Bielefeld/Münster
Nicole Eisenman und ihr Manifest für Diversität und Toleranz
Nicole Eisenman - die einen entspannt sie, die anderen regt sie auf. Woran liegt das? Die Nagelprobe auf Toleranz und Diversität gibt es in Münster und Bielefeld.
Sie recken sich, fläzen sich am Brunnenrand, hängen ab. Sympathische Nichtstuer. Trotzdem besprüht man sie mit Farbe, bemalt sie mit einem Hakenkreuz, bricht ihnen die Nasen ab. Nicole Eisenmans Brunnenanlage „Sketch for a Fountain“ ist bei den Skulptur Projekten 2017 in Münster beides zugleich: Publikumsliebling und Reizfigur. Nach dem Ausstellungsprojekt zunächst wie fast alle Werke wieder abgebaut, ist Eisenmans Brunnen jetzt neu errichtet und mit ihm ein Kunstwerk für Diversität und Toleranz, wie die Initiatoren finden. Der Grund: Eisenman hat die Brunnenfiguren ohne klar erkennbare geschlechtliche Identität konzipiert. Unerträglich für die Hakenkreuzschmierer? Hier weiterlesen: Das Kunstwerk des Anstoßes - Brunnen von Nicole Eisenman wird wieder errichtet.
Westfälische Fernbeziehung
Während die Bürgerinitiative „Dein Brunnen für Münster“ die Rückkehr des Kunstwerkes an seinen prominenten Standort im Promenadengürtel der Stadt feiert, bietet die Kunsthalle Bielefeld Gelegenheit, sich eingehender mit Eisenmans Kunst und ihrer Philosophie zu beschäftigen. Die Präsentation mit dem eigenwilligen Titel „Köpfe, Küsse, Kämpfe. Nicole Eisenman und die Modernen“ kann dabei wie die Hintergrundfolie zur Brunnenanlage von Münster gelesen werden - als westfälische Fernbeziehung sozusagen. 80 Werke von Eisenman, dazu Bilder der Moderne von Max Beckmann bis Vincent van Gogh bilden ein Panorama, das zu schauen und vor allem zu denken gibt. Hier weiterlesen: Was ist aus den Skulptur Projekten geworden? Eine Radtour mit der Kuratorin.
Grenze der Identität
Die 1965 geborene Amerikanerin Eisenman versteht sich als Künstlerin auf der Grenze von Identitäten. Die androgyn wirkende Künstlerin spricht von sich selbst als „They“ und nicht als „She“, signalisiert damit, dass sie sich nicht festgelegt sehen will auf eine eindeutige Identität. Eine Frau zwischen Sex und Gender, eine Künstlerin zwischen Moderne und 21. Jahrhundert - Eisenman dekliniert die Varianten jener Suche nach Identitäten durch, die derzeit ganze Gesellschaften in Bewegung setzen: mit Gender-Stern und Lgbt-Bewegung. Entsteht dadurch Freiraum oder Stress? Die Frage nach geschlechtlicher Identität fordert Gewissheiten heraus - und Reaktionen eines neuen Rechtskonservatismus, der nach Sicherheiten sucht, wo keine mehr sind. Hier weiterlesen: Was sind die Skulptur Projekte? Ein Kunstformat in Frage und Antwort.
Sucherin im eigenen Bild
In Bielefeld hat Kunsthallen-Direktorin Christina Végh die Werke Eisenmans klug mit den Positionen der Moderne konfrontiert. Diese Bilder kommen aus der eigenen Sammlung oder aus den Beständen der Häuser, die für die Schau mit der Kunsthalle kooperieren: Aargauer Kunsthaus in Aarau, Fondation Vincent van Gogh in Arles und Kunstmuseum Den Haag. Die Bilder aus zwei Jahrhunderten spiegeln die Suchbewegungen Eisenmans, die in ihrer Kunst Zitate montiert und sich selbst inszeniert, als Künstlerin, die zur Sucherin in ihren eigenen Bildern avanciert. So sitzt sie als einsame Malerin in der Atelierbarke, die auf einem namenlosen Ozean dahintreibt, oder als triste Trinkerin in einem Biergarten. Durch solche Bildwelten geistern phosphoreszierend die Bildwelten von Auguste Renoir oder Edvard Munch und ihrer Träume von einer Moderne, die befreien sollte.
Starrer Blick aufs Handy
Eisenman mischt Witz und Tristesse, Spuk und Wirklichkeit - mit ihrem „Guy Capitalist“, der zwei Münzen als Pupillen hat, mit ihrem „Night Studio“, auf dem ein Paar zwischen Kunstbänden liegt, oder mit ihrem „Beer Garden“, von dessen Vordergrund ein Mann mit Handy starr auf den Betrachter blickt. Die Künstlerin ist eine Meisterin des Dazwischen. Sie bewährt sich damit auch in der Konzeption ihrer Brunnenanlage in Münster. Stadt und Sponsoren brachten die Mittel für die Wiedererrichtung auf. Bei der Wahl des Materials hat es einen bezeichnenden Schwenk gegeben. Stein statt Plastik, Aluminium statt Gips. So sollen die Figuren resistenter sein - wohl auch gegen rechte Vandalen und Hakenkreuzschmierer. Alle anderen wird die Brunnenanlage freuen, wenn sie an ihr mit dem Rad auf der Promenade vorbeifahren oder sich für einen Moment selbst ins Gras legen und so chillen und flätzen wie Eisenmans Skulpturen am Brunnenrand.
Bielefeld, Kunsthalle: Nicole Eisenman. Köpfe, Küsse, Kämpfe. Nicole Eisenman und die Modernen. Bis 9. Januar 2022. Di., Do., Fr., So., 11-18 Uhr, Mi., 11-21 Uhr, Sa., 10-18 Uhr. Zur Information über die Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld geht es hier.