Naturschutz

Abholzaktion in Emden geplant: Bis zu 1000 Bäume sollen weg

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 29.09.2021 19:24 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Emden steht offenbar eine Abholzaktion bevor. Foto: Pixabay
In Emden steht offenbar eine Abholzaktion bevor. Foto: Pixabay
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Bürger und Politiker schlagen Alarm: Die Stadt und der Naturschutzbund Nabu wollen bei Marienwehr und Uphusen vielfach die Kettensäge ansetzen. Bislang hat angeblich kaum jemand etwas davon gewusst.

Emden - Bürger und Politiker in Emden sind in heller Aufregung: In der Meedenlandschaft um Marienwehr und Uphusen sowie am Kleinen Meer steht offenbar eine Abholzaktion großen Umfangs unmittelbar bevor. Die Rede ist von 500 bis 1000 Bäumen, die dort zum Schutz von Wiesenvögeln weichen sollen. Die Arbeiten sind zum Teil schon ausgeschrieben worden.

Was und warum

Darum geht es: In den Meeden um Uphusen und Marienwehr ist eine Abholzaktion großen Ausmaßes geplant. Bürger und Politiker schlagen deshalb Alarm.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für den Naturschutz interessieren –und den Umgang von Behörden und Verbänden damit

Deshalb berichten wir: Bewohner aus dem Stadtteil Marienwehr haben unsere Redaktion auf bevorstehende Abholzungen in ihrer Nähe aufmerksam gemacht. Wir sind der Sache auf den Grund gegangen.

Den Autorin erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Die geplanten Rodungen stoßen auch auf Widerstand der ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten der Stadt, Habbo Wildeboer und Stefan Rölling. Die Erfolgsaussichten dieses Vorhabens seien „fragwürdig“ und dienten „einem blinden Aktionismus“, meint Wildeboer. Die Baumfällungen berücksichtigten nicht die Anforderungen eines umfassenden Artenschutzes. Zudem dienten sie nicht dem Schutz von Natur und Landschaft im Sinne des Klimaschutzes.

Verantwortlich ist die Stadt

Verantwortlich ist die Stadt Emden, die 2019 mit Geld von der EU und vom Land ein Wiesenvogel-Programm aufgelegt hat für Flächen, die auf EU-Vogelschutzgebieten liegen. Im Nordosten ist das ein etwa 490 Hektar großes Areal bei Marienwehr und Uphusen, das zum Schutzgebiet „Ostfriesische Meere“ gehört. Mit der Leitung und der Betreuung des Wiesenvogel-Projekts hat die Stadt den Naturschutzbund Nabu und dessen in Wiegboldsbur (Gemeinde Südbrookmerland) ansässige Ökologische Station Ostfriesland beauftragt.

Durch Baumfällungen sollen Wiesenbrutvögel wie die vom Aussterben bedrohte Uferschnepfe (Bild) in Emden besser vor deren Feinden geschützt werden. Foto: dpa/Archiv
Durch Baumfällungen sollen Wiesenbrutvögel wie die vom Aussterben bedrohte Uferschnepfe (Bild) in Emden besser vor deren Feinden geschützt werden. Foto: dpa/Archiv

Ziel des Projektes ist der Erhalt und die Verbesserung der Bestände von zum Teil vom Aussterben bedrohter Wiesenbrutvögel. Dazu gehören unter anderem die Uferschnepfe, der Kiebitz und der Rotschenkel. Ostfriesland gehöre zu den bedeutendsten Gebieten Deutschlands für diese Arten, heißt es in der Projektbeschreibung. Zu ihrem Schutz soll die Landschaft wieder so offen sein, wie sie vor etwa 50 Jahren war.

Wildeboer: „Es fehlt das Augenmaß“

Um die Lebensräume der Wiesenbrutvögel zu verbessern und die Bodenbrüter vor deren Feinden zu schützen, sollen unter anderem Gehölze in der Nähe guter Brutgebiete verschwinden. So soll beispielsweise Raubvögeln die gute Sicht von Bäumen auf die Brutplätze genommen werden. Zudem soll zum Beispiel Buschwerk entfernt werden, das Raubsäugern wie Fuchs, Marder oder Iltis Unterschlupf bietet.

Habbo Wildeboer hält solche Maßnahmen für überzogen, zumal dadurch auch andere Tierarten bedroht seien. „Es fehlt das Augenmaß“, sagt der Naturschutzbeauftragte, der sich selbst für den Schutz von Wiesenvögeln stark macht.

Politik reagiert überrascht

Die Emder Politik ist angeblich ebenfalls von den geplanten Rodungen überrascht worden. Die CDU-Ratsfraktion verlangt Antworten von der Stadt auf offene Fragen. Die Politiker Bernd Gröttrup und Albert Ohling beklagen unter anderem, dass Politik und Bevölkerung nur ungenügend beziehungsweise gar nicht informiert worden seien.

Die beiden Ratsmitglieder wollen auch wissen, warum der runde Tisch, der das Wiesenvogel-Projekt der Stadt begleiten soll, seit länger als einem Jahr nicht mehr getagt hat. In diesem Gremium, dem Vertreter von Rat, Landwirtschaft, Naturschutz, Jägerschaft, Entwässerungsverbänden und Verwaltung angehören, sollten die Maßnahmen des Programms eigentlich im Detail erörtert werden. „Einer Abholzaktion diesen Ausmaßes haben wir dort niemals zugestimmt“, sagt der Landwirt Ohling, der für die CDU-Fraktion an diesem runden Tisch sitzt.

Stadt widerspricht Politikern

Die Stadt Emden widerspricht solchen Äußerungen. Die Vorgehensweise und die jetzt ausgeschriebenen Maßnahmen seien dem runden Tisch bei einer Sitzung und bei einer Bereisung im Februar 2020 vorgestellt worden, schreibt ihr Sprecher Eduard Dinkela. Im Zuge des detaillierten Abstimmungsverfahrens sei nur wenigen Gehölzen keine Freigabe erteilt worden.

Die Projektleitung des Nabu habe im vergangenen Jahr auch mit allen Eigentümern und Bewirtschaftern der betroffenen Flächen gesprochen. Danach habe es aufgrund der Corona-Pandemie zunächst eine Zwangspause bei Planung und Umsetzung des Projekts gegeben, so der Stadtsprecher. Nach seinen Angaben will das Umweltamt in der kommenden Woche im Ratsausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt über den aktuellen Sachstand berichten.

Es gibt zwar Parallelen zwischen dieser Abholzaktion und dem seit Monaten schwelenden Konflikt um das Wäldchen namens Janssen Tuun im Osten von Emden, das zur Ansiedlung von Wiesenvögeln abgeholzt werden soll. Beide Vorhaben stehen aber in keinem direkten Zusammenhang und fallen auch in die Zuständigkeit unterschiedlicher Behörden.

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