Kolumne: Digital total
Wie wäre es stattdessen mit Steuern zahlen?
Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Dienstags geht es immer um Digitales.
Ich habe langsam wirklich genug davon, dass mir die Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley, aus Stockholm und aus Berlin weismachen wollen, es wäre ihre Aufgabe, die Welt zu verbessern. Dass jeder versucht, mir zu erzählen, man wäre ach so grün und würde alles für den Planeten tun, ist eine Sache – das machen die meisten anderen großen Firmen ja auch. Aber das Neueste scheint jetzt zu sein, zur anstehenden Bundestagswahl am kommenden Wochenende, potenzielle Wähler in die Wahlkabinen treiben zu wollen. Die Apps von Spotify auf meinem Handy, Amazon auf meinem Fernseher und so manche andere blenden mir jetzt auf einmal Erinnerungen an die Bundestagswahl und Links zu Webseiten und Wahl-Hilfe-Apps ein.
Zur Person
Fabian Scherschel (37), geboren in Duisburg und nun in Düsseldorf lebend, arbeitete bis 2019 als Redakteur für das Tech-Portal Heise-Online und für die Tech-Newsseite „The H“ in London. Als Freiberufler schreibt er unter anderem für das Magazin „c’t“. Mittlerweile hat der begeisterte Podcaster sein eigenes Projekt: fab.industries. Fernseh- und Radiosender schätzen ihn als Experten.
Jeder, der will, kann auch wählen gehen
Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Natürlich will ich, dass jeder sein Entscheidungsrecht in der Demokratie wahrnimmt. Ich selbst habe dies vor Wochen per Briefwahl getan. Aber wir sind hier nicht in Amerika. Ich muss ja nichts tun, um mich zur Wahl anzumelden. In Deutschland bekommt jeder Wahlberechtigte schließlich einen Wahlschein nach Hause geschickt. Man kann die Bundestagswahl – oder jede andere Wahl – also unmöglich verpassen. Jeder der wählen will, kann auch wählen. Und diese Firmen müssen sich nicht einbilden, sie müssten irgendwen auf die Wahl hinweisen.
Wahlen: Altmodisch, aber sicher
Kulturgut Personal Computer
Diese Firmen wollen doch nur Sympathiepunkte sammeln und zeigen, wie unglaublich gesellschaftlich verantwortungsvoll sie sind. Wenn Amazon und Spotify wirklich was für die Gesellschaft tun wollen, könnten sie ja mal einen Teil ihres Milliardenumsatzes für den Digitalausbau oder andere gemeinnützige Projekte zur Verfügung stellen. Oder sie könnten einfach mit ihren Steuervermeidungstricks aufhören. Dadurch, dass man auf faire Art Steuern zahlt, kann man als Unternehmen den Staat, und damit letztlich auch die Demokratie, wohl immer noch am besten unterstützen.
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