Stadtplanung
Das lange Sterben der Auricher Markthalle
Zum Jahresende laufen die Mietverträge für die Auricher Markthalle aus. Die Stadt will nun Zeit gewinnen und alles auf null setzen. Ob der Plan aufgeht, ist ungewiss.
Aurich - Der Todeskampf der Auricher Markthalle geht weiter. Momentan sind dort nur der Asia-Imbiss und die Bäckerei geöffnet. Deren Mietverträge laufen zum Jahresende aus. Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) schlägt vor, die Mietverträge bis Ende 2023 zu verlängern und das Interessenbekundungsverfahren zu stoppen. Es sei „erforderlich, weitere Alternativen zur Nachnutzung der Markthalle Aurich zu entwickeln“, heißt es in einer Beschlussvorlage für den neuen Rat. Wann der darüber entscheidet, ist offen.
Seit mehr als zwei Jahren sucht die Stadt einen Pächter, der das 900 Quadratmeter große Gebäude auf dem Marktplatz saniert und für 20 Jahre betreibt. Der Bebauungsplan sieht dort Einzelhandelsbetriebe für den Verkauf von Lebensmitteln und kleinere Geschäfte, Schank- und Speisewirtschaften, eine Fläche für Musikveranstaltungen und einen Spielbereich für Kinder vor.
Combi-Citymarkt vorgeschlagen
Im jetzt laufenden Verfahren sind noch zwei Bewerber an Bord: die MPI Munkert Projekt Immobilien GmbH aus Essen und die Lorenz Bäcker Victorbur GmbH aus Aurich. Hinter MPI steckt der frühere Manager des Carolinenhofs (Caro), Kay Hoppe. Die vorgelegten Konzepte entsprächen nicht den Anforderungen, schreibt die Stadt. MPI hatte eine Neuausrichtung der Markthalle gefordert, um höhere Erträge bei der Vermarktung zu erzielen. Die Lorenz-Bäckerei hatte vorgeschlagen, die Markthalle zurückzubauen und in Zusammenarbeit mit der Firma Bünting (Leer) ein Versorgungszentrum mit Bäckereifiliale und einem Combi-Citymarkt zu errichten. Daraus wird vorerst nichts.
Die Stadt will nun Zeit gewinnen, um eine neue Markt-, Standort- und Konzeptanalyse erstellen zu lassen. „Wir müssen alle Optionen durchprüfen“, sagt Feddermann. Dazu gehören laut Beschlussvorlage auch die Verkleinerung oder ein kompletter Rückbau – also Abriss – der Markthalle. „Ein Abriss ist für mich persönlich keine Option“, sagt Feddermann. Noch fordert im Rat nur die Linke den sofortigen Abriss der Markthalle, doch die Stimmung beginnt zu kippen.
„Eher Klotz am Bein als Chance“
„Wir sehen keine Zukunft für die Markthalle“, sagt Grünen-Fraktionschefin Gila Altmann. „Sie ist eher Klotz am Bein als Chance.“ Das Gebäude versperre die Sicht von der Norderstraße zur Innenstadt und behindere den Wochenmarkt. Sie glaube nicht, dass sich jemand findet, der die Markthalle auf eigene Kosten saniert. „Das kostet mindestens zwei Millionen Euro.“ Ein sofortiger Abriss sei jedoch keine gute Idee, betont Altmann. Man müsse die Zeit nutzen, um sich Gedanken über die Zukunft des Marktplatzes ohne Markthalle zu machen. Er könne durch Straßencafés belebt werden.
Arno Fecht, Gastronom und künftiger FDP-Ratsherr, findet es in Ordnung, dass die Stadt sich in Sachen Markthalle noch einmal etwas Zeit nehmen will. „Wir haben wegen Corona eine Sondersituation.“ Es dürfe jedoch auf keinen Fall passieren, dass in die Markthalle Subventionen fließen und diese dann Unternehmen Konkurrenz macht. „Davor habe ich als Gastronom riesige Panik“, sagt Fecht. Wenn keine Lösung gefunden werde, sei auch der Abriss eine Option. „Dann müssen wir uns einfach mal von Sachen, die in Aurich nicht funktionieren, trennen.“
Kanzler hat sich zurückgezogen
Was sagen die jetzigen Mieter? Sind sie überhaupt bereit, noch zwei Jahre weiterzumachen? Angelo Kanzler sagt Nein. Die Schaustellerfamilie hat sich mit ihrem Mittagstisch schon im Sommer aus der Markthalle zurückgezogen und will auch nicht zurückkommen, wie Kanzler am Mittwoch im Gespräch mit der Redaktion sagte. Als Grund nannte er Personalmangel.
Bäckermeister Martin Lorenz wollte sich nicht äußern. „Ich bin im Urlaub, da habe ich keine Lust auf Markthalle.“ Andy Nguyen, der den Asia-Imbiss betreibt, war nicht zu erreichen. Feddermann geht aber davon aus, dass Lorenz und Nguyen weitermachen wollen. „Ich hoffe das zumindest.“ Der Rat müsse nun zügig entscheiden, damit sie Rechtssicherheit hätten. Feddermann setzt zudem auf die neue City-Managerin, die am 1. November ihren Dienst antritt. Zu ihren Aufgaben gehört es, Leerstand zu bekämpfen. Das gilt auch für die Markthalle. Erste Gespräche mit möglichen neuen Mietern seien positiv verlaufen, schreibt die Stadt.
Wir haben einen Fachmann für Konsumforschung zu dem Thema befragt. Dr. Hans-Georg Häusel ist Diplom-Psychologe und lehrt an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich. Er könne die Situation in Aurich nicht beurteilen, sagt Häusel. Das Konzept einer Markthalle – also eines überdachten Marktes mitten in der Stadt – funktioniere dann gut, wenn das Einzugsgebiet groß genug und die Lage attraktiv sei. Ein gutes Beispiel sei der Viktualienmarkt in München. „Da ist immer was los.“
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