Personalie

Sie hat in Aurich viele Steine aus dem Weg geräumt

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 28.09.2021 15:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Manchmal gibt auch die Merkel-Raute Halt: Irina Krantz wird ab 1. Oktober als Stadtbaurätin nach Emden wechseln. Foto: Boschbach
Manchmal gibt auch die Merkel-Raute Halt: Irina Krantz wird ab 1. Oktober als Stadtbaurätin nach Emden wechseln. Foto: Boschbach
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Als Baurätin hat Irina Krantz das Gesicht der Stadt mitgestaltet. Es tauge für die Zukunft, ist sie sich sicher. Jetzt zieht es sie nach Emden. Dort gibt es einen Hafen und viele spannende Aufgaben.

Aurich - Keine Atempause: Termindruck − bis zum Schluss. Mit fliegenden Rockschößen eilt Irina Krantz am Donnerstag ins Rathaus. Eine Viertelstunde ist die Baurätin beim Termin mit der Redakteurin in Verzug. In den letzten Wochen ihrer Zeit in der Auricher Verwaltung musste so viel abgearbeitet werden, dass kaum Zeit für ein Mittagessen blieb. „Da muss man aufpassen, dass der Blutzuckerspiegel am frühen Abend nicht absackt“, sagt die Stadtplanerin und Architektin. Das würde die Konzentration gefährden.

Wer kann sich das in ihrer Position leisten? Offiziell ist die 43-Jährige noch bis Ende September bei der Stadt Aurich für die Stadtentwässerung, die Stadtgestaltung, den Baubetriebshof und das Tiefbauamt und Bauleitplanung zuständig. Ab Oktober wechselt die gebürtige Mönchengladbacherin als Stadtbaurätin zur Stadt Emden. Bauen und Planen am Wasser, das sei die Herausforderung für sie. Eine Aufgabe, die sie immer begleitet habe, zunächst aus privatem, später aus beruflichem Interesse. Kein Wunder also, dass ihre Examensarbeit an der Rheinisch-Westfälischen Technischen-Hochschule Aachen sich mit dem Planen am Wasser beschäftigt. Weitere Berührungspunkte folgten, während der Zeit in Düsseldorf, wo es um die Bebauung der Hafenkante ging oder das Entstehen der Hafencity in Hamburg, das ihr damaliger Professor Volkwin Marg vom Büro Gerkan, Marg und Partner (GMP) entscheidend begleitet hat.

Wohnen in der Stadt

„Die Stadt Aurich hat sich durch die Altstadtsanierung auf einen sehr guten Weg gemacht“, ist Irina Krantz überzeugt. Es sei richtig gewesen, die alten Wallanlagen wiederherzustellen und Achsen zu betonen, etwa die zwischen dem Carolinenhof und der Fußgängerzone. Wohnen in der Stadt sei ein großes Thema. Darauf habe Aurich zeitig reagiert und das Quartier gestärkt. Einige Zukunftsforscher gehen davon aus, dass sich ein Umbruch vollzieht. Immer mehr Menschen würde es mittelfristig von den Einkaufscentern auf der grünen Wiese in die Innenstädte ziehen. Die wandelten sich, so die Prognose, im besten Fall immer mehr zu Erlebnisstädten. Also zu Orten, die man nicht nur deshalb aufsucht, um Waren einzukaufen.

Als Irina Krantz im Mai 2015 als Nachfolgerin von Tilman Petters eingestellt worden war, charakterisierte sie ihre neue Wirkungsstätte so: „Aurich ist eine alte, gewachsene und gepflegte Stadt mit viel Entwicklungspotenzial.“ Wie viel davon hat sie in etwas mehr als sechs Jahren zur Entfaltung gebracht? An erster Stelle nennt sie das Gelände der Blücherkaserne, das damals gerade in das Förderprogramm „Stadtumbau West“ aufgenommen worden war. Jetzt ist das Projekt einen großen Schritt weiter nach vorne gelangt. Es gab eine Bürgerbeteiligung. Jeder Auricher konnte sagen, was er sich wünscht. Ein weiterer Meilenstein steht: die vom Stadtrat abgesegnete Rahmenplanung.

Widerstand legte sich schnell

Um das alles umzusetzen, hat Irina Krantz nicht nur ihr Fachwissen eingebracht: Sie hat auch gut zugehört. Anregungen von Aurichern aufgenommen, abgewogen und, sofern möglich, in das Vorhaben einfließen lassen. Dieses Ohr am Volk hat ihr auch bei einem anderen Mammutprojekt gedient: der Sanierung der Fußgängerzone. „Was soll das denn? Müssen wir dafür Geld ausgeben?“ Die Einwände gegen das Vorhaben waren massiv, sowohl aus den Reihen des Rates als auch aus der Bevölkerung. Nach anfänglichen Turbulenzen legte sich der Widerstand. Man möchte fast sagen über Nacht. Die ersten Tiefbauarbeiten in der Osterstraße verliefen − im übertragenen Sinne − fast geräuschlos. Es gab große Informationstafeln über den Stand und den Grund der Bauarbeiten. Jeder Anwohner und Geschäftstreibende wurde angesprochen. „Spezielle Wünsche und Planungen haben wir, soweit das möglich war, berücksichtigt“, sagte die Baurätin.

Alle Interessen unter einen Hut bringen − was eine gute Politikerin auszeichnet, ist auch Irina Krantz eigen. Bei der Entwicklung des XXL-Baugebiets „Im Timp“ war dieses Talent von Vorteil. Konflikte mit Naturschützern blieben weitgehend aus, weil die Stadt gleich im Vorfeld als ersten Schritt den wertvollen Altbaumbestand kartieren ließ. „Das Wäldchen am Timp als auch die Wallheckenstruktur haben wir so erhalten können“, sagt die Baurätin. Außerdem gebe es einen üppigen Grüngürtel, der mehr sei als die vielzitierte Alibi-Natur.

Gute Zusammenarbeit

Apropos Mehrwert: Der wäre beim Baugebiet „Im Timp“ fast ausgeblieben, weil vor drei Jahren der erste Investor überraschend abgesprungen ist. „Wir haben uns dann in der Verwaltung gefragt, ob es das jetzt gewesen sei. Dafür hatten wir aber schon zu viel Arbeit und Zeit hineingesteckt.“ Elan und gute Kontakte der Bauverwaltung führten dann dazu, dass mit Udo Fuhrmann ein neuer Investor gefunden wurde. „Das war an dieser Stelle ein Glücksgriff“, ist sich Irina Krantz sicher. Man habe konstruktiv mit ihm zusammengearbeitet. Im späten Frühjahr konnten die ersten 50 Grundstücke auf dem Areal mit seinen 240 Wohneinheiten vergeben werden. Die Baurätin spricht von einer Punktlandung.

Wenn etwas so klappt, wie man es geplant hat, ist das ein Idealfall. Auch wenn die Strukturen von Städten und Baugebieten auf dem Papier so klar und unproblematisch aussehen, Ärger gibt es bei der Entwicklung doch. „Mir hat es im Leben oft geholfen, die Motivationen von Menschen zu verstehen“, sagt Irina Krantz. Zuhören, Nachfragen, sich in die Position des anderen einfühlen − was so einfach klingt, sei der Schlüssel zu guter Kommunikation, sagt die Mutter zweier Kinder und lächelt. In diesem Moment streckt eine Mitarbeiterin den Kopf durch die Tür. Sie möchte sich verabschieden. „Ich bin morgen noch da, ich komme bei Ihnen vorbei“, verspricht Irina Krantz. Verbindlichkeit ist eben auch eine Tugend.

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