Verkehrsdebatte

Verkehr in Emden: Handel spricht nicht mit einer Stimme

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 18.10.2021 18:46 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Neue Wege in der Innenstadt: Auf der Neutorstraße haben Fußgänger und Radfahrer jetzt Vorrang. Foto: Päschel/Archiv
Neue Wege in der Innenstadt: Auf der Neutorstraße haben Fußgänger und Radfahrer jetzt Vorrang. Foto: Päschel/Archiv
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Der Einzelhandelsverband signalisiert dem Emder Oberbürgermeister „volle Unterstützung“ bei den Verkehrsexperimenten. Die Werbegemeinschaft übt hingegen scharfe Kritik an dem Vorgehen.

Emden - Der Einzelhandel in Emden bewertet die gegenwärtigen und heftig umstrittenen Verkehrsexperimente in der Innenstadt unterschiedlich. Während der Einzelhandelsverband Ostfriesland der Stadt und Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) volle Rückendeckung bei deren Strategie signalisiert, äußert sich die Werbegemeinschaft „Schaufenster Emden“ sehr kritisch.

Was und warum

Darum geht es: Die Verkehrsexperimente in der Emder Innenstadt bleiben das Gesprächsthema Nummer eins in Emden.

Vor allem interessant für: Bewohner und Verkehrsteilnehmer in Emden sowie Einzelhändler und alle anderen, die sich für die Zukunft der Innenstädte interessieren.

Deshalb berichten wir: In der Diskussion um die Verkehrsführung im Stadtzentrum haben sich schon viele zu Wort gemeldet. Nur der Einzelhandel hat sich bislang noch nicht klar positioniert. Wir haben deshalb einige Funktionäre der Branche nach deren Bewertungen gefragt.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

„Herr Kruithoff hat unsere volle Unterstützung“, sagt Johann Doden. Der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes findet es gut, „dass jetzt experimentiert wird“. So könne man sich ein Bild und ein Urteil davon machen. Auch der Zeitpunkt sei trotz der gesperrten Trogstrecke richtig, weil nicht noch mehr Zeit verloren gehen dürfe, die Innenstadt zu erneuern. Beim Einzelhandelsverband sei bislang auch keine einzige Beschwerde von Händlern über die gegenwärtige Situation eingegangen.

„Keiner will das Auto verdammen“

Doden sieht die einspurige Verkehrsführung in der Neutorstraße als ersten Schritt eines Prozesses, dessen Ziel ein lebendiges Stadtzentrum mit einer hohen Aufenthalts- und Erlebnisqualität sei. Es sei „wichtig, dass dieser Prozess jetzt in Gang gebracht wird“. In diesem Zusammenhang stehe auch das Parkraum-Konzept der Stadt mit mehreren Parkdecks beziehungsweise -häusern an den Zufahrten zur Innenstadt. Doden: „Keiner will das Auto verdammen“.

Damit ist der Einzelhandelsverband ganz auf der Linie von Kruithoff, der die Vision der „Erlebnisstadt“ immer wieder propagiert. Doden ermutigte den OB, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Dass es dabei hier und da ruckele, gehöre mit dazu. „Ein bisschen mehr Ruhe und Bedacht“ seien jetzt angebracht, sagt Doden angesichts der Protestwelle, die Kruithoff vor allem in den sozialen Medien entgegenschlägt.

Verband will am Ende mitreden

Gleichwohl besteht der Funktionär darauf, dass am Ende der Versuche Bilanz gezogen und betrachtet wird, was gut und was schlecht gelaufen ist. Bevor Entscheidungen getroffen werden, müssten auch die Politik und die Interessensverbände eingebunden werden.

Sehr kritisch bewertet hingegen Wilhelm Eilers die Verkehrsexperimente. Er ist Chef der Werbegemeinschaft Schaufenster Emden, die ebenfalls die Interessen des Einzelhandels in der Innenstadt vertritt. Nach seinen Beobachtungen herrscht im Stadtzentrum zurzeit „Chaos pur“. Das habe er mehrfach auch bei eigenen Fahrten zu spüren bekommen. „Eigentlich kann man nur noch das Fahrrad nehmen“, so Eilers. Viele trauten sich schon gar nicht mehr, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren.

Eilers: Handel leidet darunter

Die katastrophale Verkehrssituation in der Innenstadt bekomme mittlerweile auch der Einzelhandel zu spüren. „Nach meinem Eindruck leidet er darunter“, sagt der Vorsitzende der Werbegemeinschaft. Denn die gegenwärtige Verhältnisse vergraulten die Kunden. Das geschehe in einer Phase, in der sich der Handel gerade erst ein wenig von den Auswirkungen der Corona-Pandemie erhole.

Der Zeitpunkt für die Einbahnstraßen-Regelungen in der Neutorstraße und in der Friedrich-Ebert-Straße ist nach Auffassung von Eilers auch deshalb falsch gewählt, weil derzeit die Trogstrecke der Südumgehung gesperrt und der Verkehr deshalb zusätzlich belastet wird: „Man kann nicht alles auf einmal machen.“

Kritik an Parkhaus-Beschilderung

Grundsätzlich befürworte er Versuche dieser Art, so Eilers. In diesem Fall seien sie allerdings „im Hauruck-Verfahren“ und „holterdiepolter“ umgesetzt worden, ohne dass es ein Konzept und dessen Ziel erkennbar seien, so der Schaufenster-Chef. Er hätte sich gewünscht, dass die Bevölkerung und der Innenstadt-Handel vorab eingebunden und das Konzept vorgestellt worden wäre.

Eilers bemängelte auch das Parkplatz-Angebot in der Innenstadt. Es sei derzeit zu gering, weil auch viele Touristen direkt ins Zentrum fahren. Die Wegweisung zum Parkhaus am Wasserturm zeige nämlich schon seit Tagen nicht mehr an, wie viele Stellplätze im Parkhaus noch frei sind. Hinzu komme, dass auch die elektronischen Anzeigetafeln, die an der Autobahn-Anschlussstelle Emden-Mitte in Harsweg stehen, seit Wochen nicht in Betrieb seien.

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