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Ein Umzug mit Tausenden Fischen

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 19.09.2021 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im Plastikbeutel gehen die Fische bei Uwe Meyer nur auf die Reise, wenn ein Kunde sie in Empfang nimmt. Für den Umzug müssen die Tiere für kurze Zeit in einen Plastikeimer. Foto: Ortgies
Im Plastikbeutel gehen die Fische bei Uwe Meyer nur auf die Reise, wenn ein Kunde sie in Empfang nimmt. Für den Umzug müssen die Tiere für kurze Zeit in einen Plastikeimer. Foto: Ortgies
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Seit Monaten bereitet der Inhaber des Fachgeschäfts Zoo Meyer den Umzug aus der Auricher Altstadt vor. Dabei muss er an die unterschiedlichen Bedürfnisse Hunderter Fische denken. Sonst gibt es Tote.

Aurich - Immer dieser Mangel, jetzt auch noch bei Aluminium. Uwe Meyer könnte die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er die nicht dringend für etwas anderes bräuchte. Der Auricher muss den Umzug seines Zoo-Fachgeschäftes bewältigen. Exakt 30 Jahre lang war er in der Osterstraße Anlaufstelle für Tierfreunde. Am 29. September 1991 ist er in die Räume gezogen, die vorher einen Surfladen beherbergten. Aufzuchtfutter für Jungfische? 100 Gramm Mehlwürmer für insektenfressende Vögel? Rote Mückenlarven oder Chemikalien als Wasserstabilisator? In dem 150 Quadratmeter großen Ladenlokal ist jedes Eckchen der verwinkelten Altbau-Konstruktion aus dem Jahr 1803 ausgenutzt. Alleine die Produkte, die der Wasseraufbereitung dienen, füllen gefühlt zwei Regalmeter.

Die Katze im Zoofachgeschäft nimmt das Umzugstreiben gelassen auf. Fotos: Boschbach
Die Katze im Zoofachgeschäft nimmt das Umzugstreiben gelassen auf. Fotos: Boschbach
Diese Präparate muss Uwe Meyer selbst einsetzen, weil er am neuen Standort am Ulenmoorweg/Ecke Kreuzstraße bereits 24 Aquarien aufgebaut, befüllt und aufbereitet hat. Jetzt heißt es Warten, bis das Wasser die optimale Qualität für die jeweilige Fischart hat. Ein Fisch, der in südamerikanischen Gewässern zu Hause ist, im Amazonas oder im Orinoco, bevorzugt ein anderes Milieu als ein Tanganjika Cichlide. Der lebt im zweitgrößten See Afrikas, dem Tanganjikasee in Tansania, und ist sehr anspruchsvoll, was das Leben in Gefangenschaft anbelangt. Die Augen von Uwe Meyer leuchten, als der Name der Buntbarsch-Art fällt. „Das ist mein Spezialgebiet“, sagt der 58-Jährige. Im Schnellsprechtempo rattert er die Fakten über den Lebensraum herunter, streut lateinische Fachbegriffe der jeweiligen Arten ein. Der Gesprächspartner merkt: Aquaristik ist nichts, das man eben mal am Wochenende lernt.

Plastikeimer als Umzugskartons

Eben mal zieht man auch nicht mit lebender Ware um. Seit Monaten bereitet sich Uwe Meyer darauf vor, hat viele Tiere abverkauft, so dass drei der verbliebenen 32 Aquarien leer sind. In den Wasserbecken leben die Tiere jetzt, zugespitzt gesprochen, Kieme an Kieme. Dort schwimmen nämlich auch die Fische aus den 24 Aquarien herum, die schon am neuen Standort sind. Wie wird die kostbare Fracht transportiert? Uwe Meyer deutet auf Plastikeimer mit Deckel. So sehen Umzugskartons für Rotkopf-Erdfresser und Co. aus. In die Behältnisse wird der Zoogeschäft-Inhaber seine Fische selbst behutsam hineinsetzen.

Diese Fußmatte hat Uwe Meyer von einem Kunden geschenkt bekommen.
Diese Fußmatte hat Uwe Meyer von einem Kunden geschenkt bekommen.
Von verfrachten möchte man nicht sprechen, wenn man gesehen hat, wie der Geschäftsmann einen kompakten Wabenschilderwels mit der Hand aus dem Becken gefischt hat. Das in Südamerika beheimatete Tier mit seiner imposanten, an ein Großsegel erinnernden Rückenflosse hat versucht sich dem Zugriff zu entziehen. Doch beim leichten Druck auf einen Punkt hinter der Vorderflosse friert der Wels jede Bewegung ein. Diese „Feststelltaste“ muss man erst mal kennen. Sonst zieht sich so ein Umzug bis Weihnachten hin.

Abschied fällt nicht leicht

In gewisser Weise wäre Uwe Meyer das vielleicht sogar recht, denn der Abschied von der Altstadt ist nicht ganz einfach. In den 30 Jahren hat er den Niedergang einer einstmals gut ausgestatteten Einkaufsstraße erlebt. „Früher war hier viel Lauf, es gab eine ganze Reihe inhabergeführter, guter Geschäfte“, erinnert er sich und verweist auf Möbel Jacobs, mehrere Boutiquen. Damals kamen die Filialisten erst auf, hatten sich noch nicht krankenartig ausgebreitet. Aus Altersgründen habe ein Geschäftsführer nach dem anderen aufgegeben, sagt Uwe Meyer. Heutzutage würden die Touristen allenfalls bis zum Gebäude der Brandkasse gehen und dann umdrehen. „Die denken, da komme nichts mehr“, sagt der Inhaber des Zoofachgeschäfts. Die Zukunft der Innenstadt sieht er düster. Die nächsten Wochen und Monate würden hart, vor allen Dingen in der Osterstraße. Dort soll ein neues Parkhaus gebaut werden. Der Dreck, der Lärm, das nerve die Anwohner und schrecke Kunden erst recht ab. Vor Monaten hat Uwe Meyer deshalb die Reißleine gezogen und seinem Vermieter, der Stadt, gekündigt. Damit ist er einem Rauswurf zuvorgekommen. Die Stadt hat das Haus mit Zoofachgeschäft und weitere Gebäude verkauft. Im Zuge der Altstadtsanierung soll dieser Teil der Osterstraße ein neues Gesicht erhalten.

Dieser Wels kann sich farblich seiner Umgebung anpassen.
Dieser Wels kann sich farblich seiner Umgebung anpassen.
Die Aquaristiker, Vogelfreunde, die Kinder, die ein neues Kaninchen haben möchten − alle kennen Zoo Meyer. Wenn die ihn besuchen und durch die Eingangstür treten, ertönt ein harter, kurzer Ton. Klingt so, als würden Fliegenkörper an Glutröhren wegbrutzeln. Am vergangenen Freitag stand die Klingel nicht still. Alle wollten was von dem Geschäftsmann: der Tierschutzverein, Kunden, Nachbarn und schließlich auch ein Monteur. Und wieder tauchte die Frage nach dem Aluminium auf. Die Zierleisten, die daraus gefertigt werden, stabilisieren die Käfige und Aquarien für Hunderte von Fischen und Vögeln in dem neuen Domizil. Bis zum Umzug muss eine Lösung gefunden werden. Ansonsten wird der Geschäftsmann improvisieren. Es wäre nicht das erste Mal.

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