Arbeitswelt

Vom Studienabbrecher zum Kammersieger

| | 24.10.2021 09:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Tebbe Heiken arbeitet als Tischlergeselle nach wie vor in seinem Ausbildungsbetrieb, der Firma Otto Müller in Sandhorst. Fotos: Luppen
Tebbe Heiken arbeitet als Tischlergeselle nach wie vor in seinem Ausbildungsbetrieb, der Firma Otto Müller in Sandhorst. Fotos: Luppen
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Tebbe Heiken aus Aurich hat sein Studium abgebrochen und eine Ausbildung zum Tischler gemacht. In diesem Beruf startet der 22-Jährige nun erfolgreich durch. Dennoch ist er nicht ganz zufrieden.

Aurich - Schon im ersten Semester seines Studiums merkte Tebbe Heiken: „Das ist nichts für mich.“ Der Auricher hatte sich nach dem Abitur 2018 an der IGS Aurich in Osnabrück für Mathematik und Chemie auf Lehramt eingeschrieben. „Ich würde nie wieder anfangen, Mathe zu studieren“, sagt der 22-Jährige rückblickend. Er brach das Studium ab und entschied sich für ein Handwerk: Bei der Tischlerei Otto Müller in Sandhorst begann er 2019 eine Ausbildung zum Tischler.

Damit folgte er einem Trend. 2010 hatten 4,9 Prozent der Auszubildenden im niedersächsischen Handwerk Abitur. Zehn Jahre später waren es 12,3 Prozent. „Jeder dritte Meister oder Techniker verdient mehr als ein Bachelor“, sagt Dr. Hildegard Sander von der Landesvertretung der Handwerkskammern Niedersachsen. Die beliebtesten Ausbildungsberufe bei Abiturienten sind Kraftfahrzeugmechatroniker, Tischler, Elektroniker und Zimmerer. Allerdings entscheidet sich insgesamt nur jeder 20. Absolvent mit Hochschulreife für eine Handwerksausbildung.

„Es lief nicht optimal an dem Tag“

Als Abiturient konnte Heiken die Lehrzeit auf zwei Jahre verkürzen und hat nun den Gesellenbrief in der Tasche. Nicht nur das. Er schloss die Ausbildung als Bester seines Jahrgangs in Ostfriesland ab. Als Kammersieger vertrat er die Handwerkskammer für Ostfriesland am 13. Oktober beim Leistungswettbewerb der besten Nachwuchstischler Niedersachsens in Celle. Dort musste er sich dann allerdings mit Platz drei begnügen. Das sei „schon nicht schlecht“, aber er wäre gerne Erster geworden. „Es lief nicht optimal an dem Tag“, sagt Heiken.

Diese Teebox aus Buchenholz hat Heiken für den Leistungswettbewerb gefertigt.
Diese Teebox aus Buchenholz hat Heiken für den Leistungswettbewerb gefertigt.

Die sechs Wettbewerbsteilnehmer – vier Männer und zwei Frauen – hatten sieben Stunden Zeit, um eine Teebox aus Buchenholz zu fertigen. Das lief zu 90 Prozent in Handarbeit, mit Handsäge, Stecheisen und Hammer. „Das war nicht wirklich anspruchsvoll“, sagt Heiken. „Ich hatte mehr erwartet.“ Aber die Zeit sei knapp gewesen. Alle sechs hätten in der Werkstatt hoch konzentriert ohne Pause durchgearbeitet und kaum ein Wort miteinander gewechselt. Am Ende bekam er 80,33 von 100 möglichen Punkten. Die Ecken der Teebox mit Schwalbenschwanzzinken habe er nicht sauber verarbeitet. „Bei den anderen war es aber auch nicht perfekt.“

„Man macht nicht mehr viel Handarbeit“

Der junge Tischler wundert sich, dass in den Prüfungen und beim Leistungswettbewerb so viel Wert auf Handarbeit gelegt wird. Das gehe an der Realität vorbei. „Man macht nicht mehr viel Handarbeit. Das stirbt aus.“ Mit der Hand könne man nicht so schnell und genau arbeiten wie mit einer Maschine. In seinem Betrieb arbeite er mit einer computergestützten Fräse. „Die kann alles.“ Maschinen sollten seiner Ansicht nach bei der Ausbildung mehr im Fokus stehen, auch in der Berufsschule.

Heiken hat noch viel vor. Er will die Meisterprüfung ablegen und plant eine Weiterbildung zum Techniker. Auch ein Studium schließt er nicht aus. „Vielleicht Holztechnik.“ Sein Ziel ist es, Berufsschullehrer zu werden, womöglich als Quereinsteiger. Nur ein Mathe-Studium, das kommt für ihn nicht mehr infrage. Der Wechsel ins Handwerk sei für ihn „definitiv die richtige Entscheidung“ gewesen.

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