat
Aber für Jessica Rosenthal hat derzeit ohnehin Priorität, das Direktmandat in Bonn zu holen. Ihre Chancen stehen, glaubt man den Umfragen, nicht schlecht. Es gibt aber Stimmen in der ehemaligen Bundeshauptstadt, die behaupten, das liege eher an der Schwäche ihrer Gegenkandidaten als an der Stärke Rosenthals. Sie ist eine kluge und engagierte Frau, aber ihr Bekanntheitsgrad ist verbesserungswürdig - als Bundestags-Kandidatin, aber vor allem auch als Juso-Vorsitzende. In diesem Amt allerdings hat sie als Kühnert-Nachfolgerin auch kein leichtes Erbe angetreten. Sollte es am Ende mit dem Direktmandat nicht klappen, könnte sie immer noch über die Zweitstimmen nach Berlin kommen - mit Platz 20 auf der Landesliste der nordrhein-westfälischen SPD ist das wahrscheinlich.
Einsatz für eine bessere Bildung
In Berlin will Rosenthal, die neben ihrer Tätigkeit als Juso-Vorsitzende noch als Lehrerin arbeitet, sich vor allem für eine andere Bildungspolitik einsetzen. Wenn sie über die schlechte Ausstattung der Schulen und ungleiche Bildungschancen spricht, dann wird sie emotional - und hat argumentativ ihre stärksten Momente: „Ich bin aus Unterrichtsstunden rausgegangen und wusste, dass ich viel zu oft nur minimal dazu beitragen konnte, Kinder, die sehr viel Potential haben, zu fördern. Deswegen muss ich alles tun, um dieses System zu ändern.“ Sie will gleiche Aufstiegs- und Bildungsvoraussetzungen für alle schaffen - mit der SPD, mit Olaf Scholz, mit den Grünen. Und wenn nötig, wohl auch mit den Linken. Aber letzteres würde sie derzeit - auch dem neuen SPD-Übervater Olaf Scholz zuliebe - in dieser Eindeutigkeit wohl eher nicht bestätigen.