Porträt
Nach 30 Jahren geht er – ernüchtert und enttäuscht
Ulrich Kötting hat 30 Jahre lang dem Auricher Rat angehört. Nun geht der 68-Jährige ohne einen Hauch von Abschiedsschmerz. Und teilt gegen den Bürgermeister und andere Ratsmitglieder aus.
Aurich - Was bleibt nach 30 Jahren Kommunalpolitik? Bei dem Auricher Ratsherrn Ulrich Kötting sind es Enttäuschung und Ernüchterung. Der Abschied fällt dem Fraktionschef der Wählergemeinschaft Grün-Alternative Politik (GAP) „immer leichter“, wie er im Gespräch mit der Redaktion sagt. An der letzten Ratssitzung der Wahlperiode an diesem Donnerstag nimmt er aus Termingründen nicht teil.
Sichtlich bewegt, mit bebender Stimme, hatte der pensionierte Richter in der Ratssitzung Mitte September mit denjenigen abgerechnet, die gegen sein Anliegen gestimmt hatten. Kötting hatte Prozesskostenhilfe von der Stadt Aurich verlangt, damit er sich juristisch gegen ehrverletzende Behauptungen des Video-Bloggers Stefan Dunkmann (Aurich.TV) zur Wehr setzen kann. Mit diesem Ansinnen war er gescheitert. „Ich bin wirklich tief enttäuscht“, sagte er damals. „Heute gehen Freundschaften zu Ende.“ Mit vier Wochen Abstand nimmt er davon nichts zurück, obwohl er diesmal entspannt in seinem Wintergarten in Sandhorst sitzt und Tee trinkt.
„Er mogelt sich durch“
„Da ist etwas zerbrochen“, sagt Kötting. Im Laufe des Gesprächs wird deutlich, dass der Frust tiefer sitzt. Seit Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) im Amt sei – also seit knapp zwei Jahren –, habe sich die Stimmung im Rat stetig verschlechtert. Der Bürgermeister könne seine Aufgaben nicht bewältigen, behauptet Kötting. „Er mogelt sich durch.“ Wenn es nach ihm ginge, würde man in Niedersachsen wieder die Zweigleisigkeit einführen, sagt der 68-Jährige. Früher gab es einen Stadtdirektor als Chef der Verwaltung und einen ehrenamtlichen Bürgermeister als politischen Repräsentanten. „Diese Aufgabenteilung war ideal.“ Das heutige System sei falsch, meint Kötting. „Das hört sich gut an: Wir wählen unseren Bürgermeister direkt. Aber man kann da nicht irgendjemanden reinsetzen.“ Bestimmte Qualifikationen seien unerlässlich.
Da klingt auch die Wahlniederlage von 2019 durch. Damals hatten SPD, CDU und GAP den Ersten Stadtrat Hardwig Kuiper für die Bürgermeisterwahl nominiert. Der vermeintliche Außenseiter Feddermann gewann haushoch. Kötting, der 2014 selbst als Bürgermeister kandidiert und verloren hatte, kann sich Kuipers Niederlage bis heute nicht erklären. „Wir waren fest davon überzeugt, dass es richtig war, das so zu machen.“
„Wir wollten Klimapolitik machen“
Auch die häufig geäußerte Kritik an der Auricher Finanzpolitik weist Kötting zurück. Das Geld sei sinnvoll investiert worden. „Wer hat solche Feuerwehren wie wir?“ Das umstrittene Energie-, Bildungs- und Erlebniszentrum (EEZ) in Sandhorst sei ein außerschulischer Lernort, der in Ostfriesland seinesgleichen suche. Schüler, die dort Physik- und Chemie-Unterricht hätten, seien begeistert. Solche wissenschaftlichen Angebote seien gerade für ländliche Regionen wichtig.
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Kötting steht auch für die gescheiterten Stadtwerke. Er war von Anfang an Aufsichtsratsvorsitzender. Die Stadt und der Windenergieanlagenhersteller Enercon hatten die Stadtwerke gegründet, um Aurich mit erneuerbarer Energie aus dem eigenen Netz zu versorgen und damit Geld zu verdienen. Doch immer wieder verhinderte es der Oldenburger Energieversorger EWE mit juristischen Mitteln, dass die Stadt die Nutzungsrechte für die Netze (Konzessionen) den Stadtwerken überlässt. Dennoch ist Kötting von der Grundidee bis heute überzeugt: „Wir wollten Strom hier herstellen und hier verbrauchen.“ Damit wäre die Vision des Enercon-Gründers Aloys Wobben Wirklichkeit geworden. „Wir wollten Klimapolitik machen. Genau das, was jetzt gefordert wird.“ Gescheitert sei das Ganze, weil der Verwaltungsausschuss – bestehend aus Ratsmitgliedern – keine fehlerfreie Ausschreibung der Netze hinbekommen habe. Der beauftragte Berater habe „so was von versagt“.
„Meine politische Sternstunde“
In die Politik kam Kötting Mitte der 1980er Jahre. Damals kämpfte er mit einer Bürgerinitiative und mit den Grünen dafür, den Busbahnhof (ZOB) nicht am Pferdemarkt, sondern am früheren Bahnhof zu bauen – letztlich vergebens. Noch heute schwärmt er von einer Demo mit 4000 Menschen, die er angeführt habe. „Das war meine politische Sternstunde.“ Wegen des Jugoslawien-Kriegs verließ Kötting in den 1990er Jahren die Grünen und gründete 1999 die GAP. Nun nimmt er Abschied von der Politik. „Jetzt müssen einfach mal jüngere Leute ran.“
Auch ohne Politik werde er sich nicht langweilen, sagt der Vater von vier Kindern und mehreren Pflegekindern. Er engagiert sich unter anderem für die Lebenshilfe, die Kirche und die Deutsch-Israelische Gesellschaft. Kötting stammt aus Münster. Da es in Nordrhein-Westfalen Anfang der 1980er Jahre in der Justiz einen Einstellungsstopp gab, bewarb er sich in Niedersachsen und in Schleswig-Holstein. Als er ein Angebot aus Aurich bekam, griff er sofort zu. Somit konnte er dort arbeiten, wo er früher Urlaub gemacht hatte. „Ich wusste gleich, dass es für immer ist.“