Porträt

Sauglücklich in Strackholt

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 19.10.2021 13:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Grunzend vor Glück lässt sich Rosalie von Maren Osterbuhr mit Brötchenresten füttern. „Sie kann unglaublich vorsichtig sein und macht mir mit der Schnauze sogar Reißverschlüsse auf – und sie war schneller stubenrein als jeder Hund“, sagt die junge Landwirtin. Fotos: Cordsen (3)/privat (4)
Grunzend vor Glück lässt sich Rosalie von Maren Osterbuhr mit Brötchenresten füttern. „Sie kann unglaublich vorsichtig sein und macht mir mit der Schnauze sogar Reißverschlüsse auf – und sie war schneller stubenrein als jeder Hund“, sagt die junge Landwirtin. Fotos: Cordsen (3)/privat (4)
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Als Ferkel büxte Rosalie von einem Viehanhänger aus und rettete sich in die klirrend kalte Nacht. Das Schwein aus Strackholt hatte unglaublich viel Glück und ist heute ein kleiner Instagram-Star.

Strackholt - Als Rosalie dem Tod von der Schippe sprang, war sie kaum vier Wochen alt und sollte eigentlich nie einen Namen bekommen. DE AUR sowie eine siebenstellige Ziffer standen auf einer Marke, die in ihr Ohr geklipst war – wie in die Ohren von rund 200 weiteren Absetzferkeln, mit denen gemeinsam sie abends mit einem Viehwagen von einem Schweinehof in Strackholt in einen anderen Stall gebracht werden sollte. Zur weiteren Mast. Rosalie aber büxte aus, sprang vom Transporter und verschwand unbemerkt in die bittere Kälte der Winternacht.

So klein war Rosalie, als sie gefunden wurde.
So klein war Rosalie, als sie gefunden wurde.

Draußen fror es, eisige Böen bissen, minus 10 Grad zeigte das Thermometer, und das Ferkel tapste sich vorwärts. Irgendwie schaffte das Kleine es bis zu einem einige Kilometer entfernten Kuhstall, wo Landwirtin Maren Osterbuhr den zitternden Zwerg völlig unterkühlt fand – und aufnahm. Das kleine Schwein hatte Schwein: Heute hat Rosalie, wie Maren Osterbuhrs Schwester das Ferkel taufte, einen selbst gebauten Auslauf, vielleicht 300 Quadratmeter groß, den sie nach Herzenslust durchwühlen und in eine matschige Seenplatte verwandeln kann. „Rosalie darf hier alt werden“, sagt Maren Osterbuhr, dank der Rosalie auch zu einem kleinen Star auf der Internet-Plattform Instagram geworden ist. Knapp 15.000 Menschen folgen dem Konto @maren.opunkt, und Rosalie – inzwischen mehr als 400 Kilo schwere, grunzende Wuchtbrumme – gehört im bunten Reigen tierischer Begegnungen im Kosmos der jungen Landwirtin zu den ganz besonders beliebten Figuren.

Mit Wärmflasche im Karton aufgepäppelt

„Als ich sie gefunden habe, war sie winzig und halb tot“, sagt Maren Osterbuhr. „Da war nicht mehr viel Leben drin. Wir haben sie daraufhin erst mal in einem Karton in unsere Küche gebracht und mit einer Wärmflasche in einem Karton an die Heizung gelegt. Etwa sechs Stunden später war sie wieder aufgetaut und hatte – Hunger.“ Maren Osterbuhr grinst. Hunger ist etwas, das Rosalie bis heute mächtig hat. Doch wie war das Schwein in den Stall gekommen? „Wir haben anfangs gedacht, das hat da jemand abgelegt, der weiß, wie tierlieb ich bin.

Ein Hauch vom „Schweinchen namens Babe“: Rosalie und Hund Ellie beschnuppern sich.
Ein Hauch vom „Schweinchen namens Babe“: Rosalie und Hund Ellie beschnuppern sich.

Aber es fand sich niemand, der es gewesen sein konnte. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass das Schwein allein so lang durch die Nacht getappst sein könnte – bis ich die Spuren im Schnee gefunden habe.“ Anhand der Ohrmarke machte die Landwirtin den Hof, von dem das Schwein stammte, ausfindig. „Es durfte aber bei uns bleiben. Der Landwirt durfte es aus hygienischen Gründen nicht zurücknehmen, weil das Ferkel außerhalb seiner Herde mit anderen Tieren zusammengekommen war.“

Eine Art Herdenersatz

„Zwei Wochen lang hat Rosalie in unserer Küche gewohnt, was der Haushaltshilfe gar nicht schmeckte, weil Rosalie Stühle umwarf und die Zeitung vom Küchentisch klaute und in ihrem Karton zermampfte. Überhaupt hat Rosalie echt viel Quatsch gemacht – aber: Sie war sofort stubenrein, hat von Anfang an Bescheid gegeben, wenn sie austreten musste.“ Der Freund der Landwirtin, Jan-Peter, baute dem Ferkel eine Box mit Wärmelampe im Stall, kleidete sie mit Stroh aus. Maren Osterbuhr und das Ferkel spielten Fangen auf der Diele des Stalls. Rosalie tobte durch die Boxen der Jungrinder nebenan und freundete sich mit ihnen an. „Unser Hund Ellie war hingegen völlig überfordert, weil Schweine tun, was sie wollen, und sich von ein bisschen Bellen nicht beeindrucken lassen“, sagt Maren Osterbuhr.

Rosalie liebt es, sich am Bauch kraulen zu lassen.
Rosalie liebt es, sich am Bauch kraulen zu lassen.

Die anderen Tiere und Maren Osterbuhrs Familie sind zu einer Art Herdenersatz für Rosalie geworden, für die die Strackholter im Frühjahr vergangenen Jahres sogar einen eigenen Auslauf bauten mit viel Platz zum Wühlen und einer mit Stroh gefüllten Hütte; Rosalies Reich. „Es war hoch faszinierend, dass sie, obwohl sie ja gar keine Vorbilder hatte, sobald sie erstmals in ihrem Auslauf war, sofort angefangen hat zu wühlen“, sagt Osterbuhr.

Video
Ein außergewöhnlicher Instagram-Star
19.10.2021

Die zu früh verstorbene Schweinefreundin

Vor etwa einem Jahr dann kam eine weitere Sau auf den Hof, die Rosalies Freundin werden sollte: Marplechen. „Sie sah irgendwie aus wie Miss Marple, deswegen haben wir sie so genannt.“ Sie kam von einem Zuchthof, der aufgegeben hat, war da aber so beliebt, dass die Eigner sie nicht zum Abdecker geben wollten. „Wir haben sie aufgenommen, ihr ebenfalls eine Box eingerichtet – und auch wenn beide sich schon mal beharkt haben: Nach nur einem halben Jahr bei uns und ohne erkennbare Krankheit ist Marplechen im Frühjahr tot umgefallen. Und Rosalie hat wirklich krass getrauert und ganz lange gerufen, immer wieder in die andere Box geguckt“, sagt Maren Osterbuhr.

Da passte Rosalie noch auf Maren Osterbuhrs Arm.
Da passte Rosalie noch auf Maren Osterbuhrs Arm.

An diesem Oktobernachmittag lässt die Sau sich davon nichts anmerken. Mit begeistertem Dauer-Grunzen, das entfernt an das Kötteln alter Lanz-Trecker erinnert, stapft sie vorfreudig durch den Matsch auf Maren Osterbuhr zu. Denn die hat ein paar alte Brötchen mitgebracht – und Bananen. „Banane liebt Rosalie besonders – und Bauchkraulen“, sagt die Landwirtin. Während sie erzählt, reibt sie dem gut 400 Kilo schweren Schwein den Bauch. Das Tier lässt sich genussvoll umfallen. Wenige Meter entfernt halten zwei Mütter mit ihren kleinen Kindern am Weg neben dem Gehege. Die Kleinen starren begeistert und winken. Das Schwein ist beliebter Spazierstopp.

„Heldengeschichte, wie wir sie lieben“

Nun ist „Rosalie“ nicht das einzige ostfriesische Schwein, dem auf Instagram die Herzen zufliegen. „Graf Bobby von Sonnenschein“, der auf dem Biolandhof Sonnenschein in Aurich-Sandhorst sein Unwesen treibt, hat ebenfalls eine Fangemeinde von knapp 6000 Menschen, die seinem Leben dort folgen. Woher könnte diese Begeisterung rühren? Der Mediensoziologe Prof. Dr. Andreas Schelske von der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven sagt: „Vielleicht formuliert das Schwein Sehnsüchte derer, die sich bei Instagram aufhalten.

„Rosalie wohnt hier“: Ein handbemaltes Blechschild ziert den Eingang zum Gehege des Schweins.
„Rosalie wohnt hier“: Ein handbemaltes Blechschild ziert den Eingang zum Gehege des Schweins.

Storytelling, also das gute Erzählen von Geschichten, ist dort gerade en vogue. Und ein Schwein, das eine Heldengeschichte hinter sich hat wie dieses, das dem Tod von der Schippe gesprungen ist und sich in ein schönes Leben gerettet hat, ist eine der Heldengeschichten, wie wir sie lieben.“ Maren Osterbuhr sagt: „Es ist unglaublich, wie viele Nachrichten ich inzwischen bekommen habe, in denen mir fremde Menschen erzählt haben, dass sie wegen Rosalie kein Fleisch mehr essen mögen und Vegetarier geworden sind.“

Kleiner Fratz: Ferkel Rosalie in ihrer Box.
Kleiner Fratz: Ferkel Rosalie in ihrer Box.

Nun leben auf Maren Osterbuhrs Hof noch weitere tierische Helden, die sie ebenfalls bei Instagram einbindet: Hund Ellie, diverse verrückte Katzen, aber auch sieben altgediente Kühe, die die Landwirtin nicht abgeben mag und weiter durchfüttert. „Das rechnet sich in keiner Weise, aber ich liebe diese Tiere so“, sagt Maren Osterbuhr. „Und ich überlege zurzeit, ob ich nicht einen Verein gründe, über den ich einen Teil der Kosten für meinen kleinen Gnadenhof als Spenden wieder reinbekommen könnte.“ Auf dem, hofft sie, wird auch wieder eine weitere Sau einziehen. „Es wäre schon cool, wenn Rosalie eine neue Freundin bekommt.“

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