Frankfurt (Main)

Warum Hansi Flick endlich mal verlieren muss

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 12.10.2021 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wie lange hält sie noch, die Siegesserie von Hansi Flick? Foto: dpa/Federico Gambarini
Wie lange hält sie noch, die Siegesserie von Hansi Flick? Foto: dpa/Federico Gambarini
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Unter Hansi Flick legte die deutsche Nationalmannschaft eine fulminante Siegesserie hin. Damit Fans und Team auf dem Boden bleiben, sollte der neue Bundestrainer auch mal ein Spiel verlieren, meint Kolumnist Udo Muras.

Viel schöner kann eine Woche doch gar nicht beginnen. Die Geschichte kennt den schwarzen Freitag, als alle Börsen dieser Welt zusammenkrachten, aber wir Deutschen haben nun exklusiv den goldenen Montag, an dem uns unser Hansi im Glück zur nächsten WM führte. 4:0 in Nordmazedonien, wo noch nicht viele gewonnen haben. Katar, wir kommen. Ab in die Wüste - und das als erste Auswahl aus einem Kandidatenfeld von rund 200 Mannschaften. 

Wir sind wieder wer! Vergessen die Schmach der letzten WM, das 0:6 gegen Spanien und das Achtelfinalaus bei der jüngsten EM, als wir nicht mal gegen England gewinnen konnten. Seit Jogi Löw durch seinen einstigen Assistenten Hans-Dieter Flick abgelöst wurde, läuft es wieder. Fünf Spiele, fünf Siege. Wenn wir einem zutrauen aus zehn Spielen elf Siege zu holen, dann dem Sextuplegewinner mit den Bayern, die noch merken werden, wen sie da haben gehen lassen. Vielleicht schon in zwei Wochen, wenn sich ihr angehender Titelhamster Julian Nagelsmann im Pokal in Gladbach die Zähne ausbeißen sollte. Aber das nur am Rande.

Super-Hansi, Super-Bayernblock, Super-Bubis

In der Nationalmannschaft steht jedenfalls alles wieder zum Besten, selbst Chancentod Timo Werner trifft unentwegt, Thomas Müller macht wieder die einfachen Tore, die er nach Jogis Misstrauensvotum nicht machte, und in der Abwehr kann sowieso spielen wer will - wir schießen immer mehr Tore als der Gegner. Der Fundus an Talenten ist unerschöpflich, wer da was anderes behauptet ist kein Patriot. Unsere Scouts finden schließlich überall auf der Welt noch Deutsche oder solche, die es gerne sein möchten und gut begründen können.

So wie einst Shkodran Mustafi aus dem Nichts in den Weltmeisterkader 2014 stieß, erfreuen wir uns nun eines Österreichimports namens Adeyemi, der noch in keinem Bundesligasonderheft stand, aber schneller als sein Schatten ist - und den können wir noch locker zehn Jahre bewundern. Ebenso einen Jamal Musiala und Florian Wirtz. Super-Hansi, Super-Bayernblock, Super-Bubis - also mir ist nicht bang. Es gibt nur ein Problem - diese hübsche Siegesserie muss aus strategischen Gründen ein Ende haben.

Wer ganz nach oben will, sollte von unten kommen

Ich wünsche Hansi Flick von ganzem Herzen eine Niederlage. Vielleicht nicht gleich im November gegen Liechtenstein, aber doch rechtzeitig vor der WM. Sonst fangen die Deutschen alle an noch stärker durchzudrehen als meine Wenigkeit. Wer ganz nach oben will, sollte von unten kommen, alles andere wäre ein Abstieg. Mit jedem Erfolg aber steigen die Erwartungen, bis sie im Unermesslichen angelangt sind. 

Ich darf nur an den seligen Jupp Derwall erinnern, der blieb die ersten 23 Spiele ungeschlagen, wurde auf Anhieb Europameister und konnte danach eigentlich nur noch Weltmeister werden. Wurde er nicht, 1:3 im Finale 1982 gegen Italien. Als ausgebuhtester Vizeweltmeister aller Zeiten kehrten sie aus Spanien zurück. Franz Beckenbauer hat es da geschickter angestellt. Der Kaiser verlor gleich sein erstes Spiel, wie übrigens auch im Falle Derwall erledigten das die Argentinier, und durfte unwidersprochen sagen: „Wenn's ein Zauberer wollt, müsst ihr euch einen beim Cirkus Krone suchen.“

Der DFB braucht die Dänen

Er konnte sich so einen Spruch leisten, weil er halt der Kaiser war und von einflussreichen Medienschaffenden geschützt wurde, wie übrigens auch ein Rudi Völler. Der wurde zwar nach drei Startsiegen schnell zu „Rudi Riese“ gemacht, verlor dann aber clever den unbedeutenden Test gegen Dänemark 1:2. Der Gegner war immerhin klein genug, um als Fan enttäuscht zu sein, alle blieben am Boden und die folgenden Jahre wurden nicht mit unerfüllbaren Erwartungen überfrachtet. Schon Sepp Herberger und Helmut Schön fingen sieglos an, heute haben sie beim DFB Sitzungssäle nach ihnen benannt - denn sie wurden wie dann der Kaiser Weltmeister. 

Der Vierte im Bunde ist Jogi Löw, dessen Startsiegrekord Flick unvorsichtigerweise jetzt eingestellt hat. Löw streute dann im sechsten Spiel ein 1:1 auf Zypern ein und im achten die erste Niederlage. Wieder war es ein Test gegen die Dänen, die der DFB schleunigst mal fragen sollte ob sie vor November 2022 noch einen Termin frei hätten.

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