Mobilität
Emder Verkehrsexperimente: Zahlen, Daten, Fragezeichen
Die Stadt misst seit Wochen, wie sich der Autoverkehr in Emden durch Experimente verändert. Am Mittwoch stellte sie neue Zahlen und Ziele vor. Zentrale Fragen bleiben offen und es gibt wieder Streit.
Emden - Wie geht es weiter mit dem Emder Experiment, das Stadtzentrum durch veränderte Verkehrsströme und -konzepte attraktiver zu machen? Antworten darauf gab der Stadtplaner David Malzahn am Mittwochabend im Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt.
Was und warum
Darum geht es: Die Stadt versucht, Emden mit neuen Verkehrskonzepten attraktiver zu machen.
Vor allem interessant für: diejenigen, die die Innenstadt nutzen und von einem vitalen Emder Zentrum profitieren sowie Leute, die sich für die Verkehrswende interessieren
Deshalb berichten wir: Die Stadt stellte am Mittwoch in einem Ratssauschuss Messdaten zum und den weiteren Ablauf des Experiments vor. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Die Friedrich-Ebert-Straße
Die Hauptstraße durch Klein-Faldern wird ab Freitagnachmittag für mehrere Wochen zu einer „unechten Einbahnstraße“. So nennt die Stadt eine Regelung, die die Zufahrt für eine Richtung sperrt, es Anliegern aber erlaubt, die Siedlung in beide Fahrtrichtungen zu verlassen. Gesperrt wird die Friedrich-Ebert-Straße für den Autoverkehr ab der Kreuzung Brückstraße (Neue Kirche) in Richtung Petkumer Straße. Die Stadt reagiert mit dieser Änderung auf Beschwerden von Anliegern. Diese hatten auf ein hohes Verkehrsaufkommen hingewiesen, weil die Neutorstraße für eine Fahrtrichtung dichtgemacht worden war.
Die Neutorstraße
Die Fahrtrichtung Süden bleibt gesperrt, die Aufteilung zwischen Radwegen, Autofahrspuren und Fußgängern, für die Zebrastreifen statt Ampeln eingerichtet worden waren, bleibt bestehen. Ab dem 6. Dezember wird die Einbahnstraßenregelung für drei Monate getauscht. Dann können Autos von der Straße Agterum wieder einbiegen und dann kann die Neutorstraße zum Hafen hin wieder befahren werden. Umgekehrt müssen Autos auf dem Weg nach Norden den Abschnitt umfahren. Voraussetzung ist, dass die Politik dem Vorschlag zustimmt. Die Entscheidung darüber soll am 11. November in einer öffentlichen Sitzung fallen.
Am 16. Oktober öffnet auf der Höhe Stadtgarten eine Ausstellung auf der Neutorstraße. Gezeigt werden Bilder zum Emder Hafen. Aufnahmen aus den 1950er und 1960er Jahren von Ludwig Schumacher werden aktuellen Fotos von Tobias Bruns gegenübergestellt. Das Konzept von Edzard Wagenaar und Tobias Bruns wird von Johannes „Urmel“ Meyering mit Unterstützung des Vereins für historischen Schiffbau umgesetzt. Wie lange die Ausstellung stehenbleibt, teilte die Stadt nicht mit.
Die Messungen
Die Stadt hat vor der Sperrung und seit Beginn des Experiments auf der Neutorstraße etliche Zahlen zum Verkehr in Emden gesammelt. Die Daten wurden miteinander verglichen, um Erkenntnisse zu den Auswirkungen zu bekommen. Untersucht wurden Durchfahrtszeiten, Verkehrsaufkommen und der Verkehrsfluss im Zentrum. Außerdem wurde die Belastung der Friedrich-Ebert-Straße gemessen. An der Aussagekraft der Zahlen gibt es allerdings Zweifel. Kritisiert wird, dass die Verkehrsströme in Emden wegen der gesperrten Trogstrecke, einer viel befahrenen Südumgehung der Innenstadt, nicht der Normalsituation entsprechen.
Die Durchfahrtszeit
In Messfahrten wurde die Zeit gestoppt, die Autofahrer für die Strecke Am Delft/Rathausplatz durch die Neutorstraße bis zur Straße Agterum benötigen. Die Stadt hat dafür jeweils eine Woche lang von Montag bis Samstag morgens, mittags und nachmittags zur gleichen Zeit auf die Stoppuhr geschaut. Das Ergebnis: Bevor die Verkehrsführung geändert wurde, dauerte die Fahrt im Schnitt 1 Minute und 28 Sekunden. Danach blieb sie mit 1 Minute und 24 Sekunden nahezu unverändert.
Das Verkehrsaufkommen
Um zu erfassen, wie hoch die Verkehrsdichte ist, wurde an neun festen sowie zwei mobilen Messpunkten an verschiedenen Stellen der Innenstadt gezählt, wie viele Autos binnen einer Woche dort vorbeifuhren. Gegenübergestellt wurden die Wochen 12. bis 18. Juli sowie 13. bis 19. September, also ebenfalls ein Zeitraum vor Beginn des Experiments und nach den Veränderungen. Einen Unterschied in der Belastung von Straßen und Strecken konnte die Stadt nicht feststellen. Verwunderlich ist das nicht. Schließlich war die Neutorstraße auch im Juli wegen der Baustelle der Neutor-Arkaden in einer Richtung für Autos gesperrt. Neu war im September lediglich, dass Radwege verschoben und Fußgängerampeln ausgeschaltet waren. Dass Fußgänger und Radfahrer an der Neutorstraße Vorrang hatten, führte also nicht zu Verlagerungen von Verkehren.
Die Rückstaus
Mithilfe von anonymisierten Daten des Internet-Dienstleisters Google wurde analysiert, wie der Verkehr durch Emden fließt und an welchen Stellen es stockt. Das Verfahren ist laut Stadtplaner David Malzahn anerkannt und wird für Gutachten sowie von Navigations- und Stauwarndiensten genutzt. Am meisten los ist auf Emdens Straßen in der Mittagszeit. Am geduldigsten müssen Autofahrer auf der Straße Agterum sowie weiter an den Kreuzungen Neutorstraße und Zwischen Beiden Bleichen sein. Zäh fließt der Verkehr im Tagesverlauf außerdem an der Straße Am Delft sowie an der Nesserlander Straße auf Höhe der Eisenbahnklappbrücke. Dort bilden sich immer wieder längere Warteschlangen. Einem Stau entspricht das nach Ansicht von Malzahn nicht.
Das sagt die Politik
Die CDU-Fraktion hält an ihrer Kritik am Zeitpunkt des Experiments fest. „Wir haben riesengroße Bauchschmerzen“, so Herbert Buisker. Er wirbt für einen Abbruch der Versuche, um „ab Januar Vollgas zu geben“, sprich die Sperrungen, Messreihen und Analysen dann erst richtig aufzunehmen. Die Christdemokraten fürchten, dass falsche Schlüsse gezogen werden, weil einerseits der Trog noch bis zur vorübergehenden Öffnung am 26. November gesperrt ist und andererseits der Weihnachtsmarkt wieder zu Veränderungen mitten im Experiment führen dürfte.
Druck auf die Stadt macht außerdem Gregor Strelow (SPD). Auch er hält die gewonnenen Daten für „nicht repräsentativ“. Und er forderte am Mittwochabend in der Sitzung vehement: „Verzetteln Sie sich nicht in Nebenkriegsschauplätzen. Kommen Sie zum Kern!“ Er erwarte Lösungen für den Flaschenhals Agterum und konkrete Antworten darauf, wie der Verkehr mit einem Parkraumkonzept aus der Innenstadt gehalten werden soll.
So geht es weiter
Die Stadt will weiter messen, sowohl an der Friedrich-Ebert-Straße als auch an den anderen Stellen im Zentrum. Zudem soll am 11. November das Ergebnis eines Gutachtens öffentlich gemacht werden. Im Gegensatz zu den bisherigen Daten sollen externe Berater darin konkrete Vorschläge für ein ganzheitliches Verkehrskonzept für Emden liefern. Die Sitzung war von Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) für den 8. November angekündigt, auf Wunsch des Gutachters aber verschoben worden. Bei der Sitzung will die Verwaltung sich die politische Zustimmung einholen, um das Experiment fortzusetzen. Bis dahin bleibt die Stadt alleine federführend.