Wirtschaft
Tourismus im Coronajahr: „Camping hat es rausgerissen“
Lockdown, Beherbergungsverbot – während es im gesamten Tourismus 2020 ostfrieslandweit zu massiven Einbußen kam, konnten einige doch Gewinn verbuchen. Dafür gab es vor allem ein Rezept.
Küste - Die Jahresbilanz der Nordseeheilbad Carolinensiel-Harlesiel GmbH bringt eine überraschende Erkenntnis: Das touristische Krisenjahr – geprägt durch die Corona-Pandemie mit ihren Beherbergungsverboten – wurde mit Gewinn abgeschlossen. Einem geringeren zwar als üblich, aber trotzdem: Für das Geschäftsjahr 2020 stand unter dem Strich ein positives Ergebnis von 106.000 Euro. 2019, im Jahr vor der Krise, lag dieser Gewinn noch bei satten 722.000 Euro.
Was und warum
Darum geht es: um die Folgen des Coronajahres 2020 für den Tourismus.
Vor allem interessant für: Touristiker und Unternehmen, die von den Gästen leben.
Deshalb berichten wir: Die Touristiker in Carolinensiel haben ihre Bilanz für 2020 vorgelegt. Das war Anlass für Nachfragen. Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de
Dieses Ergebnis steht in leichtem Gegensatz zu den bisherigen Aussagen vieler Touristiker an der Küste. Immer wieder hieß es, der Tourismus boome zwar, wenn die Gäste kommen könnten; die langen Fehlzeiten während des harten Lockdowns im Frühjahr 2020 seien aber nicht aufzuholen. Nun also doch. „Mitte 2020 war das wirklich nicht vorherzusehen“, sagt Carolinensiels stellvertretender Kurdirektor Marcus Harazim dazu. Da habe noch große Angst geherrscht, wie es wohl weitergehe.
Carolinensiel
Harazim betont auch, dass der Gewinn ordentlich erwirtschaftet sei, Corona-Hilfsgelder seien in dem Ergebnis nicht enthalten. Wobei er einräumt, dass das Kurzarbeitergeld der Bundesregierung entscheidend dafür gewesen sei, dass die Tourismusgesellschaft mit rund 70 Mitarbeitern keine Kündigungen habe aussprechen müssen. Den Gewinn erklärt er mit der breiten Aufstellung der Gesellschaft: das Schwimmbad in der Cliner Quelle, Parkplatzgebühren, Verpachtungen, Einnahmen durch Gäste- und Tourismusbeiträge. Vor allem aber: Camping.
„Camping ist der große Gewinner“, so Harazim. Sobald ab Mai 2020 die Plätze erst mit Einschränkungen und dann ganz geöffnet werden konnten, strömten die Camper und Wohnmobilisten in Scharen herbei. „Es war immer voll“, so Harazim. Egal ob zu den erlaubten 50 Prozent oder den später wieder erlaubten 100 Prozent. „Das hat uns gut geholfen, da kamen immer sichere Einnahmen“, sagt der stellvertretende Kurdirektor.
Bensersiel
Eine Feststellung, die sich im Gespräch mit Reinhard Feldmann wiederholt. Er ist stellvertretender Stadtdirektor in Esens und kennt die Zahlen der Esens-Bensersiel Tourismus GmbH. Zwar konnte man hier keinen Gewinn für 2020 verbuchen; aber immerhin doch ein deutlich geringeres Minus als veranschlagt. „Wir haben uns verbessert“, so Feldmann. Der Grund: „Vor allem das Camping hat es rausgerissen.“ Rund 750 Plätze bietet der Platz in Bensersiel an, etwa so viele wie Harlesiel.
Und Bensersiel legt jetzt noch einen drauf: Ab diesem November werde erstmals Wintercampen erlaubt, so Feldmann. Obwohl der Platz außendeichs ist, dort also, wo zwischen Herbst und Frühjahr alle Gerätschaften abgebaut sein müssen, um den Bereich sturmflutsicher zu machen. Erlaubt seien auch nur autarke Wohnmobile, die im Falle einer Sturmflutwarnung zügig abrücken könnten. Trotzdem: Mit diesem Angebot ist quasi ganzjähriges Camping erlaubt, wenn auch eingeschränkt. Bisher ist das im Kreis Wittmund nur in Neuharlingersiel möglich.
Neuharlingersiel
Dort will man noch keine Zahlen zur Bilanz 2020 veröffentlichen. Nur so viel: Auch hier sei Gewinn gemacht worden, berichtet Susanne Mäntele vom Kurverein Neuharlingersiel, „wir sind bislang gut durch die Krise gekommen“. Inwieweit das Camping da eine Rolle spielte, auch das will sie noch nicht sagen. Der Platz dort verfügt über 1100 Stellplätze. Die Neuharlingersieler weisen aber darauf hin, dass es jenseits der einzelnen Tourismusgesellschaften sehr wohl Verluste gebe. Bei den Gastronomen etwa oder bei den privaten Vermietern, die keinerlei finanzielle Hilfen bekommen hätten.
Das betont auch die Ostfriesland Tourismus GmbH (OTG), zuständig für das Tourismus-Marketing auf der ostfriesischen Halbinsel. „Sicher gibt es einzelne Unternehmen, die Gewinn erwirtschafteten“, sagt Wiebke Leverenz von der OTG. Das seien allerdings nur Teilbetrachtungen und spiegelten das große Ganze nicht wider. Die OTG hat dazu eigens ein Gutachten erstellen lassen: Demnach belaufen sich die Umsatzausfälle in der Tourismuswirtschaft im Coronajahr 2020 auf 1,1 Milliarden Euro. Am stärksten habe es den Übernachtungstourismus getroffen, der mit Umsatzverlusten in Höhe von 830,2 Millionen Euro zu kämpfen hatte. Dazu kämen Gastronomien und Zulieferer, wie etwa Bäcker, die indirekt vom Tourismus profitierten. Und, ja, „Camping hat absolut geboomt“, stellt auch Leverenz fest.
Eine Nachfrage bei der landeseigenen Gesellschaft „Tourismus Marketing Niedersachsen“ (TMN) bestätigt allerdings auch, dass Ostfriesland vergleichsweise gut dastand im Coronajahr 2020. Auf Nachfrage heißt es, die niedersächsische Nordseeküste mit den ostfriesischen Inseln habe mit minus 28,9 Prozent landesweit die niedrigsten Verluste bei den Übernachtungszahlen hinnehmen müssen. Im Harz seien es minus 36,6 Prozent gewesen, im Braunschweiger Land sogar minus 51 Prozent. Unterm Strich, so heißt es weiter, hätten überhaupt nur zwei Regionen über die Ferienmonate mehr Übernachtungen aus dem Inland verbucht als 2019: die Lüneburger Heide und eben Ostfriesland.