Osnabrück
Mord im Klosterwald: Wenn es nicht genug DNA-Spuren gibt
Zum dritten Mal wird der Prozess um den Mord an Judith Thijsen im Klosterwald Loccum neu aufgerollt. Die 23-Jährige starb im September 2015. Während viele Fälle mit DNA-Spuren aufgeklärt werden, fehlen diese hier fast.
Judith Thijsens Leiche wurde vermutlich erst gut eine Woche nach ihrem Tod gefunden. Ob sie vergewaltigt wurde, konnte wegen der Verwesung des Körpers nicht mehr festgestellt werden. Auch die Todesursache steht deshalb nicht sicher fest. Eindeutige DNA-Spuren fehlten fast ausschließlich - vor allem solche, die einen Hinweis geben, wer Judith Thijsen ermordet hat.
Erneut ist der Emsländer Jörg N. angeklagt. Beim ersten Prozess wurde er wegen Totschlags schuldig gesprochen, beim zweiten Mal sprach ihn das Landgericht Verden frei. Seine DNA wurde damals nur auf einem einzigen Beweisstück gefunden.
Im Fall um den Mord im Klosterwald seien zwar Mischspuren von anderen Personen vorhanden gewesen, diese konnten aber nicht zugeordnet werden, erinnert sich die Leiterin der Forensischen Genetik des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf bei ihrer Aussage als Gutachterin vor dem Landgericht Osnabrück. In den Abstrichen von Thijsens linker Handinnenfläche und dem Bein sei männliche DNA gefunden worden, aber nur „mini, mini, minimal“, so die Gutachterin.
Auf Judith Thijsens 81 Filterblättchen für Zigaretten fanden die Mitarbeiter deren DNA - und fremde. Die stammte allerdings von einer Mitarbeiterin der Rechtsmedizin. Das Beweisstück ist kontaminiert. Die Rechtsmediziner sind bei der Arbeit eigentlich gut geschützt: Sie tragen unter anderem Kopfhaube, Mundschutz, Ärmelschoner und Handschuhe, so die Gutachterin. „Die Mitarbeiter wechseln bei jeder neuen Probe jedes Mal die Handschuhe“, sagt sie. Wenn das aber nicht passiere, sich die Person kratze und dann ein Beweisstück anfasse, reiche das für eine Kontamination.
Wenig DNA-Spuren an den Beweisstücken
Das Institut für Rechtsmedizin untersuchte sowohl Fundstücke aus dem Klosterwald Loccum, in dem Thijsens Leiche gefunden wurde, als auch Spuren von ihrem Auto und aus ihrer Wohnung. Auch die Farnzweige, mit denen Thijsens Körper bedeckt wurde, wurden analysiert, so die Leiterin. Kurz seien sie und ihre Mitarbeiterin aufgeregt gewesen, in den vertrockneten Zweigen hätten sie die Fingerkuppe eines blauen Latexhandschuhs gefunden. Aber dann: Keine DNA. Selbst am gefundenen BH habe es keine Spur gegeben. Das Problem scheint vor allem die Umgebung zu sein: „Das ist häufig so, wenn Sachen draußen liegen“, erklärt die Leiterin der Forensischen Genetik.
Eine Spur führt zu Jörg N.
Und dann gab es sie schließlich doch, die eindeutige Fremd-DNA: Ein zerknülltes Kaugummipapier mit Blutspuren, das im Klosterwald gefunden wurde. Daran fanden die Mitarbeiter „relativ viel DNA von einer männlichen Person“, sagt die Gutachterin. Das blau-weiße Kaugummipapier war bei den Ermittlungen zunächst als Fundstück zu den Akten gewandert und wurde erst nach Monaten untersucht.
Nach einer Analyse sei dann die Nachricht vom Landeskriminalamt Niedersachsen gekommen: Es habe einen Treffer in der Datenbank gegeben, die Einzelspuren stammten mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu 14,5 Quadrillionen mit der DNA von Jörg N. überein, der zum Zeitpunkt des Mordes Freigänger im Maßregelvollzug in Bad Rehburg war.
Die Rechtsmediziner untersuchten seine Sachen: Arbeitshandschuhe, Schuhe und Armbanduhr - alles trug die DNA von Jörg N., nichts die von Judith Thijsen. In ihrem Auto finden die Mitarbeiter DNA-Spuren ihres Vaters, der bei den ersten Ermittlungen ebenfalls verhört wurde. Den Kofferraum hat eine unbekannte Person geöffnet - doch Spuren von Jörg N. sind und bleiben nur auf einem Beweisstück: Dem Kaugummipapier.