Auf Störtebekers Spuren

Sie machen die verborgenen Burgen Ostfrieslands sichtbar

| | 24.09.2021 19:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dr. Kirsten Hüser (rechts) führt an zwei Tagen geomagnetische Untersuchungen an der Westerburg in Groothusen durch. Foto: S. Krabath, NIhK
Dr. Kirsten Hüser (rechts) führt an zwei Tagen geomagnetische Untersuchungen an der Westerburg in Groothusen durch. Foto: S. Krabath, NIhK
Artikel teilen:

Als Archäologin hat sie in Ostfriesland viel zu tun: Dr. Kirsten Hüser ist Burgen auf der Spur. Deren Geschichte ist eng mit Freibeutern verknüpft.

Groothusen/Ostfriesland - Dr. Kirsten Hüser ist Archäologin und erforscht in einem Team des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung mit Sitz in Wilhelmshaven ostfriesische Burgen und Steinhäuser. Vor kurzem war sie auch in Groothusen in der Gemeinde Krummhörn. Dort hatten sich im Spätmittelalter (etwa 1250 bis 1500) gleich drei Burgen befunden.

Das Dorf war damals durch einen Priel und die heute verlandete Bucht von Sielmönken direkt mit der Nordsee verbunden, heißt es in dem Bericht von Mit-Archäologe Stefan Krabath. Bei ihrer Forschung zu den Burgen seien sie auch immer wieder auf Verweise zu Freibeutern gestoßen. Denn: Um 1400 waren zahlreiche Häuptlingssitze Unterschlüpfe für Seeräuber. Der legendäre Pirat Klaus Störtebeker soll sich in Marienhafe vor der Hanse versteckt haben. „Es ist nicht wirklich überraschend, dass ein Teil der Burgen mit Piraten wie Störtebecker in Verbindung stehen“, erklärt Hüser.

Burgen: Ein ostfriesischer Schatz

Das sei historisch belegt. Eine Vielzahl von Burgen seien auch gerade deswegen zerstört worden, da die Häuptlinge dort Piraten Unterschlupf gewährten. „Das ist sicherlich ein wichtiger Aspekt für die Geschichte der Burgenlandschaft auf der Ostfriesischen Halbinsel“, so die Expertin. Insgesamt soll es um die 500 Burgen gegeben haben, wie historische Urkunden belegen. Die meisten davon haben aber die Jahrhunderte nicht überstanden. „Gerade weil die meisten Burgen/Steinhäuser in Ostfriesland nicht mehr erhalten sind, ist ihre Erforschung umso wichtiger“, betont die Archäologin. Die Erforschung liefere Hinweise über die große Anzahl solcher Burgstellen und verdeutliche, wie diese Burgen strukturiert waren oder wann diese Burgen errichtet wurden. „Da aus dem Hoch- und Spätmittelalter dazu kaum historische Überlieferungen vorliegen, sind wir da verstärkt auf archäologische Quellen angewiesen“, erklärt sie.

Im Krummhörner Dorf Groothusen befanden sich einst drei Burgen. Foto: Archiv/Hock
Im Krummhörner Dorf Groothusen befanden sich einst drei Burgen. Foto: Archiv/Hock
Die Burgen zu erforschen sei wichtig insbesondere mit Blick auf die historische Epoche, die Ostfriesland zu einem starken Teil seiner Identität verholfen hat. Es geht um die friesische Freiheit, „eine Gesellschaftsstruktur, die sich grundsätzlich von anderen Gebieten mit ausgeprägten feudalen Herrschaftsstrukturen unterscheidet“, so die Expertin. In dieser Zeit habe sich aber in Ostfriesland trotzdem eine Herrschaftsstruktur etabliert, die zunehmend an einzelne Familien gebunden war. Die archäologischen Forschungen zu diesem Burgenthema helfe, diese Epoche der ostfriesischen Geschichte besser zu verstehen. „Anhand der Funde bei Ausgrabungen kann beispielsweise abgeschätzt werden, ob die Burgbesitzer sich auch durch einen gewissen Luxus bei der Ausstattung ausgezeichnet haben. Und wie waren die Burgen aufgebaut, welche Gebäude gehörten dazu und wie wurden sie genutzt? Das sind alles Fragen, die mit Hilfe der Archäologie beantwortet werden können“, erklärt sie den Reiz ihrer Arbeit.

Verborgenes sichtbar machen

In Groothusen wurde die Stelle, an der sich die Westerburg befunden haben soll, im Frühjahr an zwei Tagen mit einem geomagnetischen Messgerät untersucht. Auf rund 12.000 Quadratmeter Wiesenfläche sowie dem zentralen Burghügel konnte mit dem Gerät ermittelt werden, wo sich im Boden Mauerreste, Gräben oder andere Hinweise zum Herrschaftssitz finden lassen. „Auch nach vielen Jahren in der Archäologie birgt jede Fundstelle wieder neue Herausforderungen“, sagt Hüser. Es sei „jedes Mal ein schönes Erlebnis, wenn die Messungen Baustrukturen, die obertägig nicht mehr sichtbar sind, plötzlich auf dem Monitor erscheinen lassen. Jeder Fundplatz, den unser Team untersucht, ist für mich spannend und bringt jedes Mal immer wieder neue Ergebnisse. Daher wird es für mich auch nie langweilig.“

Mit einem Geländemodell, historischen Karten und geomagnetischen Untersuchungen wird der Grundriss der Westerburg in Groothusen sichtbar. Ausschnitt aus Grafik: T. Becker, NIhK
Mit einem Geländemodell, historischen Karten und geomagnetischen Untersuchungen wird der Grundriss der Westerburg in Groothusen sichtbar. Ausschnitt aus Grafik: T. Becker, NIhK
Die Archäologie mache das Unsichtbare und Vergessene wieder sichtbar. „Bei Ausgrabungen oder Bodenuntersuchungen wird die Geschichte dieses Ortes wieder lebendig“, betont sie. Auch nicht-invasive Untersuchungsmethoden wie etwa die Geomagnetik könnten auch ohne in den Boden einzugreifen, spannende Einblicke in die ehemalige Nutzung der Fläche geben. „Sofern noch Gebäude erhalten sind, bieten sie ein großes Potential für den Tourismus, das im Einzelfall bestimmt noch ausgeschöpft werden kann“, meint sie. Im Rahmen ihres Projektes, das noch bis Ende 2022 läuft, wollen sie dafür auch eine fundierte Basis liefern können. Dann soll auch ein Buch erscheinen.
Ähnliche Artikel