Hamburg
Bundestagswahl 2021: Die Wahl einer neuen Gesellschaft
Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wozu die Deutschen in der Lage sind – und welche Veränderungen notwendig sind. Aber ist die eigentliche Krise vielleicht eine des Individuums in einer viel zu komplizierten Welt?
Vier Tage noch. Vier Tage Wahlkampf mit allerlei Versprechen und Forderungen, mit guten und weniger guten Zukunftsszenarien, mit sich wiederholenden politischen Absichtsbekundungen: Wir können! Wir wollen! Wir müssen! Ja, was können, wollen und müssen wir eigentlich? Diese Fragen treiben die deutsche Gesellschaft ja nicht erst seit diesem Wahlkampf um, sondern schon sehr viel länger. Die ersten zwei Dekaden dieses 21. Jahrhunderts waren von Krisen geprägt und bis heute hat sich wenig daran geändert: Corona, Klima, Rente, Europa, Bildung, Verschuldung, Digitalisierung, Energiewende, es gibt viele relevante und äußerst komplexe Bereiche, in denen eine Veränderung zum Besseren notwendig wäre. Da liegt die Überforderung des Einzelnen nahe - ist die eigentliche Krise also vielleicht eine des Individuums in einer viel zu komplizierten Welt?
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72 Prozent sind für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen
Die Bertelsmann-Stiftung hat vor wenigen Wochen ihre neue Werte-Studie veröffentlicht, in der 72 Prozent der Befragten angaben, dass es tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen brauche, um den rasant fortschreitenden Klimawandel zu bewältigen. Das ist ein außergewöhnlich hoher Wert, man könnte sagen: Ein Mandat für die kommende Bundesregierung. „Die Politik ist somit herausgefordert, die Bereitschaft für Veränderungen in der Bevölkerung stärker als bisher aufzugreifen“, schreiben die Studienleiter. Aber sie müsse ausdrücklich die verschiedenen Wertehaltungen für die wirkungsvolle Umsetzung klimapolitischer Maßnahmen einbeziehen: Veränderungsbereitschaft entstehe demnach, wenn man verschiedenen Sichtweisen Raum und Resonanz gebe, um so vor allem Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen.
Aus Krisen entsteht oft etwas Besseres
Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat es im Gespräch mit dieser Zeitung anders ausgedrückt: „Eine Gesellschaft hat nie eine Geschichte, die für alle passt. Wir müssen deshalb die Lust an der Gestaltung der Zukunft und der Verbesserung der Lebensqualität erhöhen. Eine Geschichte der Zukunft sollte immer besser sein, als die der Gegenwart. Das erhöht die Veränderungsbereitschaft.“
Und es stimmt ja: Aus Krisen entsteht oft etwas Neues, etwas Besseres. Krisen zeigen die Schwächen des alten Systems und zwingen die Gesellschaft dazu, neue Perspektiven zu entwickeln. Zwischen dem Vorher und dem Nachher allerdings braucht es einen gesellschaftlichen Prozess, der von der Politik gesteuert wird. Werden muss. Denn so funktioniert nun einmal der Mensch, das haben unzählige psychologische Studien belegt: Er ändert sein Verhalten meist nur dann, wenn die positiven und negativen Folgen seines Handelns unmittelbar für ihn spürbar sind. Langfristige Folgen berücksichtigt er dagegen eher selten. Und gerade deshalb muss die Politik den Bogen nachvollziehbar von der Gesellschaft zum Individuum schlagen: Nur wenn der Einzelne bereit ist, das eigene Verhalten zu ändern, kann auch gesellschaftlicher Wandel gelingen.
Positiver Corona-Test für die Gesellschaft
Dass diese große Aufgabe gelingen kann, hat nicht zuletzt die Pandemie deutlich gemacht. Die gesellschaftliche Solidarität war hoch, die Bereitschaft, einander zu helfen und sich gegenseitig zu unterstützen, bemerkenswert. Ein Corona-Test für die Gesellschaft, der auf beste Weise positiv ausfiel.
Aber eben auch eine politische Krise, die systemische Probleme deutlich gemacht hat. Nimmt man das Management der Corona-Pandemie von Bund und Ländern als Blaupause, dann könnte der Veränderungsprozess, der von der Gesellschaft gefordert wird, schwierig werden. Ein Pandemie-Plan war zwar seit Jahren vorhanden, ist aber nie umgesetzt worden. Das Pandemiemanagement wurde zwischen den Zuständigkeiten bis ins Kleinste zerrieben, die politische Profilierung einzelner Akteure spielte im beginnenden Wahlkampf oft genug eine größere Rolle als die Suche nach dem besten und - für viele nachvollziehbaren - Kompromiss. Und wie immer wurden schnell politische Reflexe laut, etwa die Forderung nach der Reduzierung oder gar der Komplettaussetzung der Klimaziele.
Die Jüngeren brauchen Perspektiven
Eine Rückwärtsgewandtheit, die offensichtlich das Vertrauen der Menschen in die Politik untergräbt. Die Studie „Junge Menschen 2021“ etwa nennt diesbezüglich eine dramatische Zahl: 71 Prozent der Deutschen zwischen 14 bis 39 Jahren glauben demnach, dass die Politik sich nicht darum kümmert, was ihre Generation bewegt. Diese Zahlen sind unter dem Einfluss der Corona-Pandemie entstanden, während einer Zeit also, die gerade jungen Menschen viel abverlangt hat. Trotzdem lohnt sich gerade bei den Jüngeren ein genauer Blick, denn sie sind diejenigen, die vor allem die wirtschaftlichen und ökologischen Lasten des Klimawandels tragen werden. Wie aber soll Veränderung funktionieren, wenn diese künftigen Leistungsträger sich abgehängt fühlen? Deshalb glaubt der Trend- und Jugendforscher Simon Schnetzer, der die „Junge Menschen“-Studie verantwortet: „Vertrauen wird das Megathema der Zukunft.“ Schnetzer stellt eine klare Forderung an Gesellschaft und Politik: „Damit junge Menschen Vertrauen in die Zukunft fassen können, benötigen sie eine Perspektive.“
Vertrauen in die Demokratie ist unverändert hoch
Wie diese Perspektive aussieht, wird am Sonntag entschieden, bei der Bundestagswahl, die oft als richtungsweisend bezeichnet wird. Die Corona-Pandemie und ihre Folgen jedenfalls spielen im Wahlkampf nur eine untergeordnete Rolle. Die Wähler wollen offensichtlich nach vorn schauen. Das Vertrauen der Menschen in die Demokratie jedenfalls ist laut der Werte-Studie von Bertelsmann unverändert hoch - trotz vieler politischer Fehler in den vergangenen Monaten. Es scheint, als sei die Gesellschaft bereit weiterzugehen, wenn die Veränderungen ehrlich skizziert und deren Kosten fair verteilt werden. Die Frage ist vielmehr, ob die Politik auch bereit ist für konsequenten Wandel - und was sie dazu systemisch beitragen kann, will und muss. Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat einen kurzen Merksatz für Veränderungswillige formuliert: „Morgen Mittag beginnt das Neue.“ Der gilt auch in vier Tagen noch.