Psychologe zum Emder Verkehrsexperiment
Interview: „Eingriff in die sogenannte individuelle Freiheit“
Kaum ein anderes Thema bewegt die Emder zurzeit so, wie der Verkehr. Warum wird die Diskussion so emotional geführt? Darüber haben wir mit dem Verkehrspsychologen Michael Haeser gesprochen.
Emden - Veränderungen sind für alle Menschen schwer hin- oder annehmbar. Das sagt der renommierte Verkehrspsychologe Michael Haeser. Der 68-Jährige, der aus dem ostfriesischen Neermoor stammt und in Duisburg praktiziert, äußert sich in einem Gespräch mit dieser Zeitung zu der gegenwärtigen Diskussion um eine neue Verkehrsführung im Emder Stadtzentrum. Er gibt auch Antworten darauf, warum diese Debatte so emotional geführt wird und wie sie aus seiner Sicht versachlicht werden kann.
Frage: Warum werden Belange des Straßenverkehrs stets so emotional diskutiert wie jetzt in Emden?
Michael Haeser: Es geht beim Straßenverkehr um Individualität. Wir Menschen wünschen uns zu jeder möglichen Gelegenheit Freiheit. Auch die Freiheit, zu bestimmen, wie ich an mein Ziel komme. Während ich im ÖPNV auf die Fahrzeiten und -strecken angewiesen bin, kann ich zu Fuß, per Fahrrad, Motorrad oder Auto meine Abfahrtzeit und die Strecke in der Regel angemessen frei einteilen.
Frage: Was macht es mit Autofahrerinnen und Autofahrer, wenn sie alte Gewohnheiten beziehungsweise seit Jahren gewohnte Fahrwege aufgeben und sich auf Veränderungen einstellen müssen?
Haeser: Veränderungen sind für alle Menschen schwer hin- oder annehmbar. Ein uraltes Sprichwort sagt: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und das stimmt. Jede Neuerung erschrickt, weil sie eigene Abläufe wie zum Beispiel das Fahren einer bestimmten Strecke durch Unbekanntes ablöst. Zwar gewöhnt man sich auch daran wieder nach einer Zeit, aber der Zeitpunkt der Umstellung ist eine psychische Belastung. Zumal man glaubt, dass Bewährtes einfach einfacher ist, bis man vom Gegenteil „per doing“ überzeugt wird.
Frage: Warum reagieren Autofahrerinnen und Autofahrer teilweise aggressiv auf Veränderungen der Verkehrsführung?
Haeser: Veränderungen stellen – wie gesagt – immer einen Eingriff in die sogenannte individuelle Freiheit dar. Aggressives Verhalten gab es zwar schon immer in irgendeiner Form, doch seit einigen Jahren ist die Art der Aggression erschreckend geworden. Schuld sind auch die digitalen Medien. Aber nicht, weil es sie gibt, sondern weil sie im Gegensatz zu früheren Medien durch fehlende Kontrolle missbraucht werden. Insbesondere durch die Anonymität, mit der jeder seine fundierte oder unfundierte Meinung kundtun darf. Sachliche Reflektion oder Diskussion hat nur noch einen schmalen Stellenwert. Dennoch sollten wir froh sein, dass es diese Medien gibt, hat man doch rascher einen Überblick über das Denken, das dahinter steckt und kann versuchen, es angemessen auszuwerten und Falschinformationen zu begegnen. Autofahrer reagieren also nicht anders, als der Mensch allgemein, wenn ihm neue Spielregeln im öffentlichen Leben vorgegeben werden.
Frage: Kommen Autofahrerinnen und Autofahrern Fahrtstrecken eigentlich länger vor, wenn der Verkehr nur stockend vorankommt?
Haeser: Nein. Die Strecke an sich nicht. Aber die Zeit ist selbstverständlich länger. Und daher wird jede Form von Unterbrechung der eigenen Fahrt in Form von Stau, Stockung oder gar Umleitung als Eingriff in die persönliche Freiheit bewertet. Manchmal sogar zu Recht.
Frage: Wie lange dauert es, bis sich Verkehrsteilnehmer an Neuerungen gewöhnen, und lassen sich Zeitspannen definieren, in denen „Neues“ zur Normalität wird?
Haeser: Im Grunde geht Gewöhnung relativ schnell voran, denn die Betroffenen denken, ja eh nichts daran ändern zu können. Wenn sich zum Beispiel die Fahrtrichtung einer Einbahnstraße ändert – kommt selten vor, ist aber sehr gravierend – dauert es üblicherweise etwa ein bis zwei Wochen, ehe sich auch die routiniertesten Nutzer der bisherigen Richtung an die Änderung gewöhnt haben.
Frage: Ein Blick auf die Fußgängerinnen und Fußgänger. Wechseln Sie beim Shopping oder Bummel durch die Innenstadt häufiger mal die Straßenseite, wenn es mehr Zebrastreifen und weniger Autos wie jetzt in der Neutorstraße in Emden gibt?
Haeser: Hier muss ich als Verkehrspsychologe sagen: Shopping und Bummel sollten eigentlich gar nicht durch mobilen Verkehr gestört werden. Reine Einkaufsstraßen oder Fußgängerzonen sind absolut ideal, um sowohl gezielt wie gemütlich seine Einkäufe zu erledigen. Daraus ergibt sich, dass natürlich häufig die Straßenseite gewechselt wird, und je sicherer der Wechsel, umso lieber erfolgt dieser. Beispiel: Ich stehe vor einem Schuhgeschäft, das Passende ist nicht dabei. Auf der anderen Seite aber sehe ich ein weiteres Schuhgeschäft und vermute, dass ich dort fündig werden. Wie aber komme ich rüber, wenn die Autos pausenlos an mir vorbei fahren? Also – Zebrastreifen mit Vorrang für Fußgänger.
Frage: Welche Tipps oder welche Ratschläge können Sie den Verantwortlichen der Stadt und auch den Bürgerinnen und Bürgern geben, um zu einer Versachlichung der Diskussion zu finden?
Haeser: Zunächst einmal sollten alle Pläne, ehe sie durchgeführt werden, erst einmal veröffentlicht werden. Und ehe dieses erfolgt, sollten wirklich alle erdenklichen Möglichkeiten in die Planung mit einbezogen werden. Und dazu zählen alle Bürger in jeder Situation. Seien es die Einkaufsbummler, seien es die Geschäftsinhaber, seien es die Radfahrer, seien es die Autofahrer oder auch die Anwohner. Hier müssen Für und Wider gegeneinander abgewogen werden, so dass möglichst wenige Betroffene Nachteile haben. Und wenn, dann gering und nachvollziehbar. Diese Diskussion müsste öffentlich sein und sachlich, das heißt, emotionslos ausgewertet werden.