Kolumne: Artikel 1, GG
Das Gefühl eines Fremden
Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Dienstags geht es immer um Recht.
Heute widme ich mich einem Thema, das mein Lebensthema ist: Gefühle, genauer Fremdheitsgefühle. Seit ich Journalistin bin, beschäftigte ich mich auch öffentlich mit Gefühlen.
Zur Person
Canan Topçu (55) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Ich bemühe mich um einen Perspektivwechsel, versuche mich auch hineinzuversetzen in die Menschen, die mit den Veränderungen in diesem – ihrem – Land unzufrieden sind und nicht mehr mitkommen mit der offenen Gesellschaft.
Während meines Urlaubs in Kroatien bin ich einem Gefühl nähergekommen, das ich schon länger nicht bewusst wahrgenommen hatte: Ich fremdelte! Und das so dermaßen, dass ich mich sehr unwohl gefühlt habe.
Dieses Fremdeln hat mich nachdenklich gemacht. Ich hatte es ganz vergessen, wie es so ist, wenn man in einem Land ist, in der eine Sprache gesprochen wird, der man gänzlich unkundig ist; wie es sich anfühlt, wenn man nicht einmal ein paar Brocken kennt, um aus dem Gesprochenen oder Geschriebenen einen Sinn ableiten zu können.
Ich, die bis auf Dober dan (Guten Tag), Pivo (Bier) und Vino (Wein) keine weiteren Vokabeln auf Kroatisch, kennt, war froh, wenn Mitarbeiter von Restaurants, Cafés und Geschäften Deutsch oder Englisch sprachen. Gleichzeitig fühle ich mich aber unwohl dabei, vom Personal zu erwarten, dass sie mit mir Deutsch oder Englisch sprechen. Ein Dilemma, das sich im Urlaub nicht auflösen ließ. Und ein Erlebnis, dass mich daran erinnert, mich in Menschen hineinzuversetzen, die sich unfreiwillig in Situation befinden, so wie fremdeln.
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