Gesellschaftliche Herausforderung
„Alle Menschen haben ein Bedürfnis nach Kontakt“
Erwin Dahlweg öffnet eine neue Praxis in Emden. Der ehemalige Leiter des Autismus-Therapiezentrums möchte sein Angebot auch auf Menschen mit anderen Störbildern ausweiten. Der Bedarf sei groß.
Emden - Der Heilpädagoge Erwin Dahlweg kennt sich mit den unterschiedlichsten sogenannten Störbildern bei Menschen aus. Rund 20 Jahre lang arbeitete der Uplengener im Autismus-Therapie-Zentrum in Emden, die letzten sechs Jahre leitete er es auch. Dadurch wurde ihm klar: „Menschen mit anderen Beeinträchtigungen haben eine andere Lobby“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.
Während es für Menschen, bei denen Autismus diagnostiziert wurde, zahlreiche Behandlungsmethoden und Hilfsangebote gebe, sehe das bei anderen Diagnosen oft anders aus. Da möchte Dahlweg in seiner neuen Praxis für systemische Entwicklungsförderung und Autismustherapie ansetzen. Am 1. November wird er damit in der Friedrich-Ebert-Straße 6 starten. Die Stadt Emden will das Angebot unterstützen. Eine entsprechende Leistungs- und Vergütungsvereinbarung steht kurz vor dem Abschluss.
Menschen helfen, sich verständlich zu machen
Die Schuleingangsuntersuchungen in Emden in den vergangenen Jahren zeigten deutlich auf: Immer mehr Kinder zeigen Verhaltensauffälligkeiten. Sogenannte Systemsprenger, also Kinder, die sich gegen alle Regeln wehren und ein sozial wie emotional eingeschränktes Verhalten zeigen, mehren sich. Der Heilpädagoge Dahlweg möchte betroffenen Personen helfen, sich verständigen zu lernen. Er spricht nicht von Verhaltensauffälligkeiten, sondern von Menschen mit „besonderen Kommunikationsmöglichkeiten“.
Durch Beißen, Schreien, Stühleschmeißen oder auch ein totales Zurückziehen und eine Sprechverweigerung würden sich die Menschen auf ihre Art auszudrücken versuchen. Seine Aufgabe sei es dann, den Menschen zu helfen, sich weiterzuentwickeln, positive Beziehungen aufzubauen und mit der Umwelt zu kommunzieren. „Ich mache Entwicklungsförderung“, erklärt der 54-Jährige. Dabei arbeitet er mit Kindern im Vorschulalter genauso wie mit Jugendlichen und Erwachsenen. Eine Frühförderung, die für ganz junge Kinder gedacht ist, möchte er aber nicht anbieten. „Das können andere besser“, sagt er lachend.
Jungen Menschen auf den Weg geholfen
Mit zahlreichen ehemaligen Klienten habe er noch Kontakt und verfolge auch, was aus ihnen geworden sei. Einen Jungen mit selektivem Mutismus, der in der Schule kein Wort gesprochen, zu Hause mit seiner Familie aber „gequasselt“ habe, habe er innerhalb von zwei bis drei Jahren geholfen, sich zu äußern. „Er hat seinen Hauptschulabschluss gemacht, hatte einen Freundeskreis, eine Freundin“, so Dahlweg. Einen anderen Jungen mit dem Asperger Syndrom, einer Form von Autismus, habe er so auf den Weg bringen können, dass dieser eine Ausbildung zum Mechatroniker machen konnte. „Als er zu mir kam, konnte er nicht alleine einkaufen gehen“, so Dahlweg.
Er ist überzeugt: „Alle Menschen haben ein Bedürfnis nach Kontakt.“ Die Kommunikation Stück für Stück aufzubauen, sei aber auch für ihn manchmal eine Herausforderung. Einige Patienten würden über Stunden nur schweigen, einige seien mehrfach schwerst-beeinträchtigt. Bei allen Behandlungen sei es zunächst wichtig, eine Beziehung aufzubauen, Vertrauen. Über Schreiben, Kommunikationskarten oder in dem auf etwas gezeigt werde, könne dann langsam ein Gespräch entwickelt werden. So werde auch trainiert, dass es alternative Kommunikationsformen gibt und bestenfalls beispielsweise nicht mehr Türen geschlagen oder geschrien wird. Dabei sei ihm eine enge Zusammenarbeit mit dem Umfeld sehr wichtig, so Dahlweg, da eine positive Entwicklung immer auch eng mit der Lebenssituation verknüpft sei.
Gesellschaft verändert sich
Derzeit macht es den Eindruck, dass immer mehr Kinder Verhaltensbesonderheiten zeigen oder auf dem Autismus-Spektrum sind. Dahlweg möchte das so nicht bestätigen. „Die Diagnostik ist sehr viel besser geworden“, sagt er. Es werde also sehr viel genauer festgestellt – wissenschaftlich würden auch schon genetische Anzeichen erforscht –, dass ein Mensch beispielsweise autistisch ist. Auch das Umfeld von Kindern sei sehr viel offener geworden und nehme die Kinder anders wahr. „Es wird schneller reagiert“, sagt er. Auch dass in Emden zwei Kindertagesstätten mit heilpädagogischen Gruppen entstehen, sei ein deutlicher Schritt.
Gleichzeitig beobachtet aber auch er, dass unabhängig von einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung oder einer Behinderung durch einen Wandel in der Gesellschaft, soziale Medien, Smartphones, Tablets und andere elektronische Geräte andere Verhaltensmuster entstehen können. „Es ist schon im Säuglingsalter wichtig, dass Eltern ihr Kind anschauen und nicht das Smartphone“, erklärt er.
→ Für weitere Informationen ist Erwin Dahlweg per E-Mail unter info@praxis-dahlweg.de sowie per Telefon unter 04921/9995530 zu erreichen.