Osnabrück
Hamburger Bischof bleibt: Wer soll das noch verstehen?
In Hamburg darf Erzbischof Stefan Heße künftig weiter die Amtsgeschäfte führen. Ein Kommentar.
Wer soll das noch verstehen: Der Papst hat das Rücktrittsangebot des Hamburger Bischofs Stefan Heße nicht angenommen. Obwohl Heße in seiner früheren Funktion als Personalchef und Generalvikar in einem Gutachten für das Erzbistum Köln elf Pflichtverletzungen vorgeworfen werden. Elf. Und das sind nur die Fälle, die in den Akten zu finden sind.
Versagen des Systems
Und nun erklärt der Papst ganze sechs Monate nach diesem Paukenschlag, der Hamburger Bischof solle bleiben - mit der abenteuerlichen Begründung, er habe die ihm nachgewiesenen Fehler ja nicht in der Absicht begangen, Missbrauch zu vertuschen. Geht's noch? Heße hat laut Gutachten Täter und Opfer angehört, wusste in mehreren Fällen von Übergriffen - und hat sich, soweit es sich nachvollziehen lässt, schlicht nicht darum gekümmert, was nach solchen Gesprächen passiert. Wohlgemerkt in diesem Jahrhundert. Echte Einsicht, echte Betroffenheit ließ Heße nicht erkennen. Sprach stattdessen vom „Versagen des Systems“.
Dieses System hat nun erneut versagt. Gerade die katholische Kirche setzt auf die Kraft von Symbolen, auf Bilder und große Gesten. Wieso bleibt jemand, der vielfach bewiesen hat, dass er nicht in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen, an der Spitze eines Erzbistums? In Führungsfragen zeigt sich die Kirche plötzlich ganz weltlich. Nach dem Vorbild von Topmanagern und Politikern, die sich auch nach ernsten Verfehlungen an ihr Amt klammern, sitzen Bischöfe wie Heße Probleme einfach aus. Die Zahl der Kirchenaustritte dürfte weiter steigen.