Osnabrück
Bäcker und Handel fordern flexiblere Arbeits- und Öffnungszeiten am Sonntag
Wer Lust hat auf ein frisches Sonntagsbrötchen, kann heute zum nächsten Bäcker gehen. Möglich macht das eine Gesetzesänderung vor 25 Jahren, die auch die Öffnungszeiten im Handel liberalisierte. Dort bleibt die Sonntagsöffnung ein Dauerthema.
Wem vor 25 Jahren erst um 19 Uhr einfiel, dass beispielsweise nicht genug Chips im Haus waren, der hatte schlechte Karten. Denn die Supermärkte und Discounter waren längste geschlossen. Und auch das frische Sonntagsbrötchen gab es nicht. Das änderte sich - zumindest in Teilen - am 1. November 1996 mit einem bundesweit geltenden neuen Ladenschlussgesetz: Von da an durften Geschäfte von Montag bis Freitag zwischen 6 und 20 Uhr öffnen, an Samstagen immerhin von 6 bis 16 Uhr. Und die Bäcker durften auch am Sonntag backen.
Sonntag bei vielen Bäckern der umsatzstärkste Tag
Das frische Sonntagsbrötchen ist seither auf breite Resonanz gestoßen, so die Bilanz des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. „Für viele Handwerksbäcker hat sich der Sonntag zum umsatzstärksten Tag entwickelt“, sagt Hauptgeschäftsführer Daniel Schneider. Den Tag gelte es zu nutzen, um sich gegen die starke Konkurrenz von Tankstellen, Supermärkte und Discounter zu behaupten. Er sei damit unverzichtbar. Schneider betont aber auch, dass Betriebe nicht verpflichtet seien, sonntags zu öffnen. „Sie können dies aber tun und eine deutliche Mehrheit der Handwerkbäckereien tut dies“, so der Hauptgeschäftsführer.
Auch im Handel sieht Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten als wichtigen und richtigen Schritt. „Gerade im Lebensmitteleinzelhandel nutzen Kundinnen und Kunden die längeren Öffnungszeiten gerne, um nach dem Arbeitstag auch noch später in den Abendstunden einzukaufen“, sagt er. Inwieweit Händler die möglichen Öffnungszeiten ausschöpften, sei dabei sehr differenziert und beispielsweise auch von der Gemeindegröße abhängig. „Die Liberalisierung der Vorgaben zur Ladenöffnung hat dazu geführt, dass die Händler mehr Entscheidungsfreiheit haben: An den Standorten, wo es sich lohnt, wird dann länger geöffnet, an den anderen eben nicht.“
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Sonntagsöffnung im Handel bleibt Dauerstreitthema
Doch in einem Punkt unterscheiden sich Handel und Handwerksbäcker: Während das frisch gebackene Brötchen am Sonntag selbstverständlich geworden ist, ist die Sonntagsöffnung im Handel ein Dauerthema. Seit 2006 ist die Ladenöffnung zudem wieder Ländersache. Das Resultat ist ein Flickenteppich, jedes Bundesland regelt verkaufsoffene Sonntage im Handel anders.
Genth sieht insgesamt Handlungsbedarf. „Nur beim Einzelhandel muss sonntags im Regelfall alles dicht sein. Das ist längst nicht mehr zeitgemäß“, sagt er mit Verweis auf Restaurants und Gaststätten, Theater, Kinos, Museen und viele Fabriken, wo ganz selbstverständlich sonntags gearbeitet werde. Und auch mit Blick auf Nachbarstaaten kritisiert er: „In keinem anderen EU-Staat ist die Sonntagsöffnung derart beschränkt wie in Deutschland. Eine deutsche Sonderrolle ist hier nicht nachvollziehbar.“
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Handel und Bäcker fordern mehr Flexibilisierung
Für den HDE-Hauptgeschäftsführer ist die Debatte um die Sonntagsöffnung nicht abgeschlossen, ganz im Gegenteil. Er fordert: „Die kommende Bundesregierung muss eine breite und gesamtgesellschaftliche Debatte anstoßen, um für die seit Jahren für den Handel und die Innenstädte verfahrene Situation bei Sonntagsöffnungen Lösungen zu erarbeiten.“ Dem Bund kommt Genth zufolge dabei eine Schlüsselrolle zu - obwohl die Sonntagsöffnung Ländersache ist. „Das Thema gehört definitiv mit ganz oben auf die Agenda einer neuen Koalition sowie der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten. So wie es jetzt läuft, kann es nicht weitergehen.“
Und nicht nur der Handelsverband ist mit den aktuellen Regelungen noch nicht zufrieden, auch beim Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks erhofft man sich in Zukunft mehr. Denn: Arbeitnehmer dürften an Sonn- und Feiertagen maximal drei Stunden mit der Herstellung oder dem Ausfahren von Backwaren beschäftigt sein. „Das reicht heutzutage immer weniger aus“, sagt Hauptgeschäftsführer Daniel Schneider.
Daher setze sich der Zentralverband gegenüber der Politik auf Bundesebene für eine Flexibilisierung der zulässigen Arbeitszeit in der Herstellung von Backwaren ein. „Es muss aus unserer Sicht eine Gleichbehandlung zum Wettbewerb geben, sodass auch die Kunden eine Wahlfreiheit haben zwischen handwerklichen Bäckerbrötchen und der aufgebackenen Industrieware“, fordert Schneider.