Geschäftsleben
Osterstraße: Von lebendiger Straße zum trostlosen Pflaster
Die Osterstraße in Aurich war in den 60er Jahren eine lebendige Einkaufsstraße mit einem üppigen Warenangebot. Gegenwärtig gilt sie eher als das Sorgenkind der Innenstadt. Wie kam es dazu?
Aurich - „Die Osterstraße? Da ist die Einkaufswelt doch zu Ende.“ Solche Sätze hört man häufig von Passanten, die die Auricher Fußgängerzone entlang flanieren und sich von der Bahnhofstraße aus nähern. Sind es Veränderungen in der Pflasterung? Sind es die drei, vier schon von weitem zu erahnenden Leerstände? Was steckt hinter der mangelnden Zugkraft dieser Straße? Hilfreich ist vielleicht ein Blick in die Vergangenheit. Noch in den 60er Jahren war die Osterstraße eine prosperierende Einkaufsmeile mit einem bunten Mix aus Feinkost-, Lebensmittel-, Wein- und Schuhgeschäften sowie anderen Anbietern. Etliche davon wurden von Inhabern geführt.
Direkt auf Höhe des Marktplatzes und kurz hinter dem Durchgang zur Marktpassage brachte das ausladende Schaufenster des Schuhfachgeschäfts Bockstiegel die Augen der Kunden zum Leuchten. Eine Anzeige anlässlich des 75-jährigen Bestehens der in Aurich und Leer ansässigen Firma aus dem Jahr 1955 führte das komplette Sortiment auf. Es reichte von „modischen Frauen- und Herrenschuhen, reizenden Kinderschuhen, kräftigen Berufsschuhen, guten Arbeitsstiefeln bis hin zu preiswerten Gummi- sowie Sportstiefeln“. Inhaber war Helmuth Bockstiegel, der die Firma in der vierten Generation führte. Ende der 60er Jahre erweiterte er das Geschäft, indem er das angrenzende von Foto Nieß erwarb. Heute ist in dem Gebäude der Filialist Deichmann ansässig.
Hippen machte Männer ausgehfein
Auf eine noch längere Unternehmensgeschichte konnte nur der Inhaber der Wein- und Spirituosenhandlung J. C. Winter zurückblicken. Das Geschäft bot seit 1838 in der Osterstraße 10 seine hochklassigen Produkte an. Weine konnte der Kunde auch in der Feinkosthandlung Wienholtz in der Osterstraße 41 erwerben, wie eine Anzeige im Adressbuch aus dem Jahr 1955 verrät. Inhaber war nicht mehr Firmengründer Wienholtz, sondern der Kaufmann Bernhard Deeken. In der Osterstraße konnte man nicht nur Lebensmittel kaufen, sondern auch viele Dinge des täglichen Bedarfs. Dafür war das Kaufhaus Honecamp eine der ersten Adressen. In der Osterstraße 32 machte Wilhelm Hippen die Männer ausgehfein. Für den richtigen Haarschnitt sorgte ein Herrensalon in der Nummer 29.
Von rund 30 Geschäften haben vier die Zeit überdauert: Juwelier Gerlach an der Ecke zum Marktplatz, das Papierfach- und Bürobedarfsgeschäft Abegg in der Nummer 4, Bäcker Meyer (11) und die Drogerie Maas (26). Wie haben sie den Wandel vollzogen? Wie konnten sie durchhalten? Die Erfolgsleistung hängt immer von einer geschickten Anpassung an die wirtschaftlichen Veränderungen ab. So hat etwa der damalige Geschäftsführer von Abegg Anfang der 2000er Jahre die Entscheidung gefällt, den Großhandel aufzugeben. Damit hat er auf den Prozess der Digitalisierung reagiert. Die vielen Vordrucke wie Quittungen, Bestellzettel, Karteikarten oder Werbedrucke wurden Zug um Zug durch Software verdrängt. Darauf stellte sich das Unternehmen ein. Die derzeitige Geschäftsführerin Alexandra Schneemilch ist bestrebt, die Firma breiter aufzustellen. Deshalb hat sie vor zwei Jahren das Ladenlokal des früheren Fachgeschäfts von Lederwaren Adams übernommen, um dort Taschen und Schulranzen anzubieten.
Nachfolge nicht geregelt
Von der Kontinuität dieses wirtschaftlichen Tuns profitiert Edda Geiken. Die Abegg-Angestellte arbeitet seit 48 Jahren in dem Traditionsgeschäft. „Dort habe ich vor 48 Jahren auch meine Lehre als Einzelhandelskauffrau gemacht“, sagt die Auricherin. Sie hat die Feier zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens vor drei Jahren miterlebt. Als sie in den 70er Jahren anfing, leitete Ferdinand Abegg das Geschäft noch. Später übernahm seine Tochter Meeste Abegg die Regie.
Kontinuität in der Generationenfolge ist ein wichtiger Faktor, um das Überleben eines Geschäfts zu sichern. Almuth Maaß etwa hat die Drogerie übernommen, die ihr Urgroßvater Conrad Maaß 1855 gegründet hat. „Mir kommt zugute, dass ich keine Miete zahlen muss und genügsam bin“, sagt die Geschäftsfrau. Sie führe das Geschäft alleine. Der Nachteil: „Ich kann keine drei Wochen Urlaub machen.“ Almuth Maaß berichtet, dass etliche Geschäftsinhaber in der Osterstraße aufgeben mussten, weil sich kein Nachfolger hatte finden lassen.
Überleben einer Straße
Manchmal sichert aber auch ein Standortwechsel zur richtigen Zeit das Überleben. Gertrud Meyer glaubt, dass ihre Bäckerei davon profitiert hat, vor etwas mehr als zehn Jahren von der Osterstraße 23 weiter ins Zentrum in das Haus mit der Nummer 11 gezogen zu sein. „Schon damals war der Lauf im hinteren Teil der Straße nicht mehr gut“, erinnert sich die Geschäftsfrau. „Eine Straße kann nicht überleben, wenn dort fast nur Friseure ansässig sind.“ Gegenwärtig beobachte sie, dass es von Woche zu Woche immer ruhiger werde.
Ein Umzug mit Tausenden Fischen
Inmitten von Dauer-Leerstand ist sie ein Fels in der Brandung
Die Stadt will durch ein Sanierungsprogramm dazu beitragen, dass die Osterstraße ihr Image als „Problemstraße“ verliert. Sie hat einige Gebäude erworben, um sie an Investoren zu veräußern. Zum Teil ist das bereits passiert. So hat der Auricher Investor Lennart Gerstmeier die Gebäude mit den Hausnummern 28-36 gekauft. Sie waren in einem Interessenbekundungsverfahren von der Stadt annonciert worden. Darunter versteht man eine Art Ausschreibung mit weniger strengen Auflagen. Alle Kandidaten hatten ihre Entwürfe zur Gestaltung der 1000 Quadratmeter großen Fläche abgegeben. Gerstmeier hatte sich durchgesetzt. Er wird im kommenden Jahr mit der Umsetzung beginnen.
Gertrud Meyer ist skeptisch, ob der hintere Teil der Straße diese Durststrecke überstehen wird. Ein herber Verlust sei es in ihren Augen gewesen, dass das Fachgeschäft Zoo Meyer sich Ende September nach 30 Jahren aus der Osterstraße verabschiedet hat. „Es gab immer welche, die sich dort ihr Vogelfutter besorgt haben“, ist sie überzeugt. Jetzt sei dort ein weiteres leerstehendes Ladenlokal.