Kultur
Das Emder Hafenleben pulsiert jetzt mitten in der Stadt
Eine Foto-Schau aus Vergangenheit und Gegenwart des Hafens und der Menschen, die dort arbeiteten oder heute tätig sind, ist auf der Neutorstraße zu sehen. Warum sie ins Herz vieler Emder trifft.
Emden - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Stadt Emden Emden lagen selten zuvor so dicht beieinander: Eine in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Foto-Ausstellung macht es möglich. Mitten in der Stadt, auf einer der belebtesten Straßen und unter freiem Himmel erreicht sie einen doppelten Zweck auf einmal: Die Schau auf macht gleichermaßen die Entwicklung des Hafens in den vergangenen 70 Jahren als auch den Wandel der Innenstadt, die sich gerade neu erfindet, sichtbar und erlebbar.
Was und warum
Darum geht es: Im Stadtzentrum von Emden ist jetzt unter freiem Himmel eine Foto-Ausstellung aus 70 Jahren Emder Hafengeschichte zu sehen.
Vor allem interessant für: Emder, die mit dem Emder Hafen verbunden sind oder sich für seine Gegenwart und Geschichte interessieren, Besucher der Stadt sowie diejenigen, die sich für Maritimes und die Entwicklung von Innenstädten interessieren.
Deshalb berichten wir: Die Ausstellung ist am Sonnabend eröffnet worden. Wir haben aus diesem Anlass mit den Initiatoren und Machern gesprochen. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
„HafenMenschen“ haben der erst 20 Jahre alte Fotograf und Videofilmer Tobias Bruns sowie der Kulturschaffende Edzard Wagenaar diese Freiluft-Ausstellung auf der gegenwärtig ungenutzten Fahrbahn der Neutorstraße im Schatten des alten Rathauses überschrieben. Die beiden Emder sind die Initiatoren dieses Projekts der städtischen Tochter-Gesellschaft Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing. Es kam mit Unterstützung der Hafenförderungsgesellschaft und der Sparkasse zustande.
Archiv umfasst etwa 70.000 Fotos
Die Idee dazu entstand, als Wagenaar und Bruns im Frühjahr auf den Nachlass des Emder Fotografen Ludwig Schuhmacher (1919-1980) aufmerksam wurden. Schuhmacher, der von 1946 an als technischer Betriebsleiter bei der Emder Elevator-Gesellschaft im Hafen tätig war und 1962 – zur Blütezeit des Massengutumschlags – als Inspektor zur Westfälischen Transport-Actien-Gesellschaft (WTAG) wechselte, dokumentierte mit der Kamera den Alltag im Emder Hafen und die Menschen, die dort arbeiteten.
Er hinterließ ein Archiv mit rund 70.000 Fotos, an dessen Aufbereitung sein Sohn Manfred Schumacher seit etwa zehn Jahren arbeitet. Der 66-Jährige gebürtige Emder, der in seiner Kindheit und Jugend seinen Vater oft in den Hafen begleitete, lebt heute in Hamburg.
Dialog von Vergangenheit und Gegenwart
Die Ausstellung stellt Arbeiten von Ludwig Schumacher denen von Tobias Bruns gegenüber. Der 20-Jährige hat eine Affinität zu Schiffen und ist seit Jahren ein ambitionierter Fotochronist des heutigen Hafenlebens. Die großflächigen Arbeiten beider Fotografen treten sozusagen in einen Dialog und ermöglichen eine Begegnung mit 70 Jahren Hafengeschichte und den Menschen, die den Hafen bis heute prägen. „Wir waren zum Teil überrascht, wie gut die Fotos von damals und heute zusammenpassen, inhaltlich und fotografisch“, sagt Bruns.
Ein Großteil der Aufnahmen ist noch nie gezeigt worden. Dazu gehören Bilder von Hafenarbeitern in den Laderäumen von Massengutfrachtern, Lotsen auf der Jakobsleiter und an Bord von einlaufenden Schiffen, Werftbeschäftigte, die einen Stapellauf verfolgen, Festmacher, Schlepperbesatzungen, die Autoverladung damals und heute oder Luftbilder vom Hafen in den 1950er Jahren und heute, die aus derselben Perspektive aufgenommen wurden.
Hafen rückt in die Mitte der Stadt
Sinnbildlich für den Wandel steht auch das Bild aus dem Schumacher-Archiv von einem Ausflug an die Westmole, der früher für viele Emder Familien ein sonntägliches Ritual war. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA ist das nicht mehr möglich, weil weite Teile des Emder Hafens zu Sicherheitszonen erklärt wurden und deshalb nicht mehr öffentlich zugänglich sind.
Deshalb freue es ihn besonders, dass der Hafen jetzt wieder in die Mitte der Stadt rücke, sagt Jan Remmers, Aufsichtsratsvorsitzender der Emder Hafenförderungsgesellschaft und Chef der Emder Anker-Schifffahrts-Gesellschaft, der selbst seit 40 Jahren im Hafen arbeitet. Er könne die Initiatoren dazu „nur beglückwünschen“, denn der Hafen sei „das, „was uns alle miteinander verbindet“.
Aufnahmen treffen ins Herz der Emder
Die Bilder treffen das Herz vieler Emderinnen und Emder, die selbst oder deren Väter, Großväter, Freunde, Nachbarn oder Verwandte mit dem Hafen und den Werften verbunden sind oder waren. Das zeigt sich schon an den ersten Tagen der Ausstellung: Die Menschen versammeln sich vor den Fotos, erzählen sich Geschichten und erinnern sich.
Solche Geschichten will die Projektleiterin und Innenstadt-Koordinatorin Martje Merten jetzt sammeln und dokumentieren. Denn die Schau, die zunächst bis zum Jahresende in der Neutorstraße zu sehen sein wird, soll keine Eintagsfliege sein. Vielmehr soll sie weiterentwickelt und ergänzt erweitert sowie an anderen Stellen der Stadt und zu maritimen Anlässen gezeigt werden. „Es gibt noch ganz viele Ideen, die wir umsetzen wollen“, sagt Oberbürgermeister Tim Kruitthoff (parteilos).
Für Martje Merten ist die Ausstellung auch „der erste Aufschlag, Kultur im öffentlichen Raum barrierefrei und für alle erlebbar zu machen“. Es sei „ein Beispiel dafür, wie wir uns die Innenstadt der Zukunft vorstellen“. Obwohl es bei der Eröffnung niemand öffentlich aussprach, ist die Schau auf der Einkaufsstraße damit wohl auch ein Statement für eine autoarme City und damit für die gegenwärtig heftig umstrittenen Verkehrsexperimente im Stadtzentrum.
Kontakt: Martje Merten, Telefonnummer: 0 49 21 / 9 97 52 12, E-Mail: m.merten@wfs-emden.de