Osnabrück
Aldi will Tierhaltung verbessern: Meint der Discounter das ernst?
Aldi will die Tierhaltung verbessern. Manager Tobias Heinbockel erklärt, warum der Discounter sein Herz für Schwein und Co. entdeckt hat und warum in Kürze wohl trotz allem mit Billigangeboten für Fleisch geworben wird.
Herr Heinbockel, Aldi schmeißt das Billigfleisch aus den Regalen, hieß es kürzlich bundesweit in der Berichterstattung nach Ihrer Ankündigung, ab 2030 nur noch Frischfleisch von solchen Tieren zu verkaufen, denen zu Lebzeiten Frischluft um Schnauze oder Schnabel geweht ist. Das Medienecho war durchweg positiv, ein gelungener Werbe-Coup von Aldi. Haben Sie die Sektkorken knallen lassen?
Nein. Aber richtig ist: Wir haben da sicherlich einen Nerv getroffen. Unserer Ankündigung geht ein Prozess von weit über einem Jahr voraus. Wir haben intensiv geprüft, wie das Fleischsortiment der Zukunft aussehen muss. Wir mussten ja sicherstellen, dass das umsetzbar ist, was wir ankündigen. Die positiven Rückmeldungen sehen wir als Bestätigung für unsere Pläne. Es gab aber auch Stimmen, die gesagt haben: Warum denn erst 2030?
Wie kam es denn zu dieser Zielmarke? Ein Expertengremium der Bundesregierung hatte zuvor einen Umbauplan für die Tierhaltung vorgelegt, der vergleichbar ist, und das Jahr 2040 ausgibt.
Das Jahr 2030 steht am Ende eines Umbauplans mit mehreren Schritten. Dieses Jahr wollen wir beispielsweise bereits 15 Prozent des Fleisches aus der entsprechenden Haltungsform anbieten. Das zeigt: Wir meinen das ernst. In Schritten geht es dann Richtung 100 Prozent. Wir müssen sicherstellen, dass immer ausreichend Ware, sprich: Fleisch, zur Verfügung steht. Der Weg zu unserem Ziel muss also so gestaltet sein, dass alle entlang der Wertschöpfungskette diesen Weg mitgehen können.
Können zumindest die Bauern doch gar nicht, weil die benötigten offenen Ställe vielfach nicht genehmigt werden... Haben Sie keine Sorge, dass Ihr Vorhaben an der Bürokratie scheitert?
Ja, wir brauchen einen strukturellen Wandel, angefangen im Stall. Was Aldi machen kann, ist allen Partnern wie den Landwirten Planungssicherheit zu geben. Wir sagen zu, dass das entsprechende Fleisch von uns auch abgenommen wird. Natürlich müssen Fragen geklärt werden. Zwei zentrale Fragen sind: Wie soll der Umbau genehmigt und dann auch nachhaltig finanziert werden? Das muss geklärt werden. Der Umbau ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Hier sehen wir die Politik in der Verantwortung.
Ein Unternehmen plant diese Ställe, die Sie benötigen. Das ist Tönnies. Wird der zu einer Art Hoflieferant für Aldi?
Wir führen derzeit mit vielen Lieferanten Gespräche darüber, wie das Ziel erreicht werden kann. Die Lieferanten gehen dann in konkrete Gespräche mit den Landwirten, wie die Ställe aussehen müssen.
Wird es dann künftig Aldi-Bauern geben, die nur noch für Sie produzieren?
Mehr Tierwohl erfordert einen strukturellen Wandel in der Landwirtschaft. Das schaffen wir nur, wenn der gesamte Markt mitgeht. Es geht nicht darum, Aldi-Landwirte zu schaffen, zumal wir Geschäftsbeziehungen mit Verarbeitern und Lieferanten führen, nicht mit einzelnen Landwirten. Die Branche steht nun einmal vor der Herausforderung wandelnder gesellschaftlicher Ansprüche: Den Kunden wird es immer wichtiger, wie Tiere gehalten werden. Zugleich spielt die bewusste Ernährung eine größere Rolle. Für viele heißt das: weniger Fleisch, dafür aus guten Haltungsbedingungen. Das sind Trends, denen sich Aldi, denen sich aber auch die Landwirte stellen müssen.
Was sich der Verbraucher wünscht, ist vielfach nicht das, was er tatsächlich kauft. Der Preis bestimmt die Entscheidung, nicht das Gewissen. Wie wollen Sie dieses Dilemma lösen? Sie müssen ja auch Geld verdienen.
Im Bereich Fleisch sehen wir, dass das Kaufverhalten tatsächlich stark vom Preis abhängt. Bei niedrigen Preisen wird auch mehr gekauft. Das ist nicht nur bei Aldi so. Aber nichts desto trotz legt der Verbraucher Wert auf Regionalität und Haltungsbedingungen - hier sehen wir einen klaren und langfristigen Nachfragetrend, aus dem heraus wir unsere Sortimentsanpassung angestoßen haben. Bei unserem Programm geht es nicht darum, einzelne Artikel darauf auszurichten. Wir stellen das komplette Segment um und bringen das damit in die Fläche. Die Anforderungen werden der neue Standard. Klar ist: Tierwohl-Ware kann es nicht zum Preis von konventioneller Ware geben.
Wie viel teurer wird es denn?
Eine verlässliche Prognose lässt sich jetzt noch nicht abgeben, davon hängt die Preisentwicklung von zu vielen Faktoren ab. Aber wenn ein Landwirt in artgerechte Haltung investiert, muss das dem Landwirt auch honoriert werden. Wie viel genau das sein wird, muss sich zeigen. Aber die besseren Haltungsbedingungen werden sich im Verkaufspreis niederschlagen. Dennoch gilt weiter: Aldi steht für das beste Preisleistungsverhältnis. Der Aldi-Preis wird auch künftig der beste Preis in Deutschland sein. Wir sind und bleiben ein Discounter.
Ihre Ansage gilt nur für das Frischfleisch. Aber das meiste Fleisch etwa vom Schwein wird verarbeitet, beispielsweise als Wurst. Kann der Großteil vom Schwein aus dem besseren Stall dann doch nur zu Normalpreisen verkauft werden?
Unser Ziel ist, das ganze Tier zu vermarkten. Nur das ist nachhaltig und fair gegenüber den Landwirten. Wir reden derzeit intensiv mit unseren Lieferanten darüber, wie das gelingen kann. Neben der Wurst geht es dabei auch zum Beispiel um Tiernahrung. Wir sehen ja an den aktuellen Entwicklungen auf dem Schweinemarkt, wie wichtig es ist, das ganze Schwein zu betrachten. Weil der Export gewisser Teile stockt, sinkt der Erzeugerpreis.
Der Preis, den der Bauer fürs Schwein bekommt, sinkt. Die Preise im Supermarkt fürs Schweinefleisch sind stabil. Wer verdient denn da gerade an der Differenz? Sie als Aldi?
Zunächst einmal: Die aktuelle Situation verdeutlicht, wie wichtig eine grundlegende Umstellung im Bereich der Tierhaltung ist. Wir haben das Ziel nicht kommuniziert, um als Aldi gut dazustehen. Wir sind davon überzeugt, dass die Veränderung notwendig ist. Zur Krise muss man sagen: Die Situation auf den Handel zu beschränken, ist zu einfach. Nur 25 Prozent des Schweinefleisches gehen in den Einzelhandel. Export und Gastronomie sind mindestens genauso wichtig, und genau hier liegen ja derzeit die Probleme. Wir als Aldi unterstützen in der Krise.
Wie?
Wir zahlen derzeit Preise, die deutlich über dem eigentlichen Einkaufspreis liegen. Der aktuelle Schweinepreis liegt bei 1,25 Euro pro Kilo. Das ist für Landwirte viel zu wenig, das ist uns klar. Wir zahlen einen Aufschlag von etwa 20 Prozent.
Als weitere Maßnahme haben Sie als Krisenmaßnahme angekündigt, Schweinefleisch günstig verkaufen zu wollen. Was soll das bringen?
Hintergrund der Krise ist ein Überangebot. Das Angebot übersteigt die Nachfrage deutlich. Die Folgen von Corona und der Afrikanischen Schweinepest spielen da eine Rolle. Aber auch die seit Jahren sinkende Nachfrage im Inland. Die Schweinemenge ist in der Vergangenheit nicht reduziert worden. Nun kommen alle Faktoren zusammen, wodurch akut zu viel Ware da ist. Uns wurde gesagt: ,Helft uns, sonst kollabiert die Schweineproduktion in Deutschland‘. Wir helfen, indem wir zusätzlich Fleisch vermarkten und das auch entsprechend bewerben. Die Ware haben wir zu einem deutlich höheren Preis eingekauft, als es derzeit die Marktlage erfordert hätte.
Kann sich der Kunde also auf günstiges Schweinefleisch freuen?
Wir werden zusätzliche Mengen Schweinefleisch in das Aktionsgeschäft nehmen und das auch bewerben. Dabei wollen wir die Herkunft des Fleisches aus Deutschland stark betonen. Wie der Preis aussehen wird, hängt von der Menge ab, die wir auf den Markt geben werden. Da laufen gerade die Gespräche. Wir hebeln damit Marktmechanismen aus. Das ist keine Dauerlösung. Wir brauchen den nachhaltigen Umbau.
Haben Sie nicht Sorge, dass am Ende dieser Krise keine Schweinehalter mehr übrig sind, die die Entwicklung mitgehen können?
Nein. Wir haben mit vielen Landwirten gesprochen. Das sind tolle Unternehmer, die ihren Betrieb weiterentwickeln wollen. Unser Projekt bietet finanzielle Planungssicherheit, wir sind da ein verlässlicher Partner.