Klimawandel
Große Anlage soll Emden vor Überflutungen schützen
Der Emder Entwässerungsverband hat mit Umweltminister Lies über eine große Auffanganlage gesprochen, die die Stadt vor Überschwemmungen bewahren soll. Diese werden auch in Conrebbi-West befürchtet.
Emden/Pewsum - Als am Mittwoch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) die Pewsumer Zentrale der Deichacht Krummhörn und des 1. Entwässerungsverbands Emden besuchte, ging es nicht nur um Hochwasser am Meer, sondern auch um Regenmengen im Binnenland. Vor allem der Entwässerungsverbands-Vorsitzende Reinhard Behrends konfrontierte den Minister mit diesem Problem, das sich in den kommenden Jahrzehnten noch massiv verschlimmern soll. Das geht auch aus den Studien „Klever“ und „Klever-Risk“ der Universität Oldenburg hervor, an denen Behrends’ Verband teilnimmt beziehungsweise teilgenommen hat. Er sprach nun jedoch auch einen Lösungsvorschlag an, der gerade im geplanten Emder Großbaugebiet Conrebbersweg-West bei der Entwässerung helfen soll: den Pumpspeicherpolder.
Was und warum
Darum geht es: Conrebbersweg-West sollte einem Hochwasser-Experten zufolge besser nicht gebaut werden. Die Stadt Emden erklärt jedoch, warum das Projekt so wichtig für die Entwicklung ist.
Vor allem interessant für: Menschen, die in Emden einen Bauplatz suchen oder von Überschwemmungen betroffen waren oder in Zukunft betroffen sein werden.
Deshalb berichten wir: Wir sind bei einem Besuch von Olaf Lies in Pewsum auf ein für Emden gefordertes Entwässerungs-Bauprojekt aufmerksam geworden. Gleichzeitig erschien ein Medienbericht, in dem es um die mutmaßliche Hochwassergefahr in Conrebbi-West geht. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
In einem Bericht zu dem Klever-Projekt heißt es dazu, dass man durch ihn auf einzelne Regenrückhaltebecken verzichten könnte, durch die potenzielle Grundstücksflächen verschwinden. Stattdessen fließe das Wasser von den versiegelten Flächen in ein Vorflutsystem und wird dann in einen zentralen Polder hineingepumpt und dort zwischengespeichert. Auch bereits bestehende Siedlungen ohne eigene Rückhaltebecken könne man daran anschließen. Das Wasser könnte gegebenenfalls aufbereitet werden, bis es während einer Trockenzeit benötigt wird.
Entwässerungsverband hofft auf hohe Förderung
Behrends fragte Lies, inwieweit mit öffentlichen Mitteln für eine solche Anlage zu rechnen sei. Im Falle des Hochwasser-Rückhaltebeckens Querfurt (Sachsen-Anhalt) habe es immerhin auch eine „vollständige Förderung“ gegeben. Lies antwortete darauf, dass man noch schauen müsse, inwiefern das für diesen Pumpspeicherpolder möglich ist. Allgemein betrachtet gebe es aber schon Möglichkeiten, finanzielle Hilfe für Klimafolgenprojekte zu erhalten.
Dass das Regenwasser gerade auch in Conrebbersweg-West zum Problem werden könnte, befürchtet Dr. Helge Bormann von der Jade-Hochschule in Oldenburg. Der Wasserkreislauf-Experte (Hydrologe) erforscht Binnenhochwasser und hatte kürzlich auch in der ARD-Fernsehsendung „Panorama“ gesagt, dass er in Conrebbi-West nicht bauen würde, weil das Gelände zu tief liege und dadurch besonders gefährdet sei. Auch auf Nachfrage unserer Zeitung warnt er vor den Gefahren solcher Flächen.
Experte: „Die beste Technik kann überlastet werden“
„Natürlich gibt es technische Lösungen, die nach derzeitigem Wissen die Entwässerung mit hohem technischen Aufwand gewährleisten.“ Noch nie sei der Standard bei der Binnenentwässerung so hoch wie heute gewesen. „Aus unseren Studien wissen wir aber auch, dass die Hochwassergefahr durch den Klimawandel erheblich zunehmen wird, sowohl, weil der Meeresspiegel steigt, als auch, weil das Risiko durch Starkniederschläge steigen wird. Diese Risiken gilt es bereits heute bei allen langfristigen Planungen in den Blick zu nehmen.“ Immerhin könnte bei Extremwetter auch mal die beste Technik nicht mehr ausreichen oder einmal versagen, warnt der Wissenschaftler. Gleichzeitig weist er auf die Risiko- und Gefahrenkarten von Klever-Risk hin, die seiner Meinung nach als Grundlage für jede Bauplanung genutzt werden sollten. Immerhin sei auch die Stadt Kooperationspartner von Klever und Klever-Risk.
Der Hydrologe ist aber nicht der einzige, der den Bau von Conrebbi-West kritisch sieht, wo einmal Wohnraum für bis zu 350 Parteien entstehen soll. So wurde auch schon eine Bürgerinitiative gegründet, die nun auf Nachfrage an Christian Nützel verweist. Auch er wohnt in dem bereits bestehenden Stadtteil Conrebbersweg und wird als Mitglied der Grünen in den neuen Emder Rat einziehen. Wie er unserer Redaktion sagt, habe es auch schon in Conrebbersweg alleine in diesem Jahr mehrfach Probleme mit der Entwässerung gegeben. Mehrere Straßenzüge hätten unter Wasser gestanden, betont er. Dazu komme, dass es sich um die „letzte größere zusammenhängende Fläche der ehemals für Emden charakteristischen Feuchtwiesen“ handele. Naturschutzfachliche Gutachten hätten zudem ergeben, dass mehr als 95 Prozent der überplanten Fläche schützenswert sei. Es seien auch bedrohte Vogel- und Fledermausarten, Fische und Pflanzen nachgewiesen worden. Aus diesen Gründen setzten sich die Grünen dafür ein, die weiteren Bauplanungen zu verhindern, so Nützel.
Stadt betont wichtige Rolle des Baugebiets
Eduard Dinkela, Sprecher der Stadt Emden, betont indes, dass es sich bei Conrebbi-West um „eine nachhaltige Stadtentwicklungsstrategie am Leitbild der Stadt der kurzen Wege“ handle. Das Baugebiet liege zentral und ermögliche es den Bewohnern, viele Stellen leicht zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen, was gut für die CO2-Bilanz sei. Im Bebauungsplan seien zudem Solaranlagen vorgeschrieben. Heizungen, die mit Brennstoffen wie Gas arbeiten, seien verboten. Gleichzeitig könne man durch mehr Wohnraum die Zahl der Pendler senken und der rückläufigen Bevölkerungszahl entgegenwirken.
Es gebe nun mal in Emden keine geeigneten höher gelegenen Flächen mehr. Die ganze Stadt liege in einer Niederung (unter Normalnull). Dafür sei sie flach, was im Falle von Starkregen für weniger Risiko als in den Bergen sorge. Auch gebe es breite Entwässerungskanäle und leistungsfähige Schöpfwerke. Künftig werde man weitere Regenrückhalteflächen schaffen und schon jetzt analysiere man die Regenmengen im Rahmen der Entwässerungsplanung, so Dinkela weiter.
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