Mobilität
Testfahrt mit Hindernissen und Aha-Erlebnis in Emden
Wie fahrradfreundlich ist Emden? Die Redaktion hat auf der Strecke Borssum bis zum Rathaus eine Testfahrt gemacht und die Bilder der heikelsten Stellen anschließend mit der Polizei ausgewertet.
Emden - Emden will Fahrradstadt werden. Vor zwei Jahren wurde dazu ein Masterplan geschmiedet und beschlossen. Auf dem Papier steht das Ziel, den Anteil des Radverkehrs auf 40 Prozent zu steigern. Wie aber lassen sich die Menschen in der Stadt dazu bewegen, sich seltener ins Auto oder aufs Motorrad zu setzen, sondern stattdessen in die Pedale zu treten? Neben gutem Wetter ist das überzeugendste Argument ein attraktives Streckennetz.
Auf die Anmerkung eines Lesers hin habe ich mich deswegen aufs Rad gesetzt und bin eine wichtige Route abgefahren. Der junge Mann, ein Schüler, hatte sich über die Verbindung zwischen Borssum und der Innenstadt beschwert. Um nachvollziehen zu können, was ihn stört und herauszufinden, wo es etwas zu verbessern gibt, haben wir die Fahrt zusätzlich mit einer Kamera am Lenker aufgezeichnet und sind die Bilder anschließend mit Holger Gärtner durchgegangen. Er ist Verkehrssicherheitsbeauftragter im Polizeikommissariat Emden.
Die Strecke
Die Testfahrt führte vom Wykhoffweg in Borssum geradewegs entlang der Hauptstraßen ins Zentrum bis zum Rathaus. Die Länge: 3,1 Kilometer. Ich habe bewusst auf schönere Schleichwege oder Abkürzungen verzichtet. Zum einen, weil es um die direkte Verbindung gehen sollte, zum anderen entspricht dieser Verlauf am ehesten dem, den ortsunkundige Touristen am häufigsten nehmen dürften.
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Ohne das Fazit vorwegzunehmen: Zu verbessern gibt es auf der Strecke einiges – da waren Gärtner und ich bei der Videoanalyse einer Meinung. Einige Abschnitte sind dagegen gut ausgebaut. Die Testfahrt dient nicht dazu, die Stadt und ihre Planer anzuprangern. Sie soll lediglich zeigen, welche Schwachstellen es gibt. Für ein eigenes Urteil machen Sie sich am besten selbst ein Bild.
Unfall-Schwerpunkt Netto-Ausfahrt
Die Einfahrt zum Netto-Markt an der Petkumer Straße gehört laut Polizeistatistik zu den Unfallschwerpunkten in der Stadt. Wenn viel Verkehr ist, kann es unübersichtlich werden. Auf dem Weg selbst ist Platz genug für Radfahrer und Fußgänger. Auf dem Belag lässt sich prima fahren.
Ab durch Friesland: die Holperpiste
In Friesland wird es holprig. Der gut ausgebaute Radweg endet, weiter geht es auf einem Bürgersteig. Die Straße wäre mir lieber. Kommt Gegenverkehr, wird es eng auf dem Radweg. Der Belag ist mies und die einmündenden Straßen sind schlecht einzusehen.
Links, rechts und geradeaus?
In einer langen Rechtskurve ist es eng, eine Hecke erschwert die Sicht. Fast fahre ich gegen einen Ampelmast, der mitten auf der Strecke steht. Um durch eine Unterführung zu kommen, muss die Straßenseite gewechselt werden, unmittelbar danach soll es schon wieder über die Ampel gehen. Zumindest weist ein Schild in diese Richtung zur Innenstadt. Instinktiv würde ich lieber geradeaus auf dem breiten Radweg mit Gegenverkehr weiterfahren, bin aber unsicher, ob das erlaubt ist.
Ins Zentrum über die Faldernbrücke
Hinein ins Zentrum, der Verkehr nimmt merklich zu. Ab der Courbierestraße geht es schnell hintereinander rein in den Straßenverkehr, wieder rauf auf einen Bürgersteig, wieder runter, wieder rauf, wieder runter. Der Schutzstreifen für Radfahrer ist schmal, der Sicherheitsabstand kaum einzuhalten, vor allem nicht auf der Faldernbrücke.
Den Weg und das Ziel vor Augen
Hinter der Faldernbrücke ist der Radweg auf der Straße Weg rot markiert und zeitweise auch mit einer durchgezogenen Linie optisch abgegrenzt. Obwohl ich mir die Fahrbahn mit Autos teile, fährt es sich gefühlt gleich sicherer.
Gute Seiten, schlechte Seiten - das Fazit mit Holger Gärtner
Verkehrsexperte Holger Gärtner bezeichnet die 3,1 Kilometer lange Strecke als „herausfordernd“. Es gebe viele Abschnitte, die „uneben“ oder „zu schmal“ seien. Besonders auffällig ist die Durchfahrt Friesland. Die Polizei bekomme zwar selten Unfallmeldungen von dort, aber es sei „unübersichtlich und teilweise sehr gefährlich“, so Gärtner. Den Eindruck kann ich bestätigen. Auf dem Rad habe ich mich mich in Friesland und weiter zwischen Courbierestraße und Faldernbrücke am unwohlsten gefühlt.
Auf die Frage, ob es in Friesland in der Tempo-30-Zone nicht besser wäre, die Radfahrer mit auf der Straße fahren zu lassen, verweist Gärtner auf den Vorrang für Busse. Sie würden von Fahrrädern ausgebremst werden. Einig sind wir uns, dass es Richtung Innenstadt sinnvoll wäre, die wirre Streckenführung für Radfahrer zu vereinfachen und dadurch gleichzeitig sicherer zu machen. Dazu würde es reichen, ab der Courbierestraße durchgehend den Radweg auf die Fahrbahn zu verlegen und diesen Streifen farblich hervorzuheben. Dadurch ließe sich auch der Autoverkehr beruhigen, so Gärtner. Je mehr sich Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger einen Raum teilen, desto mehr würden alle aufeinander achten. Kein noch so gut gebauter Radweg ersetzt gegenseitige Rücksichtnahme im Verkehr.
