Baugebiet Bingum II

Zwang zum Anschluss an Nahwärme ärgert Kaufwillige

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 28.10.2021 19:03 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bauplätze im Baugebiet Bingum II sind heiß begehrt – trotz der Verpflichtung, sich zehn Jahre lang an ein Nahwärmenetz zu binden. Foto: Stromann
Bauplätze im Baugebiet Bingum II sind heiß begehrt – trotz der Verpflichtung, sich zehn Jahre lang an ein Nahwärmenetz zu binden. Foto: Stromann
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Die 30 Bauplätze im neuen Baugebiet Bingum II sind heiß begehrt. Eine Bedingung schlucken einige der Interessenten aber nur mit Mühe.

Leer - Bauplätze in Leer sind seit Jahren rar gesät. Entsprechend groß war die Freude, als die Ausschreibung für die Grundstücke im Baugebiet Bingum II zwischen Hemterweg und der Bingumgaster Straße begann. Die Politik hatte von Vornherein einen großen Wert darauf gelegt, die Quadratmeterpreise im Rahmen zu halten, um auch Familien mit einem kleineren Einkommen zum Zug kommen zu lassen.

Was und warum

Darum geht es: Wer ein Grundstück im Baugebiet Bingum II will, muss sich für zehn Jahre an ein Nahwärmesystem anschließen lassen. Das schmeckt nicht allen.

Vor allem interessant für: heutige und zukünftige Bauherren

Deshalb berichten wir: Kaufinteressenten haben sich an uns gewandt und sich über die Vertragsbedingung beklagt.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Die Stadt konnte oder wollte sich die Investition nicht leisten, das Gebiet selber zu entwickeln, und hat deshalb die Fläche an EOC Immobilien aus Kluse verkauft. Ursprünglich wollte man dem Investor einen Quadratmeter-Verkaufspreis von maximal 75 Euro vorgeben, ließ sich aber davon überzeugen, dass das nicht realistisch sei. Die Preisspanne liegt nun zwischen 85 und 145 Euro pro Quadratmeter. Im Schnitt muss ein Quadratmeterpreis von rund 120 Euro gezahlt werden.

Mehr als 100 Kaufinteressenten

Die Grundstücke werden nach einem Punktesystem vergeben, bei dem Bewerber mit Kindern und einem geringen Einkommen bevorzugt werden. Es seien mehr als 100 Bewerbungen eingegangen, sagt Projektleiter Hans Thünemann. Die Familien mit den meisten Punkten haben Zusagen bekommen. Die anderen sind in der Warteschleife und kommen Ende November zum Zuge, falls ihre Mitbewerber nicht zugreifen.

Bei einigen, die den Zuschlag bekommen haben, gibt es aber nicht nur Freude: Wer in dem Baugebiet bauen will, muss sich verpflichten, zehn Jahre lang Wärme aus einem von der EWE betriebenen Nahwärmenetz mit Blockheizkraftwerk zu beziehen. Das erfuhren die Grundstücksinteressenten im August, die genauen Kosten im September. Anschluss, Bereitstellung der Anlage und deren Betrieb kosteten jeden Grundstücksbesitzer über zehn Jahre rund 25.000 Euro. Dazu kämen noch die verbrauchsabhängigen Kosten, rechnet Ramona Janßen aus Leer vor. „Eine ganz normale Gasheizung kostet vielleicht 6000 Euro und ist dann unsere.“ Sie ist die Mutter eines jungen Paares, das sich ein Grundstück gesichert hat.

Bauherren haben keine Wahl

„Für die EWE ist das ein Bombengeschäft“, sagt Janßen: Das Blockheizkraftwerk erzeuge Strom, den die EWE ganz normal verkaufen könne. Die dabei entstehende Abwärme werde an die Grundstücksbesitzer verkauft, die außerdem viel Geld für die Infrastruktur zahlten. Die Bauherren hätten keine Wahl, wenn sie ein Grundstück haben wollen. Sie könnten sich zehn Jahre lang weder für eine andere Heizart noch für einen anderen Anbieter entscheiden. „Für uns klingt das nach einem ziemlich unlauteren Vorgehen.“ Das könnten sich Investor und EWE nur leisten, weil Bauplätze in Leer knapp seien und das Baugebiet sehr attraktiv sei.

In der Tat gingen höchstens vier oder fünf Grundstücke in die zweite Runde, wo die zugreifen können, die im Punkteranking weiter hinten liegen, sagt Thünemann. EOC habe sich für die Nahwärmeversorgung entschieden, weil das Unternehmen ein „zukunftsgerichtete Wärmeversorgung“ für das Baugebiet haben wollte, das auch ein Modell sein könne für andere Projekte in der Region. Vor der EWE habe man sich auf der Suche nach einem Partner an die Leeraner Stadtwerke gewandt. Die allerdings hätten abgewinkt, weil sie in diesem Bereich nicht aktiv seien.

Stadt ohne Einfluss

Die Stadtverwaltung hatte Interessenten mitgeteilt, dass sie keinen Einfluss darauf habe, ob in dem Baugebiet ein Nahwärme-Netz errichtet werde. Die Stadt sei aber über die Pläne informiert worden und habe seiner Kenntnis nach die politischen Gremien informiert, betont Thünemann. In der Tat waren die EOC-Pläne im Mai Thema im nichtöffentlich tagenden Verwaltungsausschuss. Da war von einer „ökologischen, effizienten und wirtschaftlichen Versorgung mit Raumwärme“ die Rede.

An der Wirtschaftlichkeit – jedenfalls aus Sicht der Verbraucher – habe sie deutliche Zweifel, sagt Ramona Janßen und ist sich darin mit Michael Runden einig, der für die LWG-Fraktion eine Stellungnahme der Stadtverwaltung erbeten hatte. Die Stadt habe lediglich erlaubt, dass EWE die notwendigen Leitungen in den Boden bringt, teilte Stadtsprecherin Sabine Dannen auf Anfrage mit. Sie habe aber weder ein Versorgungssystem vorgeschlagen noch ausgeschlossen. Und die privatrechtlichen Verträge zwischen Investor und Grundstückskäufern werde die Verwaltung nicht bewerten.

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