Serie „Emder Seezeichen“

Alter Gedenkstein wird nur bei Niedrigwasser sichtbar

| | 27.09.2021 12:29 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Man muss schon sehr genau hinschauen, um den Gedenkstein (links der Enten) an der Wasserlinie zu erkennen. Fotos: Hanssen
Man muss schon sehr genau hinschauen, um den Gedenkstein (links der Enten) an der Wasserlinie zu erkennen. Fotos: Hanssen
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Als der Emder Hafen noch tideabhängig war, konnte der wohl älteste Gedenkstein der Stadt regelmäßig bestaunt werden. Jetzt muss man Glück haben – und ein gutes Auge. Das hat es damit auf sich.

Emden - Wer mit dem Boot im Emder Falderndelft bei möglichst niedrigem Wasserstand unterwegs ist, muss schon genau hinschauen. Denn: Nur dann ist einer der wohl ältesten Gedenksteine in Emden sichtbar. Er befindet sich in der Kaimauer etwa auf Höhe des Wohnhauses Schreyers Hoek 6 und ist meistens von Wasser bedeckt. Ansonsten ist darauf die Jahreszahl 1544 zu sehen sowie ein Steinmetzzeichen, das ein kleines Segelschiff darstellen mag. Der Stein erinnert an eine Baumaßnahme der Gräfin Anna von Oldenburg, die mit dem regierenden Grafen Ostfrieslands, Enno II. aus dem Hause Cirksena, verheiratet war. Nach dem frühen Tod Ennos übernahm sie die Vormundschaftregentschaft für ihre noch unmündigen Kinder, die Erben Ennos.

In den Stein ist die Jahreszahl 1544 sowie das Zeichen des Steinmetz’ eingraviert.
In den Stein ist die Jahreszahl 1544 sowie das Zeichen des Steinmetz’ eingraviert.
Sie hatte am 24. April 1544 verordnet, dass die Bonnesse – so heißt die Straße heute gegenüber dem Gedenkstein – erhöht und von einem Deich umschlossen werden soll. Emden sollte dadurch größer werden. Gräfin Anna befahl, dass auf dem neugewonnenen Land der Bonnesse ein Kran aufgestellt werden sollte, der beim Ent- und Beladen der Schiffe helfen sollte. Sie stützte sich dabei auf die Pläne ihres verstorbenen Ehemanns Graf Enno.

Stein eigentlich am falschen Platz

In einem Foto aus der Ostfriesen-Zeitung von 1982 ist der Gedenkstein vollständig abgebildet.
In einem Foto aus der Ostfriesen-Zeitung von 1982 ist der Gedenkstein vollständig abgebildet.
Der Kran stand 1567. Nach dem Bauwerk wurde auch die naheliegende Kranstraße benannt. Durch die Bebauung und Bekaiung der Bonnesse und Butvenne wurden die Lösch- und Liegeplätze des Emder Hafens verdoppelt. Die ersten Häuser erhoben sich auf dem Bonnesch, wie dieser Bereich damals genannt wurde. 1564 wurde auch das Siel am Falderndelft neu erbaut und mit der ersten Klappbrücke versehen. Das Wasser floss damals noch vom Falderndelft über den Brauersgraben bis zum Stadtgraben – also durch den heutigen Stephansplatz.

Der Stein, der an Gräfin Annas Anordnung erinnert, ist also eigentlich falsch platziert, weil er auf die Seite der Bonnesse gehören würde und dort auch besser präsentiert werden könnte, wie diese Zeitung 1982 schrieb. Dennoch war er demnach 1945 nach der Zerstörung Emdens wieder in die Kaiung der Osterbutvenne eingemauert worden. So fristet er weiterhin ein unbeachtetes Dasein, da der Hafen seit Anfang des 20. Jahrhunderts tideunabhängig ist. Selbst dem Stadtarchivar ist der Stein nach eigenen Angaben nicht mehr bekannt.

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