Osnabrück
Benzin, Heizöl, Strom: So viel teurer wird das kommende Jahr
Verbraucher in Deutschland müssen sich auch im kommenden Jahr auf spürbar höhere Kosten für Energie einstellen. Wie hoch die Mehrkosten bei Benzin, Gas, Öl und Strom genau sein werden, rechnen Experten vor.
Spätestens beim Blick auf die Stromrechnung, beim Tanken oder beim Bestellen von Heizöl merken es die Verbraucher: Energie ist zuletzt deutlich teurer geworden. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Kosten für Heizung, Strom und Sprit im August um fast ein Fünftel gestiegen, wie das Vergleichsportal Verivox für einen durchschnittlichen Haushalt errechnet hat. Der Grund: Vor einem Jahr war die Mehrwertsteuer niedriger, es gab noch keine CO2-Abgabe und Rohöl kostete so wenig wie schon lange nicht mehr.
Doch wie geht es weiter? Wird das kommende Jahr 2022 für den Verbraucher noch teurer? Das sagen Experten:
Tanken: Benzin und Diesel werden sich weiter verteuern
Seit Jahresbeginn ist der Benzinpreis um 25 Cent je Liter gestiegen, der Dieselpreis um 19 Cent. „Das liegt zum einen am von rund 50 auf mehr als 70 Dollar je Barrel gestiegenen Rohölpreis“, sagt Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV). „Hinzu kommt die Einführung des CO2-Aufschlags, das macht 7 bis 8 Cent je Liter aus, dazu die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer auf den alten Satz weitere 4 Cent.“ Außerdem hat mit dem Abflauen der Corona-Pandemie und der Lockdown-Maßnahmen die Nachfrage nach Benzin kräftig angezogen, was den Preis überdurchschnittlich ansteigen ließ.
Ein Ende scheint auch im kommenden Jahr nicht in Sicht, im Gegenteil: „Der Weltölmarkt ist natürlich immer wieder für Überraschungen gut - in beide Richtungen“, sagt Küchen. Klar ist allerdings auch: Weil der CO2-Aufschlag auf den Spritpreis wegen des im Herbst 2019 beschlossenen Klimapakets der Bundesregierung in den nächsten Jahren steigen wird, wird sich Benzin und Diesel wohl weiter verteuern. „Im kommenden Jahr sind es 8 Cent für Benzin und 9 Cent für Diesel, 2025 sind es inklusive Mehrwertsteuer bereits 15 bzw. 17 Cent. Und dass nur, wenn nicht von einer neuen Bundesregierung noch größere Steigerungen des CO2-Preises beschlossen werden“, so Küchen.
Nach aktuellen Prognosen könnte der Spritpreis 2022 sogar bis zu 70 Cent pro Liter teurer werden. Das berichtet das „Handelsblatt“ mit Verweis auf den sogenannten „Projektionsbericht“ des Umweltbundesamtes. Der Grund: Deutschland verfehle besonders im Bereich Verkehr erneut die Klimaziele - nur mit einem deutlichen Preisschub an den Zapfsäulen ließe sich das gesetzlich vorgegebene Klimaziel im kommenden Jahr noch erreichen.
Rechenbeispiel - das bedeutet es im Alltag:
Für Familien auf dem Land mit zwei Autos hieße das konkret Mehrkosten in Höhe von rund 1800 Euro; eine Familie mit einem Auto in der Stadt würde 700 Euro mehr zahlen. Das ergebe sich aus den Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), so das Handelsblatt.
„Wenn die geforderten 20 Millionen Tonnen CO2 im Verkehrssektor allein durch einen CO2-Preis gesenkt werden sollen, müsste der CO2-Preis bis 2030 auf 150 Euro pro Tonne CO2 ansteigen, was etwa 35 Cent pro Liter Benzin und einer Rückerstattung des Steueraufkommens in Höhe von 220 Euro pro Kopf und Jahr entspricht“, sagt Claudia Kemfert vom DIW.
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Heizen: Heizöl teurer als Gas
Das Heizen mit Öl verteuerte sich dem Vergleichsportal Verivox zufolge für einen durchschnittlichen Haushalt auf Jahressicht um gut 53 Prozent. Beim Gas war der Anstieg mit plus 15 Prozent etwas weniger steil. Rechnet man beide Energieträger zusammen und gewichtet diese nach ihrer Nutzung, so ergibt sich Verivox zufolge ein Kostenanstieg von 26 Prozent binnen eines Jahres.
Auch künftig werden die Preise für Öl und Gas wohl weiter anziehen. Ein Grund ist auch hier das Klimapaket der Bundesregierung, wonach fossile Energieträger, mit denen viel CO2 ausgestoßen wird, durch einen CO2-Preis teurer werden. So kostet im Jahr 2021 eine Tonne des klimaschädlichen Gases 25 Euro, im Jahr 2022 dann bereits 30 Euro, bis sie im Jahr 2025 einen Wert von 55 Euro pro Tonne erreichen. Viele Energieversorger geben dies nun an die Kunden weiter.
Rechenbeispiel - das bedeutet es im Alltag:
Für eine vierköpfige Familie bedeutet das laut Verbraucherzentrale folgende Mehrkosten: Bei einer Gasheizung, die pro Kilowattstunde (kWh) rund 202 Gramm Kohlendioxid ausstößt und einen Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden im Jahr hat (typisch für ein älteres Einfamilienhaus), liegen die Emissionen bei rund 4 Tonnen CO2. Folglich muss eine Familie 2021 etwa 120 Euro mehr bezahlen, im kommenden Jahr 2022 sind es dann 140 Euro.
Wer mit Öl heizt, muss sogar noch tiefer in die Tasche greifen. Denn Öl ist mit rund 266 Gramm CO2 pro kWh deutlich klimaschädlicher: Bei einem Verbrauch von 20.000 kWh (2000 Liter) macht das 5,3 Tonnen CO2. Die Mehrkosten belaufen sich dann 2021 auf rund 158 Euro und im kommenden Jahr 2022 auf etwa 190 Euro.
Bei Gas kommt hinzu, dass dieses auf dem Weltmarkt gerade sehr teuer ist. Eine kurzfristige Lieferung kostet fast zehnmal so viel wie zweitweise im Sommer 2020. Stadtwerke haben zwar oft langfristige Liefervereinbarungen. Doch auch diese Preise liegen für nächstes Jahr über dem langjährigen Durchschnitt. „Der Preis für das Kalenderjahr 2022 ist seit August 2020 von rund 15 Euro/MWh auf 35 Euro/MWh gestiegen“, sagt Gasmarkt-Experte Heiko Lohmann.
Ein Problem ist das fehlende Angebot. Europa fördert immer weniger Gas selbst. Und auch Russland liefert weniger. Weil der Gaseinsatz jedoch unter anderem wegen des Kohleausstiegs zunimmt, steigt aktuelle die Nachfrage. Dazu kommt eine relativ hohe Nachfrage zur Speicherung von Erdgas, da die Speicher nach dem letzten Winter sehr leer waren. „Wie sich das alles auf die Haushaltskunden auswirkt, hängt ganz stark von der Beschaffungs- und Preisstrategie der Anbieter ab. Aber vermutlich werden die Preise vieler Anbieter, auch von Stadtwerken, steigen“, sagt Lohmann.
Rechenbeispiel - das bedeutet es im Alltag:
„Nimmt man an, ein Stadtwerk musste für 2022 noch ein Drittel der Menge für Haushaltskunden zu 35 Euro/MWh − statt 15 Euro/MWh − beschaffen, dann bedeutet dies bei einem Vier-Personen-Haushalt, der 20.000 kWh pro Jahr verbraucht, Mehrkosten von 120 Euro im Jahr“, so der Gasmarkt-Experte.
Strom: Mit EEG-Umlage den Strompreisanstieg dämpfen
Nach den Tiefstständen zu Beginn der Corona-Krise hat sich der für die Stromlieferungen im nächsten Jahr maßgebliche Börsenstrompreis von unter 4 Cent pro Kilowattstunde auf nunmehr über 9 Cent pro Kilowattstunde mehr als verdoppelt.
Dieser Preisauftrieb ist vor allem auf die im Welthandel gestiegenen Preise für Kohle und Erdgas zurückzuführen, ebenso wie auf die wieder anziehende Stromnachfrage und die höheren Preise für CO2-Emissionszertifikate. „Diese Preissteigerung an den Strombörsen wird sich auf neu abgeschlossene Stromlieferverträge auswirken“, sagt Thorsten Lenck, Energieexperte bei der Denkfabrik Agora Energiewende. Für 2022 heißt das: Für Haushaltskunden wäre allein durch die höheren Beschaffungskosten ihrer Lieferanten im Mittel mit einer Strompreissteigerung von rund 3 Cent je Kilowattstunde zur rechnen; das entspräche einer Erhöhung des Strompreises von 10 Prozent.
Allerdings kann die Politik den Strompreisanstieg dämpfen, wenn sie die Einnahmen aus dem CO2-Preis auf Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas dazu einsetzt, die Erneuerbare-Energien-Umlage auf Strom zu senken.
Rechenbeispiel - das bedeutet es im Alltag:
In dem Fall würde der Denkfabrik zufolge der Strompreis für Haushaltskunden im nächsten Jahr - trotz mehr als Verdopplung des Strombörsenpreises - nur moderat um 0,5 Cent je Kilowattstunde inklusive Mehrwertsteuer steigen. Die Stromrechnung eines Durchschnittshaushalts mit einem Jahresstromverbrauch von 2.500 Kilowattstunden würde sich entsprechend nur um zwölf Euro im Jahr erhöhen. Voraussetzung für diese Effekte auf der Stromrechnung der Haushalte wäre aber, dass die Energieversorger die EEG-Umlagesenkung an ihre Kunden weitergeben.