Osnabrück

Was ein Jugendpsychiater Eltern rät, die ihre Kinder beim Kiffen erwischen

Marion Trimborn
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Von Marion Trimborn
| 28.10.2021 14:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Schon ein Joint kann der Einstieg in eine Sucht sein, warnt der Jugendpsychiater vom UKE in Hamburg, Prof. Rainer Thomasius im Interview Foto: Oliver Berg/dpa
Schon ein Joint kann der Einstieg in eine Sucht sein, warnt der Jugendpsychiater vom UKE in Hamburg, Prof. Rainer Thomasius im Interview Foto: Oliver Berg/dpa
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Ein Joint macht doch nichts? So denken manche Eltern – und sind viel zu tolerant, wie der Jugendpsychiater und Cannabis-Gegner Rainer Thomasius findet. Er gibt Eltern wertvolle Tipps – und der Politik gleich dazu.

Kiffen ist doch ganz harmlos? Sogar die Ampel-Koalitionäre denken über eine Legalisierung von Cannabis nach. Überhaupt kein Verständnis für solche Überlegungen hat Prof. Rainer Thomasius. Der Kinder- und Jugendpsychiater leitet das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Täglich sitzen bei ihm junge Leute, die das Kiffen sehr krank gemacht hat - teilweise unheilbar krank. Nach 35 Jahren Erfahrung ist Thomasius überzeugt, dass frühes Kiffen Kinder und Jugendliche aus der Bahn wirft - und Cannabis unbedingt verboten bleiben muss. Der 64-jährige Suchtexperte hat Tipps, was Eltern tun können, um ihre Kinder vor Cannabis zu schützen. Auch für die Politiker einer Ampel-Koalition hat er klare Empfehlungen - und wirft dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach bescheidene Argumente vor. Ein Bericht aus dem Alltag einer Sucht-Praxis.

Herr Prof. Thomasius, Sie kommen gerade von der Visite. Wen haben Sie heute als Patient behandelt?

Ich habe eine 17-Jährige gesehen, die mit zwölf Jahren mit dem Cannabis-Konsum begonnen hat. Sie kommt zu uns in eine zwölfwöchige stationäre Behandlung, um Distanz zum Drogenkonsum zu finden. Es ist der Beginn einer Persönlichkeitsstörung zu sehen.

Wie ist Cannabis einzuschätzen: Ist es wirklich eine Einstiegsdroge, wie Kritiker sagen, oder eher eine harmlose Form, um sich zu berauschen?

Unsere Patientin hat mit zwölf Jahren sehr schnell eine Abhängigkeit entwickelt. Sie hat dann zusätzlich Speed, Ecstasy und schließlich Valium konsumiert. Es ist so: 90 Prozent aller Cannabis-Konsumenten bleiben beim Cannabis stehen, aber zehn Prozent ergänzen das Kiffen durch andere Drogen. Dazu gehören etwa Amphetamine wie Speed oder Ecstasy, Schlaf- und Betäubungsmittel, Kokain und Opioide.

Wer ist da besonders gefährdet?

Als Risikofaktor gilt, in einer bildungsfernen und sozial schwachen Familie aufzuwachsen oder frühe Verhaltensauffälligkeiten zu zeigen. Bei Jungen ist das häufig Hyperaktivität (ADHS), bei Mädchen sind es Depressionen, Ängstlichkeit und früh auftretende Essstörungen. Im Schnitt konsumieren Jugendliche in Deutschland mit 15,3 Jahren zum ersten Mal Cannabis. Die Risikogruppe beginnt aber deutlich früher, mit 12 oder 13 Jahren. Die sehen wir dann häufig in der Suchtberatung.

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Stimmt der Satz: Kiffen zerstört keine Leben, sondern nur Lebensläufe?

Ja. Man kann auch sagen: Cannabis raubt der Jugend ihre Zukunftschancen. Wer als Jugendlicher regelmäßig kifft, hat kognitive Defizite, so dass er oder sie Probleme in der Schule und bei der Berufsausbildung hat. Meine Patientin hat zum Beispiel wegen des Drogenkonsums nur unregelmäßig die Schule besucht und gerade noch den einfachen Schulabschluss geschafft, also neunte Klasse. Ihr Umfeld besteht ausschließlich aus Drogenkonsumenten. Sie hat ein sehr negatives Selbstbild, sie kann auf Befragung keinerlei positive Eigenschaften von sich selbst nennen. Sämtliche Freizeitaktivitäten sind verloren gegangen.

Das heißt, Cannabis macht dumm….?

Das ist natürlich sehr drastisch dargestellt, aber Studien belegen, dass bei Jugendlichen, die Cannabis sehr regelmäßig konsumieren, der Intelligenzquotient um 8 bis 9 Punkte abfällt. Sie leiden unter Aufmerksamkeitsproblemen, haben Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Die Studien lassen keinen Zweifel mehr daran, dass Cannabis Hirnschäden im Jugendalter verursacht. Das menschliche Hirn ist ja erst mit 21 oder 22 Jahren relativ ausgereift.

In Ihrer Praxis sehen Sie täglich die Opfer von jahrelangem Cannabis-Konsum. Was kann der Stoff im schlimmsten Fall anrichten?

Jeder zweite Jugendliche, der sehr regelmäßig kifft, wird körperlich abhängig. Cannabiskonsum ruft Depressionen und Angststörungen hervor. Bei uns werden jedes Jahr 1600 Patienten zwischen 12 und 28 Jahren ambulant oder stationär behandelt. Drei Viertel davon, also 1200 Fälle kommen mit Störungen durch Cannabiskonsum zu uns. Häufig sind bei ihnen Aufmerksamkeit, Handlungsplanung und Lernfähigkeit eingeschränkt. 

Bei Erwachsenen leidet das Gehirn ja nicht so, oder?

Nur damit es klar ist: Auch Konsumenten, die erst im jungen Erwachsenenalter mit einem regelmäßigen Konsum von Cannabis angefangen haben, zeigen Intelligenzeinbußen - wenn auch nicht so stark wie bei Jugendlichen. Sie haben oft Probleme mit dem Gedächtnis, also der Erinnerung. Und dabei meine ich nicht die Rauscheffekte! Und ich muss warnen: Bei älteren Patienten sind auch schon Herzinfarkte infolge des Cannabiskonsums aufgetreten.

Belegt ist doch auch, dass Cannabiskonsumenten häufiger an Psychosen erkranken als Nichtkonsumenten…

Ja. Das Risiko, an Psychosen zu erkranken, ist um das 3,4fache höher als bei Cannabisabstinenten. Ich habe hier einen 16-jährigen Jungen in Behandlung, der über den Cannabiskonsum in einen Verfolgungswahn reingerutscht ist. Er geht davon aus, dass er immer beobachtet und verfolgt wird. Er beschreibt, äußere Kräfte würden ihm Gedanken eingeben, in dem Sinne, dass er bestimmte Dinge sagen oder ausführen soll. Er hört Stimmen von unbekannten Personen, die ihm sagen, dass er ein schlechter, unfähiger Mensch ist. Er hat keine Möglichkeit, Freude oder starke Traurigkeit zu empfinden, er ist sehr stumpf. Kontakte jeder Art machen ihm Angst. Er muss sich oft in sein Zimmer zurückziehen.

Was raten Sie Eltern, was können die tun, damit ihre Kinder möglichst nicht Cannabis-abhängig werden?

Das Wichtigste ist, dass Vater und Mutter eine gemeinsame Position haben. Wir sehen immer wieder, dass viele Eltern sehr tolerant sind und sagen: „Ein paar Mal kiffen im Jugendalter kann ja nicht so schlimm sein, wir haben das früher doch auch mal gemacht.“ Das halte ich für grundsätzlich falsch. Mein Rat an Eltern lautet: Beide sollten Kiffen ganz klar ablehnen. Sie müssen es nicht verbieten, aber sie sollten mit ihrem Kind darüber ins Gespräch kommen. Das Kind muss wissen, dass seine Eltern Cannabis nicht gut finden.

Würden Sie ihren Kindern erlauben, einen Joint zu rauchen?

Wir Kinder und Jugendpsychiater sagen ganz klar: Bis zum 18. Lebensjahr sollte überhaupt kein einziger Joint geraucht werden. Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass sich schon gelegentlicher Cannabis- Gebrauch im Jugendalter ungünstig auf die Entwicklung des zentralen Nervensystems auswirkt. Cannabiskonsum sollte im Jugendalter absolut vermieden werden

Befürworter behaupten, Cannabis sei wesentlich harmloser als Alkohol. Sie argumentieren: 70.000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen von Alkohol. Kein einziger Mensch stirbt an Cannabis…

Das kann man in dieser Absolutheit so nicht sagen. Natürlich liegt die Zahl deutlich niedriger, aber das ist ja auch logisch: 30 Prozent der Deutschen rauchen regelmäßig, etwa 14 Prozent trinken riskant viel und nur ein bis zwei Prozent konsumieren täglich Cannabis. Dadurch gibt es natürlich viel mehr Erkrankungen durch Alkohol und Tabak als durch Cannabis. 

Kritiker werfen Ihnen vor, berufsbedingt verblendet zu sein, weil sie nur mit Suchtkranken zusammenkommen, aber nie mit normalen Erwachsenen, die kontrolliert mal einen Joint rauchen. Nehmen Sie diese Kritik an?

Ja und Nein. Ich bin geprägt durch das, was wir hier tagtäglich bei den Jugendlichen sehen. Ich bleibe bei der Position, dass Gesundheitspolitik alles tun muss, um Cannabiskonsum im Jugendalter zu verhindern. Dazu gehört aus meiner Sicht neben Prävention und Hilfestellung auch ein repressiver Umgang mit Angebot und Handel und nicht eine Erweiterung des Marktes.

Politiker von SPD, Grünen und FDP zeigen sich in der anbahnenden Ampelkoalition aber aufgeschlossen gegenüber einer Cannabis-Legalisierung. Was halten Sie davon?

Nichts. Wir haben derzeit eine erfolgreiche Cannabispolitik in Deutschland, wie vergleichende europäische Studien zeigen. Der Anteil der regelmäßigen Konsumenten ist gering, der illegale Markt begrenzt und es gibt gute Präventions- und Hilfsangebote. So gesehen gibt es überhaupt keinen Handlungsbedarf in Richtung Legalisierung. Länder wie die USA, Kanada und Portugal, die Cannabis legalisiert haben, zeigen, dass der Konsum im Zusammenhang mit der Legalisierung um etwa 30 Prozent steigt und die damit verbundenen psychischen Störungen um etwa 25 Prozent höher liegen als in Staaten ohne Legalisierung.

Aber selbst ihr Medizin-Kollege, der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, hat sich für eine Legalisierung ausgesprochen…

Mit Verlaub, ich kenne Herrn Lauterbach persönlich und schätze ihn sehr. Ich fand den Part, den er bei Corona gespielt hat, auch ausgesprochen wichtig und exzellent. Aber zu sagen, wir müssen legalisieren, weil sich in Cannabisprodukten Heroinbeimischungen befinden und Jugendliche dadurch an harte Drogen angefixt werden, ist fern von unseren klinischen Erkenntnissen. Es gibt keine Cannabisprodukte, die mit Opioiden versehen sind. Es ist unfair, wenn Politiker Legalisierungsbestrebungen mit so bescheidenden Argumenten unterlegen.

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