Gastronomie

Hotel-Eigentümer fordert: Nicht immer nur meckern

| | 03.10.2021 17:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Familie Janssen hat trotz Corona fast alle Mitarbeiter der Alten Post an Bord behalten, darunter auch Küchenchef Hans-Gerd Gerdes (Foto). Fotos: Archiv/Luppen
Familie Janssen hat trotz Corona fast alle Mitarbeiter der Alten Post an Bord behalten, darunter auch Küchenchef Hans-Gerd Gerdes (Foto). Fotos: Archiv/Luppen
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Personalmangel, Pleiten, Betriebsschließungen: Betreiber von Hotels und Gaststätten leiden unter der Corona-Pandemie. Doch ein Unternehmer aus Aurich findet, es werde alles zu negativ dargestellt.

Aurich - Wird in der Hotellerie und Gastronomie zu viel gejammert? Das Ehepaar Janssen aus Aurich-Ogenbargen hat jedenfalls den Eindruck, dass negative Stimmen überwiegen – und möchte dem etwas entgegensetzen. Den Janssens gehört einer der größten Hotel- und Restaurantbetriebe auf der ostfriesischen Halbinsel. Olga Janssen betreibt den Landgasthof Alte Post, das Hotel Alte Schmiede, das Fahrradhotel Schlichtmoor und das Sporthotel Middelpunkt. Gerhard Janssen ist Eigentümer dieser Objekte.

„Der eine oder andere mag durchs Raster gefallen sein“, sagt Gerhard Janssen, „aber in keinem anderen Land ist der Bevölkerung so geholfen worden wie in Deutschland.“ Das gelte nicht nur für die Gastronomie. Als Steuerberater habe er Dutzende Anträge gestellt, und auf der Homepage der N-Bank könne jeder nachlesen, welche Hilfen vom Staat geflossen sind. „Es ist an der Zeit, dafür auch einmal Danke zu sagen und nicht immer nur zu meckern und mehr und mehr zu fordern.“

„Wir waren am Boden zerstört“

Für Olga und Gerhard Janssen war es zunächst ein Schock, als sie ihre Häuser im März vergangenen Jahres zum ersten Mal schließen mussten. „Wir waren am Boden zerstört.“ Die Auftragsbücher seien voll gewesen. „Es wäre sicherlich das erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte geworden“, sagt der 66-Jährige. Doch dann kam der erste Lockdown, im November 2020 der zweite. Durch Maßnahmen wie Corona-Soforthilfen, Überbrückungsbeihilfen, zinslose Kredite, Kurzarbeitergeld und die Senkung der Mehrwertsteuer habe das Unternehmen die Krise jedoch überstanden. Mittlerweile gehe es wieder bergauf.

Den Janssens ist es gelungen, fast alle Mitarbeiter an Bord zu halten. Man habe ihnen die Differenz zwischen Kurzarbeitergeld und dem normalen Gehalt und außerdem eine Corona-Prämie gezahlt, sagt Gerhard Janssen. In der Corona-Pause habe sich der Betrieb neu ausgerichtet, die Speisekarte verkleinert und investiert. Man schaue jetzt zuversichtlich in die Zukunft. In diesem Jahr werde der Betrieb wahrscheinlich wieder schwarze Zahlen schreiben. Es sei sogar gelungen, vier Auszubildende einzustellen. „Einen dritten Lockdown darf es nicht geben“, sagt Janssen.

Viele Betriebe leiden unter Personalmangel

Die Redaktion hat beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) nachgefragt. Erich Wagner vom Hotel Zur Post in Wiesmoor ist Vorsitzender des Dehoga-Bezirksverbandes Ostfriesland. „Wir sind natürlich sehr dankbar, dass wir in der Krise Geld bekommen haben“, sagt der Hotelier. „Ohne dieses Geld würde es viele Betriebe nicht mehr geben. Wir bedanken uns auch permanent bei der Politik.“

Der Hotelier Erich Wagner aus Wiesmoor ist Vorsitzender des Dehoga-Bezirksverbandes Ostfriesland.
Der Hotelier Erich Wagner aus Wiesmoor ist Vorsitzender des Dehoga-Bezirksverbandes Ostfriesland.

Doch man könne nicht alle über einen Kamm scheren, fügt Wagner hinzu. „Es gibt viele Betriebe, die gut durch die Pandemie gekommen sind, einige aber auch nicht.“ In Saalbetrieben zum Beispiel sei „eine ganze Zeit lang überhaupt nichts gegangen“, so Wagner. „Gaststätten haben große Probleme, weil sie Mitarbeiter verloren haben.“ Viele müssten aus Personalmangel den Betrieb einschränken. Kollegen, die sich erst kurz vor dem Beginn der Pandemie selbstständig gemacht hätten, fehle die Substanz, um eine solche Krise zu überstehen. Auf November- und Dezember-Hilfen hätten sie im vergangenen Jahr noch keinen Anspruch gehabt. Das betreffe vor allem junge Kollegen. „Die hatten‘s natürlich schwer.“

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„Man muss unterscheiden, wer betroffen ist und wer nicht“

Betriebe, die vom Tourismus lebten, seien „sehr gut aus der Krise rausgekommen“, sagt Wagner, weil der Inlands-Tourismus floriere. Die Saison ziehe sich zudem in die Länge. Noch jetzt seien Radtouristen unterwegs. Negativ wirke sich hingegen der Wegfall von Veranstaltungen und Messen aus. Das treffe vor allem große Hotels. Auch der Stadttourismus hinke hinterher. Fazit: Einige haben tatsächlich weiterhin zu knabbern und Grund zum Jammern.

Auch Arno Fecht vom Verein Auricher Altstadt-Gastronomie warnt vor Verallgemeinerungen. „Man muss unterscheiden, wer betroffen ist und wer nicht“, sagt der Kneipenwirt. „Bei ganz normalen Getränkegaststätten werden die Umsätze, die wir mal hatten, nicht mehr erreicht.“ Ob in Restaurants oder Kneipen: An allen Ecken und Enden fehle es an Personal. Seine dienstälteste Mitarbeiterin packe jetzt für den Online-Handel Pakete. „Trotzdem“, sagt Fecht, „Familie Janssen hat natürlich recht. Die staatlichen Hilfen sind geflossen. Ohne sie wäre es nicht gegangen.“