Zeitreise

Mickey Mouse ist ein bisschen ostfriesisch

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 09.10.2021 17:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mickey Mouse, die wohl populärste Zeichentrick-Figur der Walt-Disney-Studios, mit Hund Pluto. Foto: DPA/Archiv
Mickey Mouse, die wohl populärste Zeichentrick-Figur der Walt-Disney-Studios, mit Hund Pluto. Foto: DPA/Archiv
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Der Disney-Mitarbeiter Ub Iwerks hat Wurzeln in der Krummhörn. Er galt als „schnellster Zeichner aller Zeiten“ und zeichnete die berühmte Mickey Mouse. Er wirkte an vielen Disney-Knüllern mit.

Uttum/Hollywood - Die bekannteste Comic-Maus der Welt ist bis heute fest mit dem Namen Walt Disney verbunden. Eine mindestens genauso wichtige Rolle bei deren Entstehungsprozess spielte Disneys heute weitgehend in Vergessenheit geratener und vor 50 Jahren verstorbener Partner Ub Iwerks. Er hatte ostfriesische Wurzeln. Ub Iwerks Vater Eert Ubbe Iwwerks stammte aus Uttum, das heute zur Gemeinde Krummhörn gehört. 1869 wanderte er in die USA aus. Sein Sohn wurde 1901 als Ubbe Ert Iwwerks in Kansas City, Missouri geboren. In seiner Heimatstadt traf er 1919 auf den nur ein paar Monate jüngeren Walter Elias Disney. Beide Männer arbeiteten dort zunächst als Illustratoren für eine Werbeagentur.

1920 gründeten sie eine eigene Firma namens Iwerks-Disney Commercial Artists. Die lief mehr schlecht als recht, weshalb die beiden ins Filmgeschäft wechselten. Hier kam Walt Disney die Idee, sich auf Zeichentrickfilme zu spezialisieren. Nachdem er genügend Kapital zusammen hatte, eröffnete er 1923 in Hollywood gemeinsam mit seinem Bruder Roy ein eigenes Studio und holte alsbald seinen Freund Ub Iwerks in sein Team.

Zank mit Geldgebern

Sie konnten schnell erste Erfolge verbuchen und mit „Oswald, the Lucky Rabbit“ 1927 eine eigenständige populäre Cartoon-Figur etablieren. Unglücklicherweise zerstritt sich Walt Disney mit seinen Geldgebern, die ihm daraufhin die Rechte an seiner Figur streitig machten. Im Frühjahr 1928 überlegte er fieberhaft, wie es weitergehen sollte. Die ersehnte Rettung brachte dann jene kleine Maus, die heute die ganze Welt kennt. Um ihre Entstehungsgeschichte ranken sich mannigfaltige Legenden. Eine besagt, Walt Disney wäre der zündende Einfall in Erinnerung an eine zahme Maus aus Kindertagen auf einer Zugfahrt gekommen. Andere behaupten, Ub Iwerks hätte sowohl den tierischen Protagonisten als auch die komplette Handlung zum allerersten Mickey-Mouse-Trickfilm „Plane Craze“ während einer Besprechung vorgeschlagen.

Mickey Maus war auch sein Werk: Ub Iwerks, hier auf einem Werbe-Foto aus dem Jahr 1929. Foto: The Walt Disney Company
Mickey Maus war auch sein Werk: Ub Iwerks, hier auf einem Werbe-Foto aus dem Jahr 1929. Foto: The Walt Disney Company
Fakt ist, dass, nachdem Walt Disney die Sache abgesegnet hatte, die Hauptlast der zeichnerischen Arbeit auf den Schultern von Ub Iwerks lag. Binnen weniger Wochen schuf dieser seinen vom Fliegerass Charles Lindbergh inspirierten sechsminütigen Schwarz-Weiß-Cartoon praktisch im Alleingang. Damals wurde jede einzelne Sequenz in mühsamer Kleinarbeit erst auf Papier – zumeist mit Bleistift – vorgezeichnet, anschließend mit Tusche auf eine Folie aufgetragen und Bild für Bild abfotografiert. Man hat ausgerechnet, dass Ub Iwerks rund 700 Zeichnungen pro Tag angefertigt haben muss, bevor „Plane Craze“ im Mai 1928 uraufgeführt wurde. Das Werk hinterließ anfangs allerdings ebenso wenig einen bleibenden Eindruck wie der zweite Cartoon „The Gallopin’ Gaucho“, der im August desselben Jahres folgte.

Mickey Mouse bald auch mit Ton

Walt Disney hielt sich unterdessen aus dem kreativen Schaffensprozess heraus, weil er in dieser Hinsicht seinem Chefzeichner ohnehin nicht das Wasser reichen konnte. Dafür war er ein außerordentlich umtriebiger Geschäftsmann mit Weitblick. Spätestens seit dem gigantischen Erfolg von „The Jazz Singer“, der seit Oktober 1927 für gehörig Furore in den Kinos sorgte, wusste er, dass dem Tonfilm die Zukunft gehören würde. Deswegen beschloss er, seinen nächsten Mickey-Mouse-Streifen nicht mehr stumm, sondern als klingenden „Sound Cartoon“ zu realisieren.

Erneut konnte Ub Iwerks seine Qualitäten als Schnellzeichner unter Beweis stellen. Das Bildmaterial wurde mit Musik und allerlei kuriosen Geräuschen unterlegt. In einer Szene spielt Mickey beispielsweise auf den Zähnen einer Kuh Xylophon. Als „Steamboat Willie“, so der Titel des knapp achtminütigen Filmchens, das am 18. November 1928 in New York gezeigt wurde, entwickelte er sich sofort zum absoluten Publikumsrenner.

Zwar hatte es Zeichentrickfilme mit Ton bereits seit 1924 gegeben. Aber „Steamboat Willie“ war der erste Streifen seines Genres, der ein Massenpublikum erreichte. Dass dies passierte, lag nicht zuletzt an Walt Disneys Geschäftstüchtigkeit. Ihm war es gelungen, wichtige Presseleute zur Premiere seines „Sound Cartoons“ zu locken, was zu einer entsprechend positiven Berichterstattung in den Medien führte. Trotzdem ruhte er sich nicht auf seinen Lorbeeren aus und richtete den Blick stetig nach vorne, indem er sein Fantasieuniversum um zusätzliche markante Charaktere erweiterte und einhergehend damit auch seine künstlerischen Ansprüche sukzessive nach oben schraubte. Die Cartoons wurden immer länger, bis sie bei „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ 1937 erstmalig in der Kinogeschichte abendfüllende Spielfilmdauer erreichten. Parallel dazu kümmerte sich Walt Disney frühzeitig um anderweitige Vermarktungsmöglichkeiten wie Merchandising-Produkte zu seinen Figuren und sorgte dafür, dass seine Maus als fortlaufender Comic-Strip in Zeitungen abgedruckt wurde.

Ub Iwerks Ausstieg bei Disney

Das Zeichnen überließ der Chef dabei, wie gehabt, lieber seinen Mitarbeitern. Und wiederum war es Ub Iwerks, der die ersten Comics von Mickey Mouse zu Papier brachte. Irgendwann wurde ihm das zu viel, und er überwarf sich mit seinem Arbeitgeber. 1930 fand er Investoren, mit deren Hilfe er sich selbstständig machte und das Iwerks Studio aus der Taufe hob. Hier vermochte er nahtlos dort anzuknüpfen, wo er bei Disney aufgehört hatte.

Zu Ub Iwerks Pionierleistungen aus dieser Zeit zählen unter anderem die ersten vertonten Cartoons, die neben den bis dahin üblichen schwarz-weißen auch farbige Sequenzen enthielten, und verschiedene revolutionäre technische Entwicklungen wie die Multiplan-Kamera, die in Zeichentrickfilmen dreidimensionale Hintergründe erzeugen konnte.

Auch bei „Die Vögel“ mischte er mit

Obwohl Disneys einstiger Star-Zeichner seinen ehemaligen Freund künstlerisch locker in die Tasche steckte, war er ihm in einem entscheidenden Punkt haushoch unterlegen: Die Iwerks Studios warfen kaum nennenswerten finanziellen Gewinn ab und mussten schließlich Bankrott anmelden.

Nach einem kurzen Abstecher zu Warner Brothers und Columbia Pictures kehrte Ub Iwerks im Jahr 1940 in den Schoß der Disney-Familie zurück, wo er bis zum Tod des Firmengründers im Jahre 1966 blieb. Bis dahin hat er an etlichen Disney-Kassenknüllern aus dieser Ära mitgewirkt. Für seine technischen Entwicklungen wurde er sogar zweimal mit dem Oscar ausgezeichnet.

Ankündigung für einen „Mickey Mouse Sound Cartoon“. Foto: The Walt Disney Company
Ankündigung für einen „Mickey Mouse Sound Cartoon“. Foto: The Walt Disney Company
Nebenher war Ub Iwerks auch für andere Auftraggeber tätig. Die Spezialeffekte in Alfred Hitchcocks Kult-Schocker „Die Vögel“ (1963) gehen zum Beispiel ebenfalls auf sein Konto und bescherten ihm eine weitere Nominierung für den begehrten Filmpreis. Am 7. Juli 1971 starb der „schnellste Zeichner aller Zeiten“ im kalifornischen Burbank im Alter von 70 Jahren. Die Asche seiner sterblichen Überreste wurde im Forrest Memorial Park auf den Hollywood Hills beigesetzt.

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