Osnabrück
Sally Rooney: Literatur als Druckmittel einer autoritären Moral
Skandal um Sally Rooney: Die irische Bestsellerautorin will ihr neues Buch nicht ins Hebräische übersetzen lassen, unterstützt offen die antiisraelische Kampagne BDS. Ein Zeichen für Antisemitismus?
„Schöne Welt, wo bist Du?“: So lautet der nun unfreiwillig sprechende Titel des neuen Romans von Sally Rooney. Er wird, wie ihre anderen Erfolgstitel, in vielen Sprachen erscheinen. Nur das Hebräische wird fehlen. Rooney will dem israelischen Modan-Verlag die Rechte an der Übersetzung nur einräumen, wenn der die Richtlinien der Israel-Boykott-Bewegung BDS anerkennt. Rooney kämpft für die schöne neue Welt, in der auch Palästinenser gleichberechtigt leben sollen. Ein Ziel, das jede Unterstützung verdient. Aber der Einsatz für die Freiheit ist unglaubwürdig, wenn er sich mit dem Zwang und dem Ultimatum Mitteln der Unfreiheit bedient. Hier weiterlesen: Sexismus-Skandal um Sally Rooney.
Offener Antisemitismus?
Kritiker der 30 Jahre alten irischen Autorin gehen noch weiter und werfen ihr offenen Antisemitismus vor. Rooney macht es ihnen leicht. Sie bekennt sich unumwunden zur Bewegung Boycott, Divestment and Sanctions, kurz BDS. Die von vielen Künstlern und Intellektuellen unterstützte Bewegung kämpft für die Rechte der Palästinenser, indem sie versucht, Israel politisch und kulturell zu isolieren. Die Einladung der schottischen Rockband Young Fathers, die sich ebenfalls zu BDS bekennt, zur Ruhrtriennale sorgte 2018 für einen kulturpolitischen Skandal.
Verlag unter Druck
Nun ist Kritik an der israelischen Regierung und ihrem Umgang mit den Palästinensern nicht sofort antisemitisch. Rooney allerdings geht gezielt ruppig gegen den Modan-Verlag vor, hat aber kein Problem mit Übersetzungen ihrer Bücher, die in Ländern erscheinen, in denen es mit der Freiheit nicht so genau genommen wird. Wenn es um Menschenrechte geht, misst die Autorin mit zweierlei Maß.
Aggression gegen Juden
Außerdem fällt ihr publizistisch wirksamer Auftritt in eine Zeit, in der hässliche Judenfeindlichkeit wieder Konjunktur hat. Ob der Musiker Gil Ofarim, der unlängst wegen eines Davidssterns an der Kette in einem Leipziger Hotel nicht einchecken durfte oder der Anschlag auf die Synagoge von Halle 2019 - bei aller Unterschiedlichkeit der Ereignisse markieren doch beide, wie erschreckend selbstverständlich der Hass gegen Juden geworden ist. Ausgerechnet Sally Rooney, eine Autorin, die über ganz „Normale Menschen“, ihr Leben und Lieben schreibt, hat für so viel Menschenfeindlichkeit keinen Sensus. Allein der Verdacht, sich mit Antisemiten gemein zu machen, wirkte früher anstößig. Diese Wirkung hat sich abgeschwächt. Bei Rooney offenbar auch.
Unrecht gegen die Literatur
Das größte Unrecht tut sie jetzt allerdings ihrem Medium an - der Literatur. Die Freiheit des Wortes verträgt sich nicht mit Knebelverträgen, wie sie Rooney dem israelischen Verlag zugemutet hat, auch nicht mit Aufforderungen zu Wohlverhalten und politischer Linientreue, die nicht zu freien Gesellschaften passen, wohl aber zu autoritären Regimen. Im gleichen Moment, in dem der Friedensnobelpreis an die Journalisten Maria Ressa und Dimitri Muratow geht, die auf den Philippinen und in Russland gegen autokratische Regime kämpfen, macht Rooney aus ihrer Literatur ein Mittel autoritärer Selbstinszenierung. Was für ein Missgriff.
Kassiber des freien Wortes
Boykott oder Zusammenarbeit? Das war immer die kritische Frage beim Umgang mit Unterdrückung und Unfreiheit. Die Boykottaktionen gegen die damaligen Apartheidstaaten Rhodesien und Südafrika lieferten die Exempel für die eine Strategie, Willy Brandts Ostpolitik das Musterbeispiel für eine Annäherung, des es darum ging, mit dem Gespräch einen allmählichen Wandel zu erreichen. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs waren literarische Texte die Kassiber des freien Wortes, von Hand zu Hand weitergereicht, von Mund zu Mund weitererzählt. Am Ende fiel die Mauer. Und heute? Gibt es nicht auch in Israel viele Menschen, die sich eine andere Politik ihrer Regierung gegenüber den Palästinensern wünschen? Genau da kann Literatur etwas bewegen. Aber Sally Rooney pfeift darauf.